Sag beim Abschied leise Servus

Zwei Jahre lang habe ich hier in Kais Namen über seinen Weg seit dem Schlaganfall berichtet. Das war oft gar nicht so einfach, da ich zuvor keine Erfahrung mit Aphasie hatte und mir alles, wovon ich hier geschrieben habe, allein erarbeiten musste.

Es war eine emotional sehr intensive Zeit, in der wir viel miteinander erlebt haben. Teil des Weges sein zu dürfen, auf dem es Kai immer besser geht, ist eines der größten Dinge, die ich bisher erfahren durfte.  Und zu sehen, wie unsere Artikel auch andere bewegt, ja sogar Betroffenen geholfen haben, war einfach großartig.

Inzwischen geht es Kai um einiges besser und meine Zeit als Chronistin ist zu Ende. Wann Kai wieder selbst schreiben kann, wissen wir noch nicht. Aber er hat es fest vor und tut auch weiterhin alles, um dieses Ziel zu erreichen. Ich werde seinen Weg natürlich weiter begleiten, auch wenn ich hier nicht mehr schreibe.

Auf annetteschwindt.de sowie über Social Media bin ich weiterhin erreichbar. Danke an alle, die meine Artikel hier mitgelesen und weitergesagt haben. Live long and prosper!

 

Titelfoto: pixabay

Ab jetzt motorisiert

Die letzten Wochen waren ganz schön anstrengend für Kai, da er vorübergehend ohne sein Rad auskommen musste. Über anderthalb Jahre ist es her, dass ihm über das Crowdfunding #einRadfuerKai sein Liegefahrrad finanziert wurde. Seitdem fährt er täglich damit. Ob nur zum Spaß, ob zur Therapie oder zum Einkaufen: Ohne den Scorpion geht gar nichts. Und auch wenn ihm das Fahrradfahren zu mehr Bewegung und damit zu vielen anderen Fortschritten verholfen hat, so musste Kai sich doch eingestehen, dass er wegen seiner verminderten Herzleistung körperlich einfach nicht so kann wie er möchte. Weitere Strecken oder das Fahren bei ungemütlichem norddeutschen Wetter erwiesen sich mit der Zeit als zu anstrengend.

Abhilfe schafft nun ein Zusatzmotor. Doch um den einbauen zu können, musste das Rad eingeschickt werden. Damit war Kai gezwungen, sich zu Fuß und mit dem Bus fortzubewegen. Das kostete ihn nicht nur viel Kraft, sondern auch viel mehr Zeit als sonst. Außerdem konnte er nicht zur nächstgelegenen Bushaltestelle, da die Straße wegen eines Brandes länger für den Bus gesperrt war. Statt Einkäufe in die neuen Fahrradtaschen oder seinen Anhänger zu packen, blieb ihm nur der Rucksack, den er aber nicht weit schleppen kann.

Seit ein paar Tagen ist der Scorpion nun wieder bei seinem erleichterten Besitzer. Bis zu 25 km/h erreicht Kai jetzt mit dem Elektromotor. Der ist überraschend klein und vorn im Tretlager eingebaut. Hinter dem Sitz ist außerdem der Akku positioniert:

Damit kann Kai jetzt auch bei Gegenwind oder auf längeren Strecken klar kommen und vor allem wieder seinen Alltag unabhängig bestreiten.

Übrigens: Die alten blauen Fahrradtaschen mit den Namen der Spender hängen inzwischen bei Kai zuhause an der Wand und erinnern weiter an #einRadfuerKai.

Viel zu tun

In den vergangenen Wochen war es ziemlich ruhig hier im Blog, was unter anderem daran liegt, dass Kai inzwischen ziemlich beschäftigt ist. Wenn er keine Therapien hat, dann besucht er Konzerte oder Lesungen oder Freunde und Familie, oder ist in seiner Funktion für den Aphasieverband unterwegs. Zusätzlich hilft er derzeit auch noch zwei Schülerinnen der Berufsfachschule für Logopädie in Oldenburg, die für ihre Abschlussarbeit ein Therapiematerial evaluieren sollen. Testperson: Kai.

„Es geht dabei um Satzaufbau“, erklärt mir Hannah Stebel, Einrichtungsleiterin der Berufsfachschule. Die beiden Schülerinnen müssen über einen Zeitraum von mehreren Wochen immer dieselben Aufgaben mit Kai machen, um herauszufinden, ob das dafür genutzte Therapiematerial praxisgeeignet ist, oder nicht. Denn nur weil man etwas immer wieder übt, heißt das bei Aphasie nicht unbedingt, dass es funktioniert. „Kai macht sich aber richtig gut“, freut sich Hannah. Und Kai tut es für die Schülerinnen gern, auch wenn es für ihn als Freigeist nicht so interessant ist, wenn er immer wieder dasselbe machen soll. Geübt werden Relativsätze (Ich sehe den Mann, den der Hund gebissen hat.), Passivsätze (Ich sehe den Mann, der vom Hund gebissen wurde.) und Wen-Fragen (Wen hat der Hund gebissen?). Noch ein paar Sitzungen liegen vor Kai, dann ist es geschafft.

In der regulären Logopädie geht es derweil Schritt für Schritt mit Lesen und Schreiben voran, so dass Kai sich inzwischen eher mal mit einem Buch zurückzieht als sich vor den Fernseher zu setzen. Als ich im September an einer seiner Logopädiesitzungen teilnehmen durfte, war ich platt, wie gut das schon funktioniert. Allerdings liest Kai nicht nach Buchstaben und Lauten, so wie es die meisten in der Schule gelernt haben. Er hat sich als Kind das Lesen selbst beigebracht, indem er das Gesamtblid von Worten betrachtete. Das macht es jetzt natürlich schwierig, wenn das Wiedererlernen auf dem Zuordnen von Lauten zu Buchstaben basiert. Aber es läuft!

Nachtrag: Und jetzt ist es zum ersten Mal passiert, dass Kai mich auf einen Tippfehler in diesem Artikel aufmerksam gemacht hat, als er ihn zum Absegnen gelesen hat! Es geht immer weiter voran! 🙂

Wie schon in meinem Blog beschrieben, war ich im September eine Woche lang bei Kai. Im Oktober war Kai dann wieder ein paar Tage bei uns, da wir schon vor ein paar Monaten Karten für das Branduardi-Konzert in Köln gekauft hatten. Kai und Thomas haben sich beim Karten besorgen ein paar Tage vorher in Köln noch halb verlaufen und nach dem Konzert streifte unser Auto leider im Parkhaus eine Säule… Aber das Konzert war gigantisch und auch die sonstigen Tage in Bonn dank tollem Spätherbstwetter richtig schön. Zum Schluss noch ein paar Fotos, die Kai bei seinem Besuch gemacht hat:

Titelfoto ©  Annette Schwindt
Fotogalerie © Kai-Eric Fitzner

Lasst uns über Aphasie reden

 

Fast jedes Mal, wenn uns jemand besucht, um Kai kennenzulernen, höre ich nachher solche Aussagen wie „Das mit der Aphasie hatte ich mir aber schlimmer vorgestellt“. Das ist natürlich lieb gemeint und auch ein schönes Lob für die Fortschritte, die Kai sich schon erkämpft hat. Woher sollen es die Leute auch besser wissen? Bei denen, die es wissen, hinterlässt es aber einen bitteren Nachgeschmack, weil man wieder einmal allein damit zurückbleibt, wie schlimm Aphasie für den Betroffenen, aber auch für sein Umfeld tatsächlich ist.

Ich musste das selbst auch erst lernen, denn wenn man sich nur mal kurz über Aphasie informieren will, ist da hauptsächlich von Sprachproblemen nach Schlaganfall die Rede und dass es verschiedene Formen von Aphasie gibt. Das mit dem Sprechen ist eben das Erste, was einem auffällt. Alles Weitere, von dem ich hier schreibe, habe ich erst durch eigene Erfahrung gelernt.

Sprachverwirrung

Jeder Aphasie-Fall ist anders, deshalb kann ich hier nur von Kai und mir erzählen. Was ich dabei zunächst einmal verstehen lernen musste: Bei Kai ist die Schnittstelle beim Sprach-Ausgang und -Eingang geschädigt. Was das bedeutet, ist wirklich schwer zu erklären. Zum einen bedeutet es, dass Sachverhalte, die ihm im Kopf völlig klar sind, gar nicht oder nicht wie gewollt ausgesprochen werden können, sondern unterwegs quasi zerbröseln oder sich verdrehen. Heraus kommt Salat oder nur ein Fragment dessen, worum es geht. Umgekehrt versteht er den Sinn der Sprache, die er hört, nicht immer vollständig. Das gilt vor allem dann, wenn Sätze lang und verschachtelt sind und viele Namen enthalten.

Da Kai schon über drei Jahre an diesem Problem arbeitet, kommt er inzwischen mit gewissen Standardsituationen so gut klar, dass man die Aphasie nicht oder nur bei genauem Aufpassen bemerkt. Hinzu kommt, dass er in gewohnter Umgebung und mit vertrauten Menschen in der Nähe sicherer im Sprechen ist. Wenn dann noch ein guter Tag dazu kommt, dann merkt man wirklich kaum etwas. Aber da hin zu kommen, war bereits richtig harte Arbeit.

Es ist unglaublich wie Kai immer weiter kämpft und dabei nicht die Geduld oder seinen Humor verliert. Wer sich nur einmal ernsthaft in seine Situation hineinzudenken versucht, wird erkennen, wie sehr einen schon allein dieses Sprachproblem von der Welt isoliert. Denn man kriegt nicht nur das, was man sagen will, nicht kommuniziert, sondern bekommt auch nur unvollständig Sinn in das, was an einen herangetragen wird. Und das, während man im Kopf völlig klar ist. Das betrifft auch Schreiben und Lesen. Als würde man in einer Sprache denken, beim Versuch seine Gedanken mitzuteilen, eine zweite Sprache produzieren und das, was man hört, ist eine dritte Sprache.

Soziale Isolation

Dieses Sprachproblem allein isoliert den Betroffenen wie gesagt schon von der Welt. Eine Folge des Nicht-Verstehen-Könnens ist aber auch, das soziale Interaktionen für ihn zu Stolperfallen werden. Wenn einem der sprachliche Kontext fehlt, woher weiß man dann, was gerade Sache ist?

Also hat Kai zunächst Standardsituationen eingeübt und welche Worte und Verhaltensweisen dafür typisch sind: Sich begrüßen und verabschieden, fragen, wie es geht und das beantworten, ich bin müde, ich hab Durst/Hunger etc. Aber außerhalb dessen lief Kommunikation zu Anfang nur stichwortartig und das mit den für Aphasie typischen Verwechslungen und Verdrehungen. Und so waren wir zunächst damit beschäftigt, Sinn in den Wortsalat zu bekommen. Das außerhalb von Therapien täglich via Skype anzugehen, war für uns beide eine sehr intensive Erfahrung.

Als wir uns dann auch persönlich trafen, wurde das Ganze noch komplexer. Das mit den Standardsituationen wusste ich da noch nicht und brachte ihn mehr als einmal aus dem Konzept, indem ich ihn nichtsahnend außerhalb solcher Standardsituationen katapultierte. Seine dabei eintretende Schockstarre verwirrte mich total. Was war plötzlich los? Es dauerte Monate bis ich es herausfand: Er konnte die Situation nicht zu einer der gelernten zuordnen und wusste einfach nicht, wie er reagieren sollte.

Das Schlimme dabei: Das bezog sich auch auf Nähe! Gerade das, was man ohnehin besser nonverbal ausdrückt. Gerade das, was man jemandem geben möchte, von dem man weiß, dass er in sich allein feststeckt! Meine erste Reaktion war natürlich, ihn gerade in verzweifelten Situationen in den Arm zu nehmen und zu drücken. Das funktionierte lange nicht. Erst als er sprachlich so weit war, ansatzweise mitteilen zu können, was beim Drücken mit ihm passiert, konnten wir das Problem angehen: Wir machten eine neue Situation zum Üben daraus. Aber der Weg dahin war richtig hart. Erleben zu dürfen, wie das Zeigen von Nähe immer selbstverständlicher für ihn wird und wie er dabei millimeterweise lernt Stress loszulassen, ist hingegen ein riesengroßes Geschenk!

Andere Folgen

Was unsere vielen Gespräche außerdem bewirkt haben: Kai setzt den Verständnis-Standard bei mir inzwischen deutlich höher an, als bei anderen. Wenn ich dann aber mal einen schlechten Tag habe und dem nicht gerecht werden kann, dann ist selbst der geduldigste Kai irgendwann am Ende mit den Nerven. Wer kann es ihm verdenken? Mir wiederum tut das sehr weh, weil ich mich ja gerade bemühe, ihm gerecht zu werden. Aber ich bin halt auch keine Maschine. Zum Glück können wir inzwischen darüber reden und dank der wachsenden Vertrautheit schnell wieder gut miteinander sein.

Was wir außerdem begreifen mussten: Das Gehirn lernt in Wellen. Am Anfang war Kai oft niedergeschlagen, wenn nach einer Zeit der Fortschritte plötzlich nichts mehr vorwärts zu gehen schien oder sogar wieder ein bisschen schlechter wurde. Erst mit der Zeit begriffen wir, dass das Gehirn nach neu Gelerntem eine Ruhephase braucht, in der es Anlauf für Neues holt. Auch von einem Tag auf den anderen kann es mal gut und mal schlechter laufen. Nur weil heute etwas gut funktioniert, kann man nicht voraussetzen, dass es das morgen auch tut. Aber dann kommen wieder wie aus dem Nichts große Sprünge, dann wieder Nebel, dann wieder der nächste Fortschritt.

All das erfordert nicht nur enorm viel Geduld, sondern ist emotional extrem fordernd. Mit anderen darüber reden ist schwierig, wenn derjenige solche Situationen nicht selbst kennt oder bereit ist, sich wirklich reinzudenken. Das macht einsam, weswegen viele Aphasiker und ihr nächstes Umfeld sich isoliert fühlen. Bei manchem zerbrechen selbst die nächsten Bande, weil man den Herausforderungen nicht mehr gewachsen ist.

Reden hilft

Wenn also jemand zu mir sagt: „Das mit der Aphasie hatte ich mir schlimmer vorgestellt“, dann atme ich einmal tief durch und werde künftig auf diesen hier Text verweisen. Es ist Kai und mir nämlich ein großes Anliegen, dass die Menschen besser verstehen lernen, was es mit Aphasie auf sich hat und wie sehr Betroffene und ihr Umfeld darauf angewiesen sind, dass es Menschen gibt, die sich die Mühe machen, zuzuhören und mit einem ernsthaft darüber zu reden. Und das jenseits von Therapien und Selbsthilfegruppen, sondern mitten in der Gesellschaft.

Danke an alle, die diesen Text lesen und weitersagen.

Titelfoto: Benedikt Geyer

In einem Prius nach Paris – und zurück

Da weder Kai noch Thomas bisher in Paris waren, hatten wir uns um Silvester herum vorgenommen, das zu ändern. Zuerst wollten wir im März hinfahren, aber dann kam die Kältewelle und wir verschoben das Ganze auf Ende Juni – nicht ahnend, dass wir damit mitten in eine Hitzewelle geraten würden. Außerdem lag das Ganze auch noch mitten in der Fußball-WM-Zeit… Naja, wir hatten über airbnb ein Appartement im 20. Arrondissement gleich hinter Père Lachaise gebucht, das einen Fernseher hatte. Somit war zumindest in Sachen Fußball alles vorbereitet.

Kai hatte vor unserer Abreise schon recherchiert, welche besonderen Restaurants es in der Nähe unserer Wohnung gibt, und war auf ein afrikanisches Lokal namens Pitch Me aufmerksam geworden, das wir dann auch zweimal während unseres Aufenthalts besuchten und geschmortes Huhn, Lammcurry und afrikanisch abgewandelte Cocktails genossen.

Kai im Pitch Me

Was wir vorher nicht gewusst hatten: Das ganze Viertel (Saint Fargeau) ist nordafrikanisch/maghrebinisch geprägt. Und so hörten wir  nicht nur die Kirchenglocken läuten, sondern auch den Muezzin rufen, und unser Bäcker um die Ecke hatte neben den üblichen Croissants und Baguettes auch nordafrikanische Patisserien in der Auslage.

Auf unseren Erkundungsgängen durch das Viertel ließ sich Kai immer wieder bestätigen, dass er Schilder oder andere Beschriftungen richtig gelesen und verstanden hatte. „Es kommt wieder“, freute er sich mehr als einmal. Selbst dem gesprochenen Französisch konnte er einigermaßen folgen. Und so war es kein Problem für ihn, auch mal allein einkaufen zu gehen. „Mit Händen und Füßen geht das“, grinste er.

In unserem Stamm-Supermarkt gleich vor der Haustür entdeckte er gleich zu Anfang einen Rosé aus einem Weingut von Gérard Dépardieu, der zu unserem Hauswein wurde:

Vor- und Rückseite der Rosé-Flaschen

Außerdem lernten Kai und Thomas auf mein Schwärmen hin den in Deutschland leider nicht erhältlichen fromage blanc kennen und schätzen. Auch der wurde, wie die morgendlichen Croissants, zur Standardausstattung auf unserem Speiseplan.

Leider lief der Paris-Aufenthalt wegen einiger Unwägbarkeiten mit dem Auto und der Wohnung nicht wie geplant. Aber wir machten das Beste daraus und hatten zumindest einen Tag in der Innenstadt, bei der wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten via Stadtrundfahrt im eigenen Auto und einem Spaziergang an der Seine abhaken konnten. Einen typischen Touri-Urlaub hatten wir ohnehin nicht geplant.

Hier Kais Fotos (zum Vergrößern bitte anklicken):

Zurück in Bonn

Die Rückfahrt nach Bonn traten wir einen Tag früher als geplant an, u.a. auch um das Viertelfinale mit Brasilien nicht zu verpassen. Außerdem hatte sich Rouven, einer der wichtigsten Unterstützer bei #einRadfuerKai, der auch schon an der Aktion #einBuchfuerKai maßgeblich beteiligt gewesen war, zu Besuch angesagt. Zusammen mit seiner Frau Saskia konnte er Kai nun endlich persönlich kennenlernen und sich live von dessen Fortschritten überzeugen.

Nach einer weiteren Woche, in der wir es uns in Bonn gut gehen ließen, reiste Kai dann weiter zu seinem Vater nach Magdedeburg, um dort das WM-Endspiel anzuschauen und noch eine Woche Urlaub zu machen bevor es wieder mit den Therapien weitergeht.

Alle Fotos © Annette Schwindt
außer Fotos 3-7, 9,10 © Kai-Eric Fitzner

Weitere Bilder und Details zur Paris-Reise auf annetteschwindt.de

Vom „Croozen“ und von Surfproblemen

Nachdem Kais Rad doch ein wenig unter den winterlichen Temperaturen gelitten hatte, wurden kürzlich die heftig quietschenden Bremsen ausgetauscht. Bei dieser Gelegenheit wurde gleich eine Anhänger-Kupplung angepasst, denn Kai fährt jetzt mit Croozer (s. Bild oben). Mit diesem Anhänger kann er mehr und v.a. auch größere Dinge transportieren als sie bisher in seine Radtasche gepasst haben.

Das Transportieren von Daten ist derweil nicht so einfach für ihn. Die Internetverbindung in seiner WG hat Probleme und kann erst gegen Ende Juni repariert werden… Gleichzeitig verabschiedete sich auch noch sein Smartphone. Was für andere vielleicht ärgerlich ist, bedeutet für Kai einiges an Problemen, da er seinen Alltag stark digital organisiert. Auch in Sachen Aphasie sind digitale Hilfsmittel wichtig für ihn. Von unseren Skype-Gesprächen mal ganz zu schweigen. Diese Gespräche konnten wir inzwischen dank Kais großen Fortschritten mit Erfolg via Telefon weiter führen.

Nach ein paar Tagen fand sich glücklicherweise jemand, der Kai wenigstens eine improvisierte Leitung bauen konnte, und so schaffen wir es jetzt zumindest, Mails zu schicken oder kurze Videochats aufrecht zu erhalten. So konnten wir auch ein neues Smartphone bestellen, das wir bei Kais nächstem Bonn-Besuch einrichten werden. Das alte konnte er für die Übergangszeit nochmal wiederbeleben. (Wie Kai seine Zeit verbringt, wenn er bei uns in Bonn ist, habe ich übrigens kürzlich in meinem Blog aufgeschrieben.)

Bei Kais Geburtstagsparty im Mai haben wir außerdem unsere neuen Team-Shirts eingeweiht, die #teamsutsche als Kunstwerk der spanischen Künstlerin tutticonfetti ziert. Inzwischen haben wir auch alle noch welche mit unseren einzelnen Avataren vorn und dem kompletten Team auf dem Rücken:

Shirt von #teamsutsche mit den Bildern von tutticonfetti

Kleiner Nachtrag noch zum vorigen Blogartikel hier: Kais Logopädin meinte, es gebe bei diesen Aufgaben keine alleingültigen Antworten. „Utensilien“ sei daher genauso richtig gewesen, wie z.B. „Haushaltsgegenstände“, was man auch hätte antworten können. So oder so sei diese Frage vielleicht ohnehin nicht mehr zeitgemäß und fliegt daher vermutlich demnächst aus dem Aufgabenblatt. Mittlerweile beschäftigt sich Kai mit dem Schreiben und Buchstabieren und auch das nicht auf die althergebrachte Weise, sondern über die Phonetik.

Für kommenden März ist geplant, dass wir bei den Aphasietagen in Würzburg einen Vortrag über Kais Fortschritte dank digitaler Kommunikation halten werden. In Vorbereitung darauf hören wir gerade das Audiobook von Jill Bolte Taylor „My stroke of insight“, in dem die Neurowissenschaftlerin – wie schon in ihrem hier im Blog vorgestellten TED-Vortrag –  davon erzählt, wie sie ihren eigenen Schlaganfall erlebt hat. Und das natürlich in englischer Sprache! Zu einfach darf es bei Kai nicht werden, das wäre ja zu langweilig. 😉

 

Hausaufgaben gemacht

Bei seinem aktuellen Besuch in Bonn hatte Kai sich Hausaufgaben von seiner Logopädin mitgebracht. Da er durch seine Aphasie Probleme hat, Wörte zu finden, oder richtig zuzuordnen, sollte er üben, Oberbegriffe zu Gruppen von jeweils drei Wörtern zu finden. Das wäre ihm vor wenigen Monaten noch schier unmöglich gewesen. Jetzt aber, kann er die Wörter nicht nur schon gut lesen, sondern auch gut zuordnen Bei den Oberbegriffen war dann aber nicht nur er gefordert. Besonders bei einer Frage standen auch Thomas und ich erstmal ratlos da:

Finde den Oberbegriff zu:

Aschenbecher, Schüssel, Besen

Da keinem von uns was dazu einfiel, stellten wir das erstmal zurück. Andere Wortgruppen wie Gras/Blätter/Erbsen waren dann aus anderen Gründen tricky. Farben sind für Kai noch schwierig zuzuordnen. So weiß er hier zwar, dass alle drei dieselbe Farbe haben, aber wie man die spricht und schreibt, ist dann eine andere Sache. Aphasie ist wirklich eine komplizierte Sache…

Wieder andere Wortgruppen hätte manch einer vermutlich mit dem nächstgelegenen Begriff beantwortet: Pferd/Hund/Katze z.B. mit „Tiere“. Kais Hirn schickte ihm stattdessen, das ebenso richtige, aber um einiges komplexere „Säuger“. Genauso bei Sonne/Mond/Sterne: Statt „Himmelskörper“ platzte aus Star-Trek-Kenner Kai sofort ganz selbstverständlich „Milchstraße“ heraus.

Auch bei mündlichen Übungen, die wir am nächsten Tagen machten, gab Kai sich nie mit dem Offensichtlichen zufrieden: Auf „Nenne mal drei Instrumente.“, antwortete er „Tuba, Oboe und Geige“. Manche Frage wie die nach drei Bestandteilen vom Bett („Kissen, Decke, Matratze“) war ihm gar von Anfang an zu profan.

Aber zurück zu den Hausaufgaben: Die Suche nach dem Oberbegriff von Glas/Baumwolle/Papier gestaltete sich schon schwiergier. Und als das Wort dann endlich raus war und geschrieben vor ihm stand, meinte Kai: „Ach… material (englisch gesprochen)!“ und fing an „Material Girl“ von Madonna zu singen. „Sag das doch gleich!“, flachste er.

Dieses Vermischen von Englisch und Deutsch ist auch typisch für Kais Aphasie. Oft fallen ihm Begriffe in Englisch eher ein und so kann ein Satz dann schon mal aus deutschen und englischen Wörtern bestehen. Als mir dann endlich die Lösung zur ganz oben genannten Frage einfiel, machte ich mir das Sprachen-Vermischen zunutze, und fragte ihn: „In my kitchen I’m using many….?“ und bekam ganz prompt und selbstverständlich „utensils“ zur Antwort. Direkt übersetzen kann Kai durch die Aphasie meist nicht, also kämpfte er sich zunächst durch das Aufschreiben des englischen Worts durch, um dann am Schriftbild zu erkennen, wie das deutsche Wort heißt: „Utensilien!“

Unnötig zu erwähnen, dass ich stolz wie Bolle auf ihn bin! Noch vor wenigen Monaten wäre so eine Aufgabe völlig undenkbar gewesen. Heute kann er sie relativ zügig lösen, wobei das natürlich wie immer vor der Tagesform abhängig ist. Aber auch für den chronisch ungeduldigen Kai ist inzwischen nicht mehr zu leugnen, dass es zwar langsam aber stetig bergauf geht.

Durch die Erfahrung aus den vergangenen Monaten wissen wir mittlerweise auch besser einzuschätzen, was es zu bedeuten hat, wenn es mal stockt. „Ein Schritt zurück und dann zwei vor“ sagt Kai dazu, denn seine Fortschritte gehen immer denselben Weg: Nach einer sehr aktiven Phase scheint das Gehirn eine Pause zu brauchen und Anlauf zu holen bevor es dann wieder einen ordentlichen Sprung nach vorn tut.

Titelfoto © Annette Schwindt

Ältestes Fitznersches Manuskript wieder aufgetaucht

In Kais Bio wird sie erwähnt, doch zu Gesicht bekommen haben wir sie bisher nicht: Die Geschichte vom geschenkegierigen Hasen. Kais erstes schriftstellerisches Werk, handgebunden und verfasst im Alter von sieben Jahren zum Geburtstag seiner Oma. Bei seinem Umzug kürzlich ist das mittlerweile 40 Jahre alte Dokument wieder ans Licht gekommen. Hier ein Transkript:

Die Geschichte vom geschenkegierigen Hasen

Es begann an einem schönen Frühlingsmorgen. Alles im Silberwald schlief. Nur Hurzelpurzel und die anderen Hasen versammelten sich in Hurzelpurzels Wohnung und übten ein Geburtstaglied, denn heute hatte Purzelhurzel Geburtstag und am Nachmittag wollten sie ihm ein Ständchen bringen.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und sie standen vor Purzelhurzels Wohnung. Hurzelpurzel sagt: „1,2,3 und los!“ Und sie sangen: „Happy bothtey toyou, happy bothtey toyou, happy bothtey Purzelhurzel, happy bothtey toyou!“

Da machte Purzelhurzel das Fenster auf und rief: „Habt ihr auch Geschenke mitgebracht?“
„Nein“, riefen die Hasen im Chor.
„Dann schert euch zum Teufel!“

Am Abend kamen die Hasen wieder, mit Geschenken. Und wieder fragte Purzelhurzel: „Habt ihr Geschenke mitgebracht?“
Aber diesmal riefen die Hasen: „Ja!“
„Dann dürft ihr reinkommen!“

Als sie drin waren, gaben sie Purzelhurzel die Geschenke. Aber als er sie aufmachte, kriegte er einen Schock, denn aus jedem Paket war ein Sprungteufel. Und der von Hurzelpurzel hatte an der Nase einen Zettel auf dem stand:

Nicht nur von Geschenken wird man glücklich

Und jedes Jahr wenn Purzelhurzel Geburtstag hat, fragt er: „Habt ihr auch keine Geschenke mitgebracht?“

ENDE

Ein Tag im Leben eines Papstes

Hier noch ein schon älterer Text von Kai, der noch der Veröffentlichung harrte:

Ich muss gestehen, dass ich keinen Papst persönlich kenne und somit den folgenden Text bar jeder Detailkenntnis verfassen musste. Wobei es sich bei „verfassen musste“ um eine linguistische Zeitreise handelt, denn zum Zeitpunkt des Verfassens dieser zwei unscheinbaren Worte habe ich den Rest des Textes noch gar nicht ersonnen, so dass es richtig „verfassen werde“ heißen müsste. Allerdings bestünde dann die Gefahr, dass die geneigte Leserschaft sofort aufhört weiter zu lesen, weil sie davon ausgehen muss, dass der weitere Text noch gar nicht fertig ist und so stecke ich in einem furchtbaren Schlamassel.

Wenn wir aber mal ganz kurz und knapp, präzise und pointiert davon ausgehen, dass die Lesenden keinerlei Interesse an der eigentlichen Genese dieser Zeilen haben, sondern sie sich zu einem Zeitpunkt zu Gemüte führen da der Text in seiner Gesamtheit vorliegt, mögen derlei Betrachtungen auch als unnötig betituliert werden. „Richtig“, ruft da die versammelte Leserschaft, „das haben wir am Kontext erkannt. Erspare uns Deine jämmerlichen Zeilenfüller und schreibe, worum es eigentlich gehen soll in diesem Text, sonst gehen wir.“ Wie begonnen so zerronnen, fällt mir da ein, auch wenn das Sprichwort wohl anders lautet.

Da es sich bei dem kleinen Exkurs allerdings um ein subtiles didaktisches Döntje handelt, mögen die geneigten Leser noch einen Augenblick verweilen und das Stichwort „Kontext“ im Kopfe behalten, denn es wird noch wichtig werden. Doch zurück zum Papst.

Unser Papst wird allmorgendlich von vier Kardinälen geweckt. Der eine küsst ihm den päpstlichen Siegelring, auf dass der heilige Vater eingedenk seiner Insignien und Amtswürde erwachen möge, ein weiterer öffnet die Vorhänge und lässt frische Luft an das von Sorgen geplagte Haupt seiner Eminenz, der dritte bringt eine Kanne dampfenden Tees und die Tageszeitung, während der vierte noch schnell die puscheligen Plüschpantoffeln mit einer elektrischen Zahnbürste reinigt, bevor er sie am Fuße des Bettes abstellt. Danach müssen die Kardinäle wieder gehen und Schuhe putzen, Knöpfe annähen, des Papstes Korrespondenz sortieren oder Rosenkränze schnitzen. Unser Papst sitzt alsdann noch eine Weile verschlafen unterm Himmel seines Bettes und reibt sich die Äuglein mit der linken Hand, während die Rechte, den Henkel fest umschlossen, den Teebecher vor dem Gesicht seiner Durchlaucht hält, damit der päpstliche Odem den aufsteigenden Dampf vertreiben kann. Nach dem ersten Schluck wird dann der Becher auf dem Nachttisch abgestellt und die darauf am Abend abgelegte Brille zur Nase genommen. Nun lässt es sich vortrefflich aus dem Fenster schauen, wo der Papst den tirilierenden Vögeln bei der Balz interessiert, wenngleich auch kritisch, zuschaut. Erst dann widmet sich der gute Mann der Zeitung, blättert hin und blättert her, murmelt Dinge in seinen Bart, um schließlich, ganz Opfer seiner eigenen Überraschung, die Augen aufzureißen und aus voller Inbrunst in die Welt hinauszuschreien, was nun Thema sein soll in der päpstlichen Welt. Der Aufschrei lautete „Ganth unthweifelhaft eine Katathtrrrophe!“. Selbstredend wurde mit der eigenwilligen Schreibung dieser Exklamation der holprige Versuch unternommen, eine Eigentümlichkeit im Duktus unseres Papstes zu unterstreichen, womit wir versuchen, den Schleier seiner bislang geheim gehaltenen Identität ein wenig zu lüpfen. Doch genug gelüpft, bevor es gar noch kabarettistisch zugeht in diesem Texte.

Der Papst greift aufgebracht zum Glöckchen auf seinem Nachttisch und klingelt Sturm nach seinen Kardinälen, die auch prompt herbeigelaufen kommen. Die verblüffende Reaktionszeit legt den Verdacht nahe, dass die Kardinäle direkt vor der Tür standen, um des möglichen Gebimmels zu harren. Doch das findet der Papst nicht so ‚katathtrrrophal’, obwohl dieser Umstand doch wohl zu implizieren scheint, dass da ein paar hoch bezahlte, klerikale Fachkräfte den Großteil des Tages mit nutzlosem Herumlungern bestreiten.

„Brringt mirrr den Autht hierrherrr!“ herrscht der heilige Vater seine Kardinäle an, die sofort gemeinsam aufbrechen, um den natürlich sofort identifizierten Bruder Stefan zum Diktat herbeizuzitieren. Dieser sitzt alsbald mit zitternden Knien auf einem eigens von den Kardinälen bereitgestellten Schreibschemel und wartet auf die Eingaben des hohen Herrn. Und dieser spricht überlieferte Worte der Weisheit. Diese Worte nun gesammelt wiederzugeben würde vermutlich von der Leserschaft, die es bis hierher durchgehalten hat, wenngleich Hufe scharrend (an dieser Stelle hatte ich zuerst ‚hufescharrend’ geschrieben, aber da gab’s rote Wellenlinien von der Rechtschreibkorrektur), aufs Vehementeste abgelehnt werden, weshalb ich sie gerne zusammenfassen will. Im Großen und Ganzen hat seine Durchlaucht verkündet, dass die amtlich herbeigeführte Reform der anerkannten Orthographie das Land in den Untergang stürzt, weil man nun beim besten Willen nicht mehr sagen kann, dass der Literaturnobelpreis für Günther Grass auf eine angemessene wie durchdachte Weise von der Jury vergeben wurde, weil man das kostbare Wort ‚wohlverdient’ durch die ambivalente Formulierung ‚wohl verdient’, die eine ironische Note kolportiert, ersetzen muss. O je, was tun, jetzt wo Deutschland vor dem Abgrund steht? Das Beste wird sein, wir schreiben gar nicht mehr, weil’s ja missverstanden werden könnte. Natürlich gab es auch vor der Reform Ambiguitäten, aber die stellt der Herr Papst sehr gerne als dem Genpool behaftet dar, so dass es ja blasphemisch anmuten möge, dem heiligen Vater zu entgegnen, dass er da ganz furchtbaren Unsinn von sich gibt.

Der heilige Vater scheint aber von den komplexen Beziehungen zwischen Orthographie, Morphologie, Phonologie, Syntax, Semantik und Pragmatik in etwa soviel zu verstehen, wie ein anderer uns bekannter Papst von den Wonnen der durch Wasserbombenersatz herbeigeführten Empfängnisverhütung. Offenbar ist ihm nicht gewahr, dass Zweideutiges seltener durch das Beugen, Auseinanderzerren und Fehlbuchstabieren entsteht, als vielmehr durch fehlerbehaftete Kontextbildung. (Die aufmerksamen Leser, die jetzt ‚na sowas’ hauchen, weil sie den Kontexthinweis vom Beginn des Textes innerlich auflösen, sollten wissen, dass sie in Zukunft ‚na so was’ hauchen müssen, was zu bestimmt gar fürchterlichen Missverständnissen führen wird, über deren Ausmaß ich an dieser Stelle aus gesundheitlichen Gründen schweigen möchte, denn sonst gibt’s noch Magengeschwüre und wer braucht so was? Aber beglückwünschen möchte ich diese Leser dennoch, und zwar zu ihrer Aufmerksamkeit.)

Während der Papst noch redlich flucht, meldet sich Bruder Stefans Mobiltelefon, denn weitere Koryphäen haben den inneren und äußeren Aufschrei seiner Heiligkeit vernommen und haben das zutiefst aufrichtige Bedürfnis, sich zum Thema Orthographiereform zu melden, damit Bruder Stefan dies in seiner allmontaglich erscheinenden Postille dem Volke wie einen Spiegel vorhalten möge, wenn dieses debil anmutende Wortspiel an dieser Stelle gestattet sei. Wenn nicht, ist auch nicht schlimm, weil ich es nicht zurücknehmen werde. Das Vorhalten des Spiegels war übrigens in vergangenen Zeiten Aufgabe eines Hofnarrs, so dass die Narreteien, die hier dem Volke vorgespiegelt werden, vielleicht kein Zufall sind.

Im Bauche des Verfassers dieser Zeilen brodelt es gerade sehr stark, zum einen vor Appetit, zum anderen vor Wut über die intellektuellen Aussetzer eben jener Orthographiereformverweigerer. Ganz besonders schwillt mir der Kamm, wenn sich selbstgerechte alte Männer in der Öffentlichkeit nicht zu fein sind, einfach die alte Rechtschreibung wieder herbeizuführen. Warum denn eigentlich? Was mag dahinter stecken? Leider hege ich einen schlimmen Verdacht, der sich auch im privaten Umfeld immer mehr bestätigt. Es folgt nun also meine Ahnung, warum die Herren sich in der Öffentlichkeit so unvorteilhaft äußern, doch Vorsicht: es wird unbequem.

Im Jahre des Herrn 1995 war es glaube ich, dass von den Behörden verkündet wurde, dass die neue deutsche Rechtschreibung am 1.8.1998 in Kraft treten würde, wobei sie bis zum Sommer 2005 mit der alten deutschen Rechtschreibung gemeinsam Gültigkeit habe. Damals taten bereits große Teile des vermeintlichen Bildungsbürgertums ihren Unmut kund und auch ich war mir nicht zu schade die Drohung in die Welt zu schicken, ich werde mit sofortiger Wirkung ‚Thurm’ und ‚Thür’ wieder mit ‚th’ schreiben. Heute muss ich schmunzeln über meine derart lächerlich zur Schau gestellte Krawallbereitschaft, aber ich bin nun einmal ein glühender Anhänger der These, dass eine gewisse reflektierte Lernbereitschaft dem Zusammenleben mit anderen Menschen sehr zuträglich ist. Besonders viel Krawall in meinem Bekanntenkreis kam in den Reihen derer auf, die auch der alten Rechtschreibung überhaupt nicht mächtig waren und denen eine durch die Rechtschreibreform herbeigeführte Vereinheitlichung in der Schreibweise sicher gut getan hätte. Aber es war damals wie heute ganz schick, gegen die Reform und für die alte Rechtschreibung zu sein, die im Übrigen keineswegs von Moses auf Steintafeln dem Volke Israel überreicht wurde, sondern von verschrobenen preußischen Verwaltungsorthographen Anfang des letzten Jahrhunderts auf Grundlage der von Herrn Duden gesammelten und zusammen gestellten Regeln verordnet wurde. Walther von der Vogelweide hätte damals hörbar im Grab rotieren müssen, laut schreiend, dass man seine Texte niemals nach der Schreibung der preußischen Rechtschreibreform herausgeben darf – hat er aber nicht. Und auch heute rotiert niemand der großen Autoren der deutschen Literatur im Grabe. Die Rotierenden finden sich unter den lebenden Autoren, die Angst zu haben scheinen, dass man ihr Werk nicht mehr versteht, wenn es nur anders buchstabiert wird. Diese Sorge ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass ich nur mutmaßen kann, dass die Herrschaften sich einfach zu fein waren, sich in vergangenen Jahren mit der neuen deutschen Rechtschreibung zu befassen.

Faulheit und eitle Selbstgefälligkeit scheinen mitzuschwingen, wenn etwa Martin Walser verfügt, sein Werk dürfe nicht nach den Regeln der neuen Rechtschreibung gedruckt werden, weil … (hier kann der interaktive Leser irgend eines der drögen Anekdötchen einfügen, die diese schlauen Herren so absondern, wenn sie sich über die Reform echauffieren). Zunächst sei nämlich mal kurz vermerkt, dass Herr Walser vermutlich nicht die Zielgruppe seines eigenen Werks ist, d.h. er wird wohl kaum ständig seine eigenen Bücher lesen müssen. Wenn er aber nun befürchtet, seine heranwachsende Leserschaft könne seine Texte in anderer Schreibung nicht verstehen, dann hat er entweder Schwierigkeiten sich klar auszudrücken oder er unterschätzt das intellektuelle Potential seiner Leserschaft ganz erheblich. Auch frage ich mich, wie Herr Walser Übersetzungen seiner Werke in fremde Sprachen gegenüber steht, in denen möglicherweise ganz anders geschrieben wird, als es der Duden von 1880 nahe legt. Veröffentlicht Herr Walser im Ausland unter einem Pseudonym?

Andererseits entgeht ihm, wie vielen seiner Mitstreiter auch, dass es sich bei Rechtschreibung um Konvention handelt, die zu vereinfachen durchaus im Sinne des Schriftstellers ist. Da sich aber vermutlich auch die bekennenden Reformverweigerer diverser überregionaler Tageszeitungen und Wochenmagazine in den letzten Jahren nicht konstruktiv mit den Regeländerungen auseinandergesetzt zu haben scheinen, aus bloßer Faulheit, wie ich meine, kommt nun auf die heranwachsende Leserschaft tatsächlich ein großes Problem zu, da ihnen eine einheitliche Schreibung vorsätzlich verwehrt wird, und zwar vornehmlich von Leuten, die der Ansicht zu sein scheinen, dass ein Delphin kein in aquatischem Habitat anzutreffendes Säugetier mehr ist, wenn man ihn mit ‚f’ schreibt.

Und noch ein Wort zu den Herren Walser (ich verwende diesen Namen als Platzhalter, deswegen die Anrede im Plural), die ja eigentlich wissen müssten, dass ein kreativer Autor durchaus selber entscheiden kann, wie er etwas schreibt, ohne sich um Regeln zu scheren: In den letzten Jahren war doch wohl genug Zeit, sich mit konstruktiven Nachbesserungen an der neuen Rechtschreibung zu profilieren, denn durch und durch gelungen ist sie in der Tat nicht. Die herbei geschrieene und geschriebene Katastrophe vermag ich jedoch nur als Folge der den Alterstarrsinn ablösenden Demenz zu werten, obschon sich auch jüngere Schnösel aus der Welt der Parteipolitik medienwirksam vor den fahrenden Zug werfen.

Mittlerweile denken sich aber wahrscheinlich selbst die geneigtesten Leser, „Huch, da schreibt aber die Wut mit! Das gefällt uns nicht so sehr.“ Nun gut, möchte ich einräumen, Sie haben Recht, in der Tat, zu viel Wut ist nicht gut, aber mein Mütchen hat sich wieder gekühlt. Als frisch gebackener Verfasser eines Textes über die Rechtschreibreform, also nach dem Willen des Papstes gerade dem Ofen entschlüpft (dies ist tatsächlich auch die Bedeutung des Wortes ‚frischgebacken’, werter Herr Papst – der Rest ist Konvention und orthographische Irreführung) mag ich mich nun zurück lehnen und verkünden, dass die Wut verraucht ist, denn so wichtig, dass man darüber in Wut geraten darf, ist die deutsche Rechtschreibung wahrlich nicht. In einem Land, in dem Anführer von Volksparteien Unterschriften gegen die wie auch immer geartete Annäherung an andere Kulturkreise sammeln, haben wir weiß Gott andere Probleme, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Außerdem liegt die Zukunft der deutschen Rechtschreibung ohnehin im hoffentlich kompetent programmierten Schoß der Rechtschreibkontrolle der Textverarbeitung. Mit einem Computer diskutieren die wenigsten Verfasser gerne und die roten Schlangenlinien unter schönen Worten stören gar sehr. Wohl dem, der weiß, wie man das abstellt.

Betten wir also unseren Papst wieder auf seine weichen Kissen und hauchen dem Aufgebrachten zur guten Nacht die Worte des begabten Gesellschaftskritikers Dieter Nuhr ins Ohr: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“

 

PS: Ich entschuldige mich bei allen Lesern, die beim Lesen des Zitats ‚Huch, schon wieder isser wütend’ gerufen oder gedacht haben, weil ich Ihnen einen Schrecken eingejagt habe. Seien Sie beruhigt: ich habe mit einem gütigen Lächeln zitiert.

 

PPS: Ich war mir in diesem Text überhaupt nicht zu fein Orthografie mit ‚ph’ statt ‚f’ zu schreiben. Das ist auch bei mir noch so drin. Aber ich lerne. Und wenn man eines Tages verordnete, dies Wort solle fortan ‚Orthogravieh’ buchstabiert werden, so würde ich es nach diversen Fehlversuchen auch tun und mich vielleicht sogar daran erfreuen, wie hübsch das aussieht.

 

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Die 1002te Nacht

Auch dieser Text ist schon über 12 Jahre alt. Wie der vorige Blogbeitrag ist er einer von mehreren unveröffentlichten Texten, die bei Kai noch in der Schublade liegen, und die er hier nach und nach veröffentlichen wird.

Wir alle kennen die Märchen aus 1001 Nacht. Als kleine Menschlein bekamen wir sie vorgelesen, als größere Menschlein haben wir uns mit ihnen unter der Bettdecke verschanzt und im fahlen Licht einer Taschenlampe verschlungen und als ganz Große dürfen wir sie vorlesen. Und natürlich haben wir stubenreine Interpretationen dieser exotischen Geschichten im Fernsehen gesehen, so Sonntagnachmittags. Vielleicht ist auch der eine oder andere reifere Mensch anwesend, der in seiner frühesten Kindheit das Vergnügen hatte, einige dieser Streifen im Kino zu bewundern. Dies sind Menschen, denen der Name Ray Harryhausen noch etwas sagt.

Was wir von diesen Märchen sicher alle noch kennen ist die Rahmenhandlung: Schahriyâr, König von Irgendwas, möchte nach einer Begegnung mit einem Dämon jede Nacht eine junge Frau begatten und sie dann töten. Dieses muntere Treiben setzt der triste Tyrann so lange fort, bis kaum eine Frau im heiratsfähigern Alter noch am Leben ist. Da wundert’s nicht, dass Bagdad heute nur noch ein Schatten vergangener Tage ist. Interessanterweise ruft aber das Scheusal von König mit seinen Triebtaten die üblichen Weltverbesserer auf den Plan, diese Hobbytherapeuten, die Gutes suchen, wo Böses herrscht: In diesem Fall die irre Geschichtenerzählerin Schahrazâd.

Schahrazâd (auch bekannt unter dem Pseudonym Scheherazade) erzählt ihrem designierten Mörder, dem Großkönig Schahriyâr, 1001 Geschichte, auf das der Mann sich bessere. Nun waren das aber nicht einfach so kurze Geschichten, oh nein, mitnichten. Jede dieser Geschichten dauerte eine ganze Nacht, so dass die gute Frau zwei Jahre und neun Monate lang jede Nacht geredet haben muss. Jede Nacht gab es Geschichten von lahmen, tauben und einäugigen Bettlern, bei denen es sich eigentlich um verwunschene Statthalterstöchter auf der Suche nach einem Prinzgemahl handelte, deren Seelen jedoch von als Wagner oder Küfer verkleideten Magiern entwendet und in windigen Schlössern im Innern von Edelsteinen aufbewahrt wurden. Der junge Neffe eines Teppich- oder Wasserpfeifenhändlers muss daraufhin auf dem Rücken von überdimensioniertem Federvieh den Palast über den Wolken finden, durch ein Fenster steigen, das Juwel zerstören und dann die wieder genesene Statthalterstochter ehelichen, egal ob die das will oder nicht. Allesamt Geschichten ohne sittlichen Nährwert, denn da wird geraubt und geplündert, Gewalt verherrlicht und gemordet. Da werden Menschen ohne Angabe von Gründen verstümmelt, entführt, gepfählt, betrogen und vorgeführt, dass es nur so eine Wonne ist. Kurioserweise erweicht sie, Schahrazâd, mit diesen Gräuelgeschichten das Herz des Tyrannen, mit dem Ergebnis, dass der rüde Regent unsere Heldin doch nicht meuchelt, sondern sie ehelicht. Zwei Jahre und neun Monate lang erzählt sie ihm also ihre Lügengeschichten, damit er sie nicht umbringt? Was ist das denn bitte für eine Moral? Dass wir da von kulturellen Differenzen zum Land der aufgehenden Sonne sprechen, scheint, gelinde gesagt, ein wenig euphemistisch. Wenn man sich nicht einmal auf die Inhalte eines romantischen Happy Ends einigen kann, ist da weit mehr im Gange, als eine kulturelle Differenz.

Nur so ist auch zu erklären, wie es kommen konnte, dass die Fortsetzung dieser eigenwilligen Liebesgeschichte aus Sicherheitsgründen vom Vatikan in den steinernen Grotten der geheimsten Bibliothek der Welt unter Verschluss gehalten wird, im gleichen Regal übrigens, wie die gefürchteten Dead Sea Scrolls, also Totes Meer Schriftrollen. Erst der Rentner Erwin L. bekam anlässlich eines Lottogewinns die Möglichkeit zur Einsichtnahme der hochexplosiven Fortsetzung der beliebten Märchen: Ein in Zitronensaft verfasstes Schriftstück mit dem Titel, „die 1002te Nacht,“ welches wir uns nun mal kurz überliefert zu Gemüte führen wollen.

So sprach nämlich Schahrazâd zu ihrem Männe in der Hochzeitsnacht folgende, die Weltgeschichte nachhaltig beeinflussende Worte:

„Schatz, ich kann heute nicht an unserer Hochzeitsnacht teilnehmen, weil ich erstens immer noch ein wenig Angst davor habe, mit dir das Lager zu teilen, und zweitens habe ich noch einen total wichtigen Termin in Bethlehem. Und Kopfweh habe ich auch.“

„Das ist schon in Ordnung meine kleine Kaktusblüte.  Wohl verstehe ich deine Furcht eingedenk meiner Vorgeschichte und meinem argen Verhalten den Damen gegenüber. Eile du nach Bethlehem, ich warte hier auf dich meine Dattelpalme.  Gute Besserung.“

Und so zog die Frischvermählte gen Bethlehem.

Unterwegs traf sie drei Menschen auf Kamelen, die einem hellen Stern hinterher reisten – einem Stern, den außer den dreien wohl nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Kleine Notiz am Rande: der Begriff ‚sternhagelvoll’ stammt aus dieser Zeit. Schahrazâd beschloss dennoch, teils aus Mitleid, teils aus Interesse an schwerwiegenden psychologischen Fällen, sich diesen dreien anzuschließen, denn auch diese waren auf dem Weg nach Bethlehem. Im Laufe der Reise, die schrecklich mühsam war, freundete sie sich mit dem lustigen Trio an und erfuhr, dass die drei gehört hätten, in Bethlehem sei ein Knabe zur Welt gekommen, von dem man noch viel hören werde und da sie, die drei, die Könige unter den Rosenverkäufern seien, wurden sie von ihrer Zunft beauftragt, den geweihten Knaben mit Rosen in der Welt der Menschen willkommen zu heißen. Dann erfahren wir auch noch, dass die drei die auch für die damalige Zeit eigenartigen Namen Horst Weihrauch, Wencke Myrrhe und Max Goldt trugen und ebenfalls aus Bagdad stammten. Leider konnte sich Erwin L. nicht an mehr Details erinnern, außer dieser netten Anekdote:

Kurz hinter Amman, also gute 70 Kilometer vor dem Ziel, werden die vier von einem düster dreinblickenden Trio überrascht worauf sich folgender Dialog entspinnt:

 

Puppenspieler: „Ahh, ein Publikum. Lange haben wir gewartet und nun seid ihr endlich da. Bitte, setzt euch doch, werte Reisende und wir werden euch mit einem Schauspiel verwöhnen, wie es eure zweifelsohne gesegneten Augen noch nie erblicket haben.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Äh, nee. Danke. Setzt euch doch. Ich bin der Kaspar, der Knabe links neben mir heißt Melchior und der bärtige Beleibte dort drüben hört auf den Namen Balthasar, wenn er nicht schläft.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Schahrazâd: „Bitte, verzeiht meinen monothematischen Begleitern. Seid ihr Räuber?“

Puppenspieler: „Oh nein, werte Dame. Wir sind Puppenspieler auf dem Weg nach Sodom. Dort sollen wir am Hofe von Vadder Abraham auftreten. Er ist sehr großzügig, sagt man.“

Rosenverkäufer: „Will er Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Was? Wer?“

Rosenverkäufer: „Wolle Abraham Rose kaufen?“

Schahrazâd: „Entschuldigt, wenn ich unterbreche, aber meines Wissens nach wurde Sodom vor vielen Jahren zerstört.“

Puppenspieler: „Äh, was? Wieso?“

Schahrazâd: „Man munkelt, es wäre über und über von Halunken bewohnt.“

Puppenspieler: „Alle Städte sind voll von Halunken.“

Rosenverkäufer: „Entschuldigung. Ich habe da mal eine Frage.“

Puppenspieler: Ja, bitte?“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Lass das.“

Schahrazâd: „Kommt doch mit uns nach Bethlehem und spielt dort euer Kaspartheater für den Knaben, der uns geboren wurde.“

Puppenspieler: „Kaspartheater? Kaspartheater! Das klingt gut. Sehr gut klingt das. Das merke ich mir. Hihi.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler und Schahrazâd: „Halt die Klappe.“

 

Diese geheimen Informationen werfen natürlich viele Fragen auf: Warum reitet Schahrazâd beinahe 900 Kilometer durch die Wüste? Was hat sie mit dem Knaben vor? Warum kommt sie nicht an? Warum hat sie die Geschichte nie jemandem erzählt? Warum wurden die Namen der drei Besucher gefälscht, denn Kaspar, Melchior und Balthasar waren nie in Bethlehem? Warum täuscht uns die heilige Schrift? Warum verheimlicht uns der Vatikan die Anwesenheit von Rosenverkäufern an der Krippe? Wir wissen es nicht, aber seltsam ist es schon.

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Bahn fahren für Kenner

Dieser Text ist schon ca. 12 Jahre alt, gilt aber nach wie vor. Er ist einer von mehreren unveröffentlichten Texten, die bei Kai noch in der Schublade liegen, und die er hier nach und nach veröffentlichen wird.

Gegen das Reisen mit der Bahn zu hetzen, scheint so etwas wie ein Volkssport geworden zu sein. Früher waren die Kritiker hauptsächlich unter jenen zu finden, die ohnehin nicht mit der Bahn fuhren, sondern das Auto als Reisemittel bevorzugten. Jene strickten damals schon vehement an der Mär, dass Bahn fahren viel teurer sei als eine Fahrt mit dem Auto und dass man mit dem Auto viel schneller sein Ziel erreiche. Nun, das Argument des Preises ist so offenkundig falsch und mit einer solchen Leichtigkeit zu widerlegen, dass es einem Schulkind in der dritten Klasse nur so eine Wonne wäre. Beispielsweise muss man die Bahn weder kaufen noch leasen, um mit ihr zu fahren, aber das nur am Rande. Erstaunlich ist aber der Umstand, dass es trotz eindeutiger Zahlen und Fakten einfach nicht möglich zu sein scheint, überzeugte Autofahrer von der ökonomischen Ineffizienz ihres Treibens zu überzeugen. Wie häufig habe ich den faden Satz gehört: „Ja, aber das Auto brauche ich ja sowieso.“ Meistens wird dieser Satz begleitet von einem völlig unangemessen triumphalen Lächeln, als hätte mein Gegenüber mir soeben mit geschickt geführter Klinge den todbringenden Stoß versetzt. Eine schlüssige Antwort auf meine anschließende Frage, wofür er denn ein Auto brauche habe ich bis dato noch nicht gehört, sondern wurde anstelle einer angemessenen Replik als Müsli oder Öko bezichtigt. (Was für eine überaus drollige Vorstellung, einer Schale mit Haferflocken, Nüssen und Rosinen gegenüberzusitzen und zu streiten.) Da mich das aber nicht weiterbrachte, habe ich mir selber überlegt, wofür man denn wohl ein Auto braucht und mir sind tatsächlich ein paar mögliche Antworten eingefallen, die ich den Lesern an dieser Stelle nicht vorenthalten möchte. Vielleicht ist ja was dabei.

Eine denkbare Begründung wäre wohl diese: Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kann man ja nicht einkaufen, also zumindest keine Geld sparenden, präapokalytischen Hamsterkäufe beim Billigdiscounter tätigen. Ohne die Anschaffung eines Autos wäre zwar genug Geld über, um darauf zu verzichten und stattdessen auf einem Wochenmarkt, im Bio- oder Weltladen oder Ähnlichem einzukaufen und schmackhaft statt sparsam zu speisen, aber mit solchen Argumenten landet man schnell in den Reihen der Besserwisser, denen kein Mensch glauben schenken mag, nicht einmal dann, wenn sie die unumstößliche Wahrheit sprechen. Jedoch kann es von Vorteil sein, als Besserwisser abgestempelt zu werden, denn schließlich erwarten die Gegenüber, dass man offenkundige Wahrheiten formuliert, wie zum Beispiel diese: Sich ein Auto zu kaufen, um bei Aldi, Lidl, Plus oder was weiß denn ich wo einzukaufen spart kein Geld! Selbst wenn ein Salatkopf bei Aldi 40 Cent weniger kostet als auf dem Wochenmarkt (wobei der Aldi-Salatkopf mit höchster Wahrscheinlichkeit sehr wenig bis gar keinen Geschmack haben dürfte – die oft beschrieene Qualitätskontrolle der Aldi-Häscher sorgt nur dafür, dass das Grünzeug auf der Fahrt nach Hause nicht vorschnell welkt), so müsste ich selbst als Fahrer eines vergleichsweise günstigen Wagens 25000 Salatköpfe kaufen, um die Unkosten wieder einzuspielen. Da trotz Qualitätskontrolle die Haltbarkeit des Billigsalats begrenzt ist, muss man die 25000 Köpfe über einen längeren Zeitraum hinweg separat erwerben, also vielleicht einen pro Woche, oder so. Fünfhundert Jahre später hat man das Fahrzeug dann finanziert. „Das ist ja völlig überspitzt dargestellt“, ruft da empört die Autofahrerlobby. „Wir sparen jede Woche locker 5 Euro beim Einkaufen.“ Das ist selbstverständlich ein vortrefflicher Hinweis, denn so dauert es nur grob vierzig Jahre, bis wir den Kaufpreis für das Kraftfahrzeug bei den Discountern zurückerstattet bekommen haben. Nur halten viele Autos gar nicht erst so lange. Zudem dürften auch die zu Krawall neigenden Leser bemerkt haben, dass ich auf Betriebskosten, welche bei einem Auto ganz erheblichen Ausmaßes sind, in der Kalkulation gänzlich verzichtet habe.

Vielleicht wäre es doch sparsamer, das Geld nicht einem Autokonzern in den Rachen zu werfen, sondern zu leicht erhöhten Preisen bei Tante Emma um die Ecke einzukaufen. Die Emma freut sich und muss nicht tagein tagaus mit trüben Gedanken in ihrer Sozialwohnung sitzen und braune Volksverhetzer wählen, die ihr lüstern erklären, an ihrer Misere seien Ausländer schuld.

Zufällig habe ich im letzten Satz eine Überleitung zur zweiten denkbaren Begründung gefunden. Wenn man nur bedenkt, wie viele Zwangsarbeiter ihre Gesundheit oder gar ihr Leben beim Bau der Autobahnen ließen, so ist es unsere gottverdammte moralische Pflicht, mit unseren Wagen auf diesen Straßen herumzufahren, um das Andenken an die Naziopfer zu wahren und nicht durch Bahnfahrten leichtfertig zu beschmutzen. Dritter Grund ist natürlich die Freiheit. Nur mit einem Auto ist man ja wirklich frei (von ökologischer Verantwortung, Verstand, Sachzwängen, Gewissen, Moral). Hier dürfen natürlich die gelben Engel nicht fehlen, die pausenlos ihr dummdreistes „freie Fahrt für freie Bürger“ in die Welt posaunen. Zum Wohle nachfolgender Generationen sollte man diesen Club der törichten Mobilitätsapostel verbieten, oder zumindest die führenden Funktionäre gemeinsam mit den ebenso geist- wie ruchlosen Autoren der Auto-Bild und anderer solcher Blätter, auf Feuerland entsorgen.

Eigentlich war es ja gar nicht mein Thema, mich über das Auto zu erregen. Komisch, da habe ich mich wohl verfahren. Aber kein Problem: geschwind zu einem Bahnhof geeilt und in den nächsten Zug gehüpft, der mich schnell irgendwo hinbringt. Denn Schnelligkeit ist ja der Autonarren zweitliebstes Argument. Da mosern sie dann herum, dass die Züge immer Verspätung haben, und Umsteigen müsse man auch ständig. Und dann verpasst man den Anschlusszug, weil man ja Verspätung hat usw. Da ich durchaus auch nicht unbeträchtliche Erfahrungen mit dem Lenken eines Personenkraftwagens habe, wundere ich mich immer sehr über diese Argumentationsschiene. Bei längeren Fahrten ist es ja wohl auszuschließen, dass der Zeitpunkt des Fahrtendes vorhersehbar sein könnte, doch scheint die Sensorik eines durchschnittlich begabten Autofahrers dies nicht zu registrieren. Stattdessen plant der clevere Fahrzeuglenker einfach viel mehr Zeit ein, als er eigentlich braucht und, schwuppdiwupp, isser wieder pünktlich. „Quod erat demonstrandum“, pflegte mein Mathematiklehrer immer zu sagen. Dann gibt es Zeiten, zu denen man mit dem Auto gar nicht fahren kann (Ferienbeginn, Freitagnachmittag, Berufsverkehr etc.), weil die vor einem stehenden Autos dies nicht zulassen. Länger dauert es mit der Bahn aber nur, wenn man ein angestrebtes Ziel tatsächlich nicht ohne Umsteigen erreichen kann. Oftmals liegt die Ursache hier in der mangelnden Betriebswirtschaftlichkeit von Strecken, sprich: direkte Verbindungen sind unrentabel, weil da zu wenige Passagiere fahren wollen, denn die fahren ja lieber mit dem Auto. Das nennt man wohl einen Teufelskreis.

Diese unreflektierte Abneigung gegenüber der Bahn trifft man heutzutage erstaunlicherweise auch sehr oft unter den regelmäßig Reisenden. Viele Züge, mit denen ich reise, sind zum Bersten gefüllt mit nölenden Bahnfahrern. Menschen, die es als Zumutung empfinden, dass in Bookholzberg oder Niederndodenleben kein ICE im Halbstundentakt verkehrt, sich zwangsläufig als Opfer der Bahn begreifen und dies auch lauthals pöbelnd auf jeder Zugfahrt verkünden. Ich habe einmal versucht, einem Mitreisenden die irrationalen Aspekte einer solchen Forderung begreiflich zu machen, doch verpufften meine Bemühungen rückstandsfrei.

Zu den unangenehmsten Momenten in der Bahn zählen jene Vorkommnisse, in denen der Zug auf freier Strecke eine sehr starke Bremsung hinlegt und danach eine stark verdatterte Ansprache eines Zugbegleiters, der offenbar unter Schock steht, die Reisenden darüber informiert, dass man aufgrund eines Personenschadens die Reise auf unbestimmte Zeit nicht fortsetzen könne. Da sind sich jedes Mal gleich mehrere Mitreisende nicht zu schade, Dinge wie „Scheiß-Bahn“ und „ist doch immer das Gleiche, immer Verspätung“ in ihre Umwelt zu entlassen. Wie ungehobelt, grobschlächtig und wenig zartfühlend kann man eigentlich sein? „Personenschaden“ ist der Bahncode für einen erfolgreichen Freitod, verübt von einem labilen Exmitbürger auf Kosten der nervlichen Gesundheit eines Zuglenkers. Da kann doch die Bahn nix dafür, oder sollte die Deutsche Bahn AG die Preise verzehnfachen, um an allen gefährdeten Strecken Wachen aufstellen? Nein? Na bitte! Im Übrigen kann man in einer solchen Situation lediglich dem Freitodfinder Zorn entgegen bringen, da es schlicht und ergreifend unhöflich ist, andere Menschen in eine solch intime Geschichte hineinzuziehen. Von ‚Hilfeschrei’ oder so etwas, kann da ja keine Rede mehr sein. Vielleicht ist Zorn ja aber auch in einer solchen Situation gänzlich unangebracht. Stattdessen sollte man lieber in seinem Sessel sitzen bleiben und Mitleid mit dem armen Fahrer des Zuges verspüren, der nun auf einen Ersatzfahrer warten muss, weil er selber den Zug nicht weiter lenken darf. Auch muss mit der Weiterfahrt gewartet werden, bis Polizei und Staatsanwalt sicherstellen können, dass es sich bei dem Freitod auch um einen selbst gewählten handelt und da nicht ein heimtückischer Meuchelmörder nachgeholfen hat. Ich glaube es handelt sich bei einem Personenschaden um einen der wenigen Momente, in denen ich tatsächlich Verständnis mit der Bahn aufbringe und ich habe solche Vorfälle schon viermal miterlebt, ohne dass ich Amok gelaufen bin. Einige Mitreisende hingegen schienen kurz davor zu sein, den uniformierten Überbringer der unvorteilhaften Nachricht zu lynchen, weil sie die erste Halbzeit eines Fußballspiels im Fernsehen nun nicht zu Gesicht bekommen würden.

Apropos Verständnis. Heutzutage wird einem ständig für irgendein Verständnis gedankt, welches man gar nicht geäußert hat. Da wird man beispielsweise jahrzehntelang auf der A1 von Wanderbaustellen zum Stauen genötigt und danach dankt einem irgendein Ministerium für ein Verständnis, welches ich weit von mir weisen möchte. Auch habe ich für viele Zugverspätungen und dämlich konstruierte Fahrpläne keinerlei Verständnis und empfinde es als einen persönlichen Affront, dafür ungefragt Dank ausgesprochen zu bekommen.

Man stelle sich einfach zur Verdeutlichung einmal folgendes vor: Eine junge Frau parkt ihren Wagen auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz. Dann entgurtet sie ihren auf dem Rücksitz schlummernden Nachwuchs, lässt ihn aber noch im Sitz liegen und schlummern, bis sie den Kinderwagen entfaltet und mit einem Lammfell ausgepolstert hat. Behutsam wird der kleine Wurm in die mobile Krippe gebettet und gemeinsam geht es los in Richtung eines Parkscheinautomaten, der in nur 130 Metern Luftlinie dem Geldeinwurf harrt. (Ich verbitte mir an dieser Stelle das Zitieren von Verordnungen, die besagen, dass deutsche Parkscheinautomaten höchsten 80 Meter voneinander entfernt stehen dürfen. Ich weiß nicht, wie weit die Parkerlaubnisspender voneinander getrennt sein dürfen und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht weiter. Nicht ohne Grund habe ich das Jurastudium nach zwei Semestern belustigter Irritation aufgegeben. Abgesehen davon ist der nähere Automat leider in der vorigen Nacht von angeheiterten Missetätern mit Kaugummi außer Gefecht gesetzt worden. Ätsch!) Die junge Mutter stellt nach kurzer Wanderschaft fest, dass ihr kurzfristiges Reiseziel mit ihrer üppigen Kleingeldbevorratung zwecks Parkgebührenentrichtung nicht kooperieren will. Also schiebt sie das erwachende Kleinchen in die nächste Bäckerei, wo es von süßen Düften endgültig aus Schlummerland zurückkehrt. Nach lautstarken Appetitsbekundungen des Zwergs wird rasch ein mit Rosinen bestücktes Milchbrötchen erworben, welches der Zahnlose beginnt, genussvoll in sich hineinzulutschen. In der Hoffnung, dass bei dem erhaltenen Wechselgeld etwas zum Erstehen eines Parkscheins dabei sein könnte geht es schnurstracks zurück zum Kleingeldtresor. Und, siehe da: das Gerät beginnt munter mit dem Ausdruck einer zeitlich befristeten Parkgenehmigung. Diese entnimmt die junge Mutter, die in dieser kleinen Geschichte eine unglaubliche Contenance an den Tag gelegt hat und fährt damit zurück zum Auto. Und dort findet sie unter dem Scheibenwischer einen Schrieb der Stadt auf dem steht: „Sie haben ihr Fahrzeug ohne gültigen Parkschein auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz abgestellt. Dafür wird Ihnen in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten ein Bußgeldbescheid ausgestellt, weil wir hier bei der Stadt alle ganz furchtbar überlastet sind. Wir danken für Ihr Verständnis.“ Wohl weiß ich, dass die Zettelchen, die deutsche Ordnungshüter unter Scheibenwischern entsorgen, einen anderen Wortlaut tragen. Ich fürchte jedoch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis aus meiner kleinen Utopie bittere Wahrheit geworden ist.

Dem randvoll mit Verständnis gefüllten, sprichwörtlichen Fass den Boden raus geschlagen (wohl, damit es nicht überläuft) hat neulich allerdings eine humorige Zugbegleiterin in einem Intercity auf der Fahrt von Bremen nach Düsseldorf. Sie sagte folgendes, welches mich zu extremen Heiterkeitsbekundungen in Form von zügellosem Gelächter animierte: „Aufgrund von starkem Reisendenein- und -ausstieg werden wir Bochum mit einer Verspätung von 9 Minuten erreichen. Wir möchten uns dafür entschuldigen und danken für Ihr Verständnis.“ Da wollten doch tatsächlich Reisewillige an jedem Bahnhof ein- oder aussteigen. Das damit bei der Bahn keiner rechnet, dafür kann man eigentlich kein Verständnis haben. Wer hingegen so ulkig formulieren kann, dem bringe ich auch in einer solchen Situation gerne Verständnis entgegen.

Überhaupt häufen sich in den letzten Jahren bemerkenswerte Reiserlebnisse mit der Bahn und ihren Angestellten, die offenbar mittlerweile Hilfsbereitschaftslehrgänge absolvieren müssen. So durfte ich einmal miterleben, wie eine sympathische Zugbegleiterin versuchte, einer des Deutschen und Englischen nicht mächtigen Chinesin zu vermitteln, dass der Zug am nächsten Bahnhof getrennt werde und dass die wenig polyglotte Asiatin im falschen Zugteil säße. Da bekam ich ebenfalls meine hilfsbereite Phase und gemeinsam gelang es uns nach einer Viertelstunde, ihr mit Hilfe einiger Skizzen und inszenierten Gepäckentführungen den Sachverhalt noch rechtzeitig zu erläutern. Sie dankte uns mit einem warmen Lächeln, welches wir erschöpft erwiderten.

Warm ums Herz wurde mir jüngst auf einer Fahrt nach München (sechseinhalb Stunden für 760 Kilometer, verehrte Autofahrer, am helllichten Tag). Da musste ich in Hannover den Zug wechseln und wurde von unserem Zugchef mit folgenden Worten verabschiedet: „Wir wünschen allen aussteigenden Fahrgästen viel Glück und Gesundheit und einen gutgelaunten Tag.“ Den hatte ich dann auch.

 

PS: Die Rechtschreibkontrolle meiner Textverarbeitung kennt das Wort Sensorik nicht und schlägt mir vor, stattdessen doch einfach Sensorin zu schreiben. Das kenne ich nun wieder nicht und will es daher nicht verwenden. Sobald ich aber zuhause bin muss ich unbedingt herausfinden, was dieses ominöse Wort bedeutet. Vielleicht ein weiblicher Sensor.

PPS: Auf kritischere Töne gegenüber der Bahn habe ich bewusst verzichtet, obgleich es da viel zu murren gibt. Murrwilligen rate ich daher zur Lektüre des „Bahnhasser-Buchs“, welches entgegen möglicher irregeleiteter Annahmen von Bahnfreunden verfasst wurde. Die dort enthaltenen Unmutsäußerungen kann ich zu 90% mittragen.

 

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Eine Leseprobe aus „Krumme Dinger“

Wie schon auf der Buchseite zu lesen steht, geht es in Kai-Eric Fitzners neuestem Roman „Krumme Dinger“ nicht ganz mit rechten Dingen zu im guten alten Oldenburg. Journalist Hauke kommt der Sache mehr zufällig auf die Spur und reitet sich ganz schön rein… Gut, dass ihm sein Schulkamerad Jan-Ole über den Weg läuft, der inzwischen bei der Polizei arbeitet und noch so manch anderes Talent beweist. Auch wenn der Typ am Anfang ganz schön nervt…

Hier treffen sich die beiden gerade zum zweiten Mal im Ulenspegel (Kneipe in Oldenburg):

Hauke nahm einen tiefen Schluck des bitteren Gebräus und fragte sich, warum er so nervös war. Schon seit einigen Tagen fühlte er sich wie in Watte gepackt, als wäre er gar nicht wirklich da, sondern gefangen in einem Traum, einem immerwährenden Tagtraum.
»Hauke?«, fragte eine ihm bekannte Stimme, begleitet von einer vor seinen Augen hin und her wischenden Hand.
»Jan-Ole! Mann, ich war gerade voll in Gedanken.«
»Konnte man wohl sehen«‚ antwortete Jan-Ole mit einem beinahe erleichtert wirkenden Lächeln, das Hauke nicht zu deuten vermochte.
»Hermann. Wie geht’s, wie steht’s?«‚ rief Jan-Ole dem Wirt zu.
»Ole, alte Pflaume. Willst du ’n Tee?«
»Klar doch.«
»’n Tee«, kicherte Hauke und nahm einen Schluck Guinness, während Jan-Ole seine Jacke ablegte und sich an den Tisch setzte. Es war das erste Mal, dass Hauke ihn in Zivil sah. Jan-Ole machte auch ohne Uniform eine sehr gute, sportliche Figur. Seine dichten, blonden Haare, die sonst unter der Schirmmütze der Uniform steckten, waren perfekt gestylt.
(…)
»Dein Tee«, meldete sich Hermann, der Wirt.
»Gehört der zu dir?«, fragte er Jan-Ole, als wäre Hauke gar nicht da.
»Ja, klar. Das ist Hauke. Ist bei der Zeitung.«
»Zeitung?«
»Oldenburg Report«, erklärte Jan-Ole und fing wieder an zu lachen. Hermann stimmte aus voller Brust ein.
»Du trinkst ja wirklich Tee«, bemerkte Hauke.
»]a, ich vertrag keinen Alkohol.«
»Gar nicht?«
»Nee. Hab dann immer ’n dicken Kopf am nächsten Tag, komm schlecht raus und so. Also lass ich’s lieber.«
»Vernünftig. Kann ich noch eins?«, rief Hauke dem Wirt zu und hob sein Guinnessglas.
(…)
»Liebeskummer?«
»Nee. Eigentlich nicht. Aber die letzten Tage waren ziemlich aufreibend.«
»Aufreibend? Mann, du quatschst immer noch so geschwollen wie damals.«
»Ein Guinness für den Mann von der Zeitung«‚ unterbrach ihn Hermann, stellte das Glas vor Hauke hin und zog wieder ab.
»Also erzähl. Was war denn so aufreibend?«
(…)
»Ich musste mich in neue Themen einarbeiten. Diese Sache mit dem Berliner Platz.«
»Das Einkaufszentrum?«
»Die Mall.«
»Die was?«
»Was soll das denn sein?« »Das ist Amerikanisch.«
»Und was heißt das?«
»Einkaufszentrum.«
»Amen«‚ sagte Jan-Ole und trank einen Schluck Tee.
»Die Frau vom ToFOU.« Weiter kam Hauke nicht, weil er selbst zu lachen anfing. »ToFOU, Scheiße.«
»Was ist das denn schon wieder?«
»ToFOU? Das Büro für Touristik und Fremdenverkehr in Oldenburg und Umgebung. Die nennen sich Tofu. Ist das nicht geil?«
»Und was ist Tofu?«
»Dieser chinesische Bohnenstich.«
»Bohnenstich?«
»]a, Wie Eierstich, nur aus Sojabohnen.«
»Aha. Und das ist lustig?«
»Fand ich schon, aber solche Sachen sind natürlich immer ein bisschen doof, wenn man sie erklärt.«
»Ja, das kenn ich. Wahrscheinlich kapier ich’s, wenn ich mir das nächste Mal einen runterhole.«
Hauke fiel vor Lachen fast vom Stuhl, also lachte Jan-OIe einfach mit.
»Und was ist jetzt mit deiner Freundin?«‚ fragte Jan-Ole abrupt
»Wieso? Was soll mit der sein?«, wollte Hauke wissen, während er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischte.
„Du hast doch ne Freundin, oder?«
Ja, ich denke schon. Das ist allerdings ein bisschen kompliziert. Ich hab sie zwei Jahre lang nicht gesehen, weißt du? Sie war in den USA, studieren. Und vorvorgest … « Hauke begann die vergangenen Tage an seinen Fingern abzuzählen, kam damit aber nicht weiter. »Am Samstag war ich im Mozart, und da treffe ich sie zufällig wieder. Und plötzlich sind wir wieder ein Paar, ganz so wie früher, nur …«
»Nur was?«
»Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist irgendwie so surreal. Sie ist so unkompliziert und toll und sexy und …«
»Das klingt doch gut«
»Ja, klar. Super. Aber … Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, irgendwie… Wir haben uns zwei Jahre nicht gesehen… Ich habe eigentlich kaum an sie gedacht in der ganzen Zeit. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie wieder in mein Leben kommt.«
Hauke nahm noch einen Schluck Guinness und wunderte sich, dass er Jan-Ole so viel von sich erzählte. Jan-Ole war nun wirklich nicht derjenige, den er sich als zuhörenden Freund vorstellte. Aber bei genauer Überlegung hatte er eigentlich gar keine richtigen Freunde, und irgendwie war doch recht viel in letzter Zeit passiert, da musste er wohl was loswerden.
»Und?«, hakte Jan-Ole nach.
»Und plötzlich ist sie da und tut so, als würden wir nächste Woche heiraten, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Nö.«
»Es ist plötzlich alles so … so wir
»Und was sagt sie dazu?«
»Ich habe keine Ahnung. Hab sie noch nicht danach gefragt.«
»]a, dann wird’s aber Zeit, oder?«
»Wahrscheinlich hast du recht. Krieg ich noch eins?«, rief Hauke dem Wirt zu. »Ich wäre schon tot, wenn ich das getrunken hätte, kommentierte Jan-Ole, als er plötzlich zusammenzuckte. Er griff in seine hintere Hosentasche und zog ein kleines Gerät hervor.
»Scheiße«‚ sagte er. »Ich muss nach Hause.«
»Wieso, was denn?«
»Ich ruf dich an, Hauke. Hermann«, rief er dem Wirt zu und stürzte aus der Tür.
»Mach’s gut«, rief Hermann hinterher und brachte Hauke das neue Guinness.
»Wohl bekomm’s.«
»Hat er das öfter?«, fragte Hauke.
»]a«, antwortete der Wirt und verzog sich wieder hinter die Theke.

Weitere Infos zum Buch:

Kai-Eric Fitzner
„Krumme Dinger“
Kriminalroman

Taschenbuch, Knaur TB
ISBN: 978-3-426-51912-7

E-Book, Knaur eBook
ISBN: 978-3-426-43916-6

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