„Kai schnallt sich grade den Rucksack um und geht gleich auf den Markt“, sagt seine Frau Raja, als ich anrufe, um ein paar Rückfragen zu besprechen, die sich bei meiner Recherche zu #EinBuchfuerKai ergeben haben. Ich höre, wie sie noch die Einkaufsliste besprechen und sie zu ihm sagt „Du schaffst das!“ Dann ist er weg. „Das rechte Bein zieht er noch nach“, sagt Raja. Die Treppe geht er deshalb sicherheitshalber rückwärts runter. Zwei Stockwerke sind es, denn umziehen wollten sie nach Kais Schlaganfall beide nicht. Kai sollte zurück in seine vertraute Umgebung kommen. Also hat er in der Reha vorwiegend Treppensteigen und Laufen geübt. Zuerst mit Stock, inzwischen geht es auch ohne.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Im Mai ist es zwei Jahre her seit Kai ins künstliche Koma versetzt werden musste und zunächst niemand wusste wie es weitergeht. „Das war eine Horror-Zeit“, erinnert sich Raja. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob Kai überhaupt wieder aufwachen oder den Schlaganfall überleben würde. Ob er sie noch erkennen würde oder überhaupt alleine würde atmen können.

Raja war am Beginn ihres Zweitstudiums Deutsch für Ausländer und hatte gerade eine Klasse geflüchteter Kinder für den Sprachunterricht übernommen. „An Uni war da aber nicht mehr zu denken“, erinnert sie sich, „ich musste erst mal sehen, wie wir die nächste Miete bezahlen sollten!“.

Zum Glück las Johannes Korten Rajas Aufruf zum Kauf von Kais Buch „Willkommen im Meer“. Er hatte die Idee, das Ganze unter den Hashtag #EinBuchfuerKai zu stellen und er war auch derjenige, der das Spendenkonto eröffnete, über das in kürzester Zeit die dringend benötigte Soforthilfe gesammelt werden konnte.

„Das war der Wahnsinn!“, schwärmt Raja, „Soviel Güte und Herzenswärme, selbst von wildfremden Menschen!“ Innerhalb eines Monats kamen so über 13.000 Euro an Spenden zusammen und „Willkommen im Meer“ schnellte auf Platz 1 der amazon-Bestsellerliste.

Auch Internetriesen haben ein Herz

Dass der Roman am Anfang nur via amazon zu haben war, lag übrigens daran, dass Kai über Jahre  keinen Verlag für „Willkommen im Meer“ gefunden hatte. Seit 2006 hatte er es versucht,  war aber immer abgelehnt worden.  Deshalb startete er zuerst ein (leider wenig erfolgreiches) Selfpublishing mit einer eigenen Book-on-Demand-Lizenz.

Altes Cover von Willkommen im Meer

Im Februar 2015 schließlich versuchte  er einen neuen Anlauf mit dem von Raja gestalteten neuen Cover

Cover von Willkommen im Meer

und zwar bei amazons Create Space. – Drei Monate später startete  #EinBuchfuerKai.

„Als das anlief, geriet amazon natürlich unter sozialen Druck“, erzählt Raja. „Die Leute posteten: Wäre es nicht netter, wenn amazon auch was spenden, oder seinen Anteil weitergeben würde?“ Und es wirkte: Nur wenige Stunden später erhielt Raja einen Anruf des Internetriesen, dass man für den Rest des Monats auf den Gewinn verzichten und nur die reinen Druckkosten abziehen würde. „Sowas hat amazon meines Wissens vorher und nachher nie wieder gemacht!“, freut sich Kais Frau, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur von den Medien, sondern auch von Verlagshäusern mit Anfragen überschwemmt wurde.

Während dieses Rummels im Netz und in den traditioniellen Medien lag Kai weiter im künstlichen Koma und Raja hatte verständlicherweise erst mal andere Sorgen, als Presse- oder Verlagsanfragen zu beantworten. „Ich hatte ja auch überhaupt keine Ahnung von so etwas“, erinnert sie sich.

Als Kai am 23. Mai aus dem Koma geholt wurde, reagierte er zuerst gar nicht. Am 25. Hatte er zum ersten Mal die Augen auf, schaute aber nur ins Leere. Dann, am 1. Juni 2015, meldet Raja auf Facebook:

„Er kann den linken Arm und das linke Bein bewegen, selbstständig atmen und hat zwischendurch einen klaren Blick, d.h. er erkennt mich, kann meine Hand drücken und hat mir sogar schon zugelächelt. Ich erzähle ihm alles, was ihm passiert ist, von dem unglaublichen Erfolg seines Buches und von all euren wunderbaren Nachrichten, Blogeinträgen und guten Wünschen. Manchmal hat er dann diesen klaren, ein wenig verwunderten Blick, bei dem ich glaube, er versteht, was ich sage.
Zwischendurch wirkt er dann wieder ganz abwesend und er hat noch arge Schwierigkeiten mit dem Schlucken.
Nun soll er sobald wie möglich in die Reha kommen und meine Überzeugung wächst täglich ein wenig mehr, dass Kai – der alte Autodidakt – es schaffen wird, alles wieder zu erlernen!
Es wird ein langer, anstrengender Weg, aber ich glaube an ihn und ich weiß, so viele von euch tun das auch!
Vielen, vielen Dank nochmal – an euch alle, für all das, was ihr möglich gemacht habt!
Love – Raja“

Ob Kai es ohne all diese Unterstützung so zurück ins Leben geschafft hätte? Raja glaubt es nicht. Sie kann bis heute nicht fassen, was da passiert ist. Johannes Korten indessen hat es mit folgenden Worten zusammengefasst:

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen.“

Wie es Kai in der Reha erging und wie es mit seinem Buch weiterging, dazu mehr im nächsten Beitrag. 🙂

Zum Absegnen dieses Artikels wollte ich zunächst wie beim letzten Mal mit Kai chatten, damit er mir via Smilies signalisieren kann, ob das so ok ist. Doch dabei haben wir es diesmal nicht belassen, sondern sind auf Kais Wunsch hin auf Skype umgestiegen, wo wir über eine Stunde allein miteinander geredet haben. Komplexere Sätze sind noch schwierig für ihn und es fehlen ihm öfter mal die passenden Wörter. Aber für unser erstes Mal haben wir es echt gut hinbekommen.
„Ja, findest Du?“, fragt Kai.
Jou, finde ich! (Beweisfoto siehe oben) Und wir werden sicher noch öfter Gelegenheit dazu haben! 😉