Auch dieser Text ist schon über 12 Jahre alt. Wie der vorige Blogbeitrag ist er einer von mehreren unveröffentlichten Texten, die bei Kai noch in der Schublade liegen, und die er hier nach und nach veröffentlichen wird.

Wir alle kennen die Märchen aus 1001 Nacht. Als kleine Menschlein bekamen wir sie vorgelesen, als größere Menschlein haben wir uns mit ihnen unter der Bettdecke verschanzt und im fahlen Licht einer Taschenlampe verschlungen und als ganz Große dürfen wir sie vorlesen. Und natürlich haben wir stubenreine Interpretationen dieser exotischen Geschichten im Fernsehen gesehen, so Sonntagnachmittags. Vielleicht ist auch der eine oder andere reifere Mensch anwesend, der in seiner frühesten Kindheit das Vergnügen hatte, einige dieser Streifen im Kino zu bewundern. Dies sind Menschen, denen der Name Ray Harryhausen noch etwas sagt.

Was wir von diesen Märchen sicher alle noch kennen ist die Rahmenhandlung: Schahriyâr, König von Irgendwas, möchte nach einer Begegnung mit einem Dämon jede Nacht eine junge Frau begatten und sie dann töten. Dieses muntere Treiben setzt der triste Tyrann so lange fort, bis kaum eine Frau im heiratsfähigern Alter noch am Leben ist. Da wundert’s nicht, dass Bagdad heute nur noch ein Schatten vergangener Tage ist. Interessanterweise ruft aber das Scheusal von König mit seinen Triebtaten die üblichen Weltverbesserer auf den Plan, diese Hobbytherapeuten, die Gutes suchen, wo Böses herrscht: In diesem Fall die irre Geschichtenerzählerin Schahrazâd.

Schahrazâd (auch bekannt unter dem Pseudonym Scheherazade) erzählt ihrem designierten Mörder, dem Großkönig Schahriyâr, 1001 Geschichte, auf das der Mann sich bessere. Nun waren das aber nicht einfach so kurze Geschichten, oh nein, mitnichten. Jede dieser Geschichten dauerte eine ganze Nacht, so dass die gute Frau zwei Jahre und neun Monate lang jede Nacht geredet haben muss. Jede Nacht gab es Geschichten von lahmen, tauben und einäugigen Bettlern, bei denen es sich eigentlich um verwunschene Statthalterstöchter auf der Suche nach einem Prinzgemahl handelte, deren Seelen jedoch von als Wagner oder Küfer verkleideten Magiern entwendet und in windigen Schlössern im Innern von Edelsteinen aufbewahrt wurden. Der junge Neffe eines Teppich- oder Wasserpfeifenhändlers muss daraufhin auf dem Rücken von überdimensioniertem Federvieh den Palast über den Wolken finden, durch ein Fenster steigen, das Juwel zerstören und dann die wieder genesene Statthalterstochter ehelichen, egal ob die das will oder nicht. Allesamt Geschichten ohne sittlichen Nährwert, denn da wird geraubt und geplündert, Gewalt verherrlicht und gemordet. Da werden Menschen ohne Angabe von Gründen verstümmelt, entführt, gepfählt, betrogen und vorgeführt, dass es nur so eine Wonne ist. Kurioserweise erweicht sie, Schahrazâd, mit diesen Gräuelgeschichten das Herz des Tyrannen, mit dem Ergebnis, dass der rüde Regent unsere Heldin doch nicht meuchelt, sondern sie ehelicht. Zwei Jahre und neun Monate lang erzählt sie ihm also ihre Lügengeschichten, damit er sie nicht umbringt? Was ist das denn bitte für eine Moral? Dass wir da von kulturellen Differenzen zum Land der aufgehenden Sonne sprechen, scheint, gelinde gesagt, ein wenig euphemistisch. Wenn man sich nicht einmal auf die Inhalte eines romantischen Happy Ends einigen kann, ist da weit mehr im Gange, als eine kulturelle Differenz.

Nur so ist auch zu erklären, wie es kommen konnte, dass die Fortsetzung dieser eigenwilligen Liebesgeschichte aus Sicherheitsgründen vom Vatikan in den steinernen Grotten der geheimsten Bibliothek der Welt unter Verschluss gehalten wird, im gleichen Regal übrigens, wie die gefürchteten Dead Sea Scrolls, also Totes Meer Schriftrollen. Erst der Rentner Erwin L. bekam anlässlich eines Lottogewinns die Möglichkeit zur Einsichtnahme der hochexplosiven Fortsetzung der beliebten Märchen: Ein in Zitronensaft verfasstes Schriftstück mit dem Titel, „die 1002te Nacht,“ welches wir uns nun mal kurz überliefert zu Gemüte führen wollen.

So sprach nämlich Schahrazâd zu ihrem Männe in der Hochzeitsnacht folgende, die Weltgeschichte nachhaltig beeinflussende Worte:

„Schatz, ich kann heute nicht an unserer Hochzeitsnacht teilnehmen, weil ich erstens immer noch ein wenig Angst davor habe, mit dir das Lager zu teilen, und zweitens habe ich noch einen total wichtigen Termin in Bethlehem. Und Kopfweh habe ich auch.“

„Das ist schon in Ordnung meine kleine Kaktusblüte.  Wohl verstehe ich deine Furcht eingedenk meiner Vorgeschichte und meinem argen Verhalten den Damen gegenüber. Eile du nach Bethlehem, ich warte hier auf dich meine Dattelpalme.  Gute Besserung.“

Und so zog die Frischvermählte gen Bethlehem.

Unterwegs traf sie drei Menschen auf Kamelen, die einem hellen Stern hinterher reisten – einem Stern, den außer den dreien wohl nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Kleine Notiz am Rande: der Begriff ‚sternhagelvoll’ stammt aus dieser Zeit. Schahrazâd beschloss dennoch, teils aus Mitleid, teils aus Interesse an schwerwiegenden psychologischen Fällen, sich diesen dreien anzuschließen, denn auch diese waren auf dem Weg nach Bethlehem. Im Laufe der Reise, die schrecklich mühsam war, freundete sie sich mit dem lustigen Trio an und erfuhr, dass die drei gehört hätten, in Bethlehem sei ein Knabe zur Welt gekommen, von dem man noch viel hören werde und da sie, die drei, die Könige unter den Rosenverkäufern seien, wurden sie von ihrer Zunft beauftragt, den geweihten Knaben mit Rosen in der Welt der Menschen willkommen zu heißen. Dann erfahren wir auch noch, dass die drei die auch für die damalige Zeit eigenartigen Namen Horst Weihrauch, Wencke Myrrhe und Max Goldt trugen und ebenfalls aus Bagdad stammten. Leider konnte sich Erwin L. nicht an mehr Details erinnern, außer dieser netten Anekdote:

Kurz hinter Amman, also gute 70 Kilometer vor dem Ziel, werden die vier von einem düster dreinblickenden Trio überrascht worauf sich folgender Dialog entspinnt:

 

Puppenspieler: „Ahh, ein Publikum. Lange haben wir gewartet und nun seid ihr endlich da. Bitte, setzt euch doch, werte Reisende und wir werden euch mit einem Schauspiel verwöhnen, wie es eure zweifelsohne gesegneten Augen noch nie erblicket haben.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Äh, nee. Danke. Setzt euch doch. Ich bin der Kaspar, der Knabe links neben mir heißt Melchior und der bärtige Beleibte dort drüben hört auf den Namen Balthasar, wenn er nicht schläft.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Schahrazâd: „Bitte, verzeiht meinen monothematischen Begleitern. Seid ihr Räuber?“

Puppenspieler: „Oh nein, werte Dame. Wir sind Puppenspieler auf dem Weg nach Sodom. Dort sollen wir am Hofe von Vadder Abraham auftreten. Er ist sehr großzügig, sagt man.“

Rosenverkäufer: „Will er Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Was? Wer?“

Rosenverkäufer: „Wolle Abraham Rose kaufen?“

Schahrazâd: „Entschuldigt, wenn ich unterbreche, aber meines Wissens nach wurde Sodom vor vielen Jahren zerstört.“

Puppenspieler: „Äh, was? Wieso?“

Schahrazâd: „Man munkelt, es wäre über und über von Halunken bewohnt.“

Puppenspieler: „Alle Städte sind voll von Halunken.“

Rosenverkäufer: „Entschuldigung. Ich habe da mal eine Frage.“

Puppenspieler: Ja, bitte?“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler: „Lass das.“

Schahrazâd: „Kommt doch mit uns nach Bethlehem und spielt dort euer Kaspartheater für den Knaben, der uns geboren wurde.“

Puppenspieler: „Kaspartheater? Kaspartheater! Das klingt gut. Sehr gut klingt das. Das merke ich mir. Hihi.“

Rosenverkäufer: „Wolle Rose kaufen?“

Puppenspieler und Schahrazâd: „Halt die Klappe.“

 

Diese geheimen Informationen werfen natürlich viele Fragen auf: Warum reitet Schahrazâd beinahe 900 Kilometer durch die Wüste? Was hat sie mit dem Knaben vor? Warum kommt sie nicht an? Warum hat sie die Geschichte nie jemandem erzählt? Warum wurden die Namen der drei Besucher gefälscht, denn Kaspar, Melchior und Balthasar waren nie in Bethlehem? Warum täuscht uns die heilige Schrift? Warum verheimlicht uns der Vatikan die Anwesenheit von Rosenverkäufern an der Krippe? Wir wissen es nicht, aber seltsam ist es schon.

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