Immer noch Neuland?

Wer denkt, dass Kai und ich uns nur über Aphasie und Therapien unterhalten, liegt falsch. Wenn zwei so webaffine Leute aufeinander treffen, dann werden natürlich auch digitale Themen diskutiert. Da wir uns außerdem vor Kais Schlaganfall noch gar nicht kannten, hat er mir einige seiner früheren Vorträge gezeigt, bei denen es darum ging, Unternehmen klarzumachen, welchen Kulturwandel die Digitalisierung bedeutet und was es mit diesem Neuland auf sich hat. Einer davon, den er 2014 bei Mitel in Hamburg gehalten hatte, ist jetzt auch über Kais YouTube-Kanal verfügbar:

Diesen Vortrag, so haben wir mit Erschrecken festgestellt, könnte man heute – drei Jahre später – immer noch so halten. Er hat an Aktualität eigentlich nichts verloren.

In diesem informativen wie unterhaltsamen Vortrag schlägt Kai die Brücke von seiner eigenen Geschichte über die drei Phasen im Leben eines Menschen bezüglich der Art wie er mit Innovation umgeht, darüber was digital natives wirklich sind, was es mit Social, Streaming, Sharing usw. auf sich hat, bis hin zum Kulturwandel, den die Digialisierung für alle Lebensbereiche bedeutet.

Ein Vortrag nicht nur für Unternehmen. Aus diesem Grund haben wir uns auch dafür entschieden, ihn hier im Blog zu posten und sind gespannt auf Eure Kommentare dazu. 🙂

 

Wenn einer eine Reise tut…

Nachdem unser voriger Blogartikel online gegangen war, eröffnete mir Kai: „Nächste Woche weg. Drei Tage!“  – Wie jetzt weg? Wohin? „Würzburg. Aphasietage!“, sagte Kai und zeigte mir das Veranstaltungsprogramm. Drei Tage lang kein Skype, dafür volles Programm. Bei dem  Kongress für Aphasie und Schlaganfall unter dem Motto „Zwischenwelten und Verräumte Träume“ würde es verschiedene Vorträge und Workshops geben. Kai war schwer gespannt und auch ein bisschen aufgeregt, immerhin würde das seine erste Reise ohne seine Frau Raja sein. Nur er und seine Aphasie-Gruppe aus Oldenburg und das per Zug…

Viel zu berichten

Als Kai am folgenden Samstagabend wieder zuhause angekommen ist, schafft er es gerade noch, mir einen todmüden Smilie zu schicken und fällt dann wohlverdient ins Bett. Von unterwegs hat er mir auch kurz via Chat Feedback zu den einzelnen Veranstaltungen gegeben. Aber so richtig soll ich erst am Sonntag erfahren, wie es denn nun gelaufen ist.

Als ich dann sonntagvormittags Skype öffne, begrüßt mich ein strahlender super motivierter Kai, der nur so drauf los sprudelt: In den drei Tagen sei einiges an Erinnerung wieder gekommen, erzählt er mir freudig. Die Vorträge und Workshops, an denen er teilgenommen hat, seien fast alle toll gewesen. Vor allem der Theaterworkshop habe ihm natürlich gefallen. Aber eins nach dem anderen:

Input noch und noch

Nach der Ankunft gab es am Donnerstagabend zunächst die üblichen Grußworte, was jetzt nicht soo interessant war. Der anschließende Weinempfang sei auch eher naja gewesen, „aber dann: 18 Mann, Italiener,“ grinst Kai „und Bier!“. 😉 So gestärkt ging es dann zur ersten Übernachtung ins Hotel.

Am Freitag gefiel Kai der Vortrag von Dr. Sonja Kleih über „Gehirn-Computer-Schnittstellen in der Rehabilitation von Aphasie nach Schlaganfall“ besonders gut. Leider sind online keine weiteren Informationen über dieses wirklich spannend klingende Thema zu finden und für Kai ist es doch schwierig, detailliert darüber zu berichten.

Da Kai auch früher schon Theater gespielt hat, machte ihm der Theaterworkshop von Pete Guy Spencer, an dem er an beiden Tagen teilnahm, wie zu erwarten besonderen Spaß. Ob sie da mehr Impro gemacht hätten, frage ich. „Ja, auch“, meint Kai, aber auch paarweise Übungen oder Pantomimen.

Tipps und Erfahrungen

Das Interview mit der Aphasikerin Ulrike Steinhöfel zum Thema Reisen mit Aphasie habe er am Samstag mit Interesse verfolgt und sich dabei Tipps geholt, was für Betroffene bei Reisen alles zu bedenken ist. Da fällt mir ein, dass die Reise nach Würzburg doch sicher auch Vorbereitung benötigt hatte. Ob er denn z.B. einen Zettel mitgenommen habe, den er im Notfall vorzeigen könne, um anderen zu erklären, warum er Probleme mit dem Sprechen und andere Einschränkungen hat. „Nää“, sagt Kai, „alles mit Sprache!“. Überhaupt sei die Reise problemlos verlaufen.

Als letzte Veranstaltung vor der Abreise gab es am Samstag dann noch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Leben mit Aphasie: 20 Jahre weiter…“, in der mehrere Betroffene mit anwesenden Fachleuten von ihren Fällen berichteten und auf welche Weise sie sich mit ihren Einschränkungen arrangiert haben. „Spannend!“, fasst Kai den ganzen Kongress zu sammen und fügt entschlossen hinzu: „Nächstes Jahr, März, wieder Aphasietage. Ich fahr wieder hin!“

Weiter lernen

Auch von den Gesprächen zwischen den Veranstaltungen habe er sehr profitiert, sagt Kai. Oft sei das zwar schwierig und auch anstrengend, aber mit etwas Geduld und langsam Machen funktioniere es dann doch. „Ich will das ja wieder lernen“, erklärt er mir. Mit mir redet Kai an diesem Sonntag allerdings nicht wirklich langsam, sondern im Gegenteil vergleichsweise flüssig und so viel wie noch nie vorher. Ganze zwei Stunden verbringen wir auf Skype. Als ich ihm das sage, lacht er und meint: „Ich weiß auch nicht… Sabbelsabbel!“ 😉

 

Mehr Infos zu den jährlich stattfinden Aphasietagen
gibt es unter http://aphasie-unterfranken.de

Titelfoto: pixabay

 Nachtrag: Bianca Gade hat zumindest diesen englischsprachigen wissenschaftlichen Artikel zum Schnittstellenthema gefunden: http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fnhum.2016.00547/full. Danke, Bianca. 🙂

Was ist eigentlich Aphasie?

Der Begriff Aphasie ist jetzt schon ein paar Mal als Folge von Kais Schlaganfall genannt worden. Aber so richtig erklärt haben wir es noch nicht. Nachdem Kai nun auch noch Beisitzer in seinem Landesverband Aphasie geworden ist, ist es ihm ein doppeltes Anliegen, für Aufklärung zu sorgen. Daher das Thema unseres heutigen Artikels. 😉  Wikipedia folgend stammt das Wort Aphasie aus dem Griechischen und bedeutet Sprachlosigkeit. Es handelt sich dabei um „eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer (…) Schädigung in der dominanten, meist der linken, Hemisphäre des Gehirns“.

In Kais Fall ist diese Schädigung durch den Schlaganfall entstanden und hat bei ihm zu einer expressiven Sprachstörung, einer sogenannten Broca-Aphasie geführt. Das bedeutet, Kai muss neu lernen, sich auszudrücken:

  • Kai kann lesen und das Gelesene verstehen, auch in Fremdspachen, nur sind längere Texte mit komplizierten Wörtern oder Schachtelsätzen sehr anstrengend für ihn. Es ist also nicht nötig, Kai nur Emojis zu schicken, bloß weil er das umgekehrt tut. Ihr könnt ihm ganz normal schreiben. 😉
  • Kai kann inzwischen sprechen, hat aber Probleme, die richtigen Worte zu finden, vertauscht oder verdreht sie. Da kann es sein, dass im Satz das Subjekt fehlt, oder ein Platzhalter wie „der Mann“ benutzt wird. Oder aus dem „Waldmeister“ wird mal ein „Maldweister“, aus der „Mailadresse“ eine „Nummer“ oder aus dem Hund eine Katze.
  • Es fällt Kai leichter, auf Fragen zu antworten, als selbst ein Thema anzustoßen. Wenn das mit dem Antworten aber erst mal läuft, dann kommen wir zusammen auch vom Hölzchen aufs Stöckchen. Dabei verwendet er manchmal richtige Sätze, wenn das Sequenzen sind, die er oft benutzt (Wie geht’s Dir, ich hab zu wenig geschlafen, das hab ich vergessen, etc.). Sonst baut er das, was er sagen will, aus Begriffen zusammen und unterstützt das mit Gestik und Mimik.
    So meinte er z.B. heute auf meine Frage, ob er wieder mit dem Bus zur Logopädie gefahren sei: „Heute Therapie, (zeigt auf eine imaginäre Uhr am Handgelenk) halbe Stunde vorher: (Schreckgesicht) Kacke! Zu spät! (Seufzt) Rollstuhl genommen.“
  • Die Sprache, Wörter, Begriffe – alles ist in Kais Kopf ganz normal da. Er hat aber Probleme sie auszusprechen. Das führt dann entweder zu oben genannten Störungen oder kann auch mal in der Sackgasse landen, wenn das passende Wort nicht kommen will. Das ist dann natürlich besonders frustrierend. Manchmal schaffen wir es zusammen, durch Drumherum-Erklären der Sache auf die Spur zu kommen. Oder Kai schreibt das Wort mit dem Finger auf den Tisch. Manchmal ist es aber auch einfach weg.
  • Komplexes Aufschreiben geht nicht, denn: Das Schreiben lernt Kai gerade erst wieder. Mir hat er zunächst nur Emojis geschickt, um auszudrücken, was er sagen möchte. Inzwischen bekomme ich aber auch immer öfter Wörter dazu. Manchmal als Wiederholung zusammengesetzt aus dem, was ich vorher geschrieben habe, manchmal was Neues. Je nachdem, wie er es gerade umsetzen kann.

Das alles ist natürlich auch abhängig von der Tagesform und von dem Vertauensverhältnis zum Gesprächspartner. Was man nicht tun sollte, ist korrigieren oder Sätze für den anderen beenden. Wörter vorschlagen, wenn das richtige nicht kommen will, ist okay. Aber wenn es nicht geht, dann sollte man auch nichts erzwingen wollen.

Seinen Sprachwitz von früher nicht umsetzen zu können, das sei schon blöd, meint Kai. Aber ich bin mir da gar nicht so sicher, dass er das nicht kann. Gerade mit den Emojis und auch mit seinen Bemerkungen beim Skypen kommt viel rüber. Wir habe die meiste Zeit richtig Spaß miteinander und beömmeln uns über alles mögliche. Und selbst wenn es mal ernster wird, findet sich bald wieder ein Twist, der uns hilft, auch Probleme mit Humor zu nehmen.

Mehr zu den Folgen von Aphasie lesen

Was die Logopädin dazu sagt

Kürzlich habe ich mit Kais Logopädin telefoniert. Eigentlich wollte ich sie für diesen Artikel hier ein paar Dinge fragen und mich vor allem mal darüber informieren, wie so eine Therapie funktioniert. Denn inzwischen hat Kai jeden Tag „Logo“! Seit wir miteinander chatten und skypen tut sich so einiges. Die Logopädin ist aber so begeistert von den Fortschritten, die Kai seitdem macht, dass wir zu diesen Fragen gar nicht kommen.

„Meinen Sie nicht, dass die Fortschritte auch was damit zu tun haben, dass Kai und ich beide digital affin sind?“, frage ich sie. Aber das kann sie mir nicht wirklich beantworten. Es gibt zwar auch digitale Therapieformen, erzählt sie mir, aber bisher arbeite sie mir Kai rein analog. Zum Beispiel am Begriffe finden und am Schreiben. So nach einer dreiviertel Stunde ließen dann aber die Kräfte nach, sagt sie. „Hmmm“, überlege ich, „also wir skypen selten unter einer bis anderthalb Stunden, es sei denn, einer von uns ist zu platt dafür.“
„Und wie oft“, fragt sie.
„Na, täglich“, sage ich zu ihrem großen Erstaunen. 🙂

Wie lange wir das denn so weiter machen wollen, fragt sie, und freut sich sehr, als ich sage, dass wir nicht vorhaben, das so bald zu beenden. „Das hat eine Schleuse bei ihm geöffnet“, schwärmt sie und setzt hinzu: „Ich glaube, Sie beide haben sich so und zu diesem Zeitpunkt finden müssen!“

 

„Ich muss das lernen!“

Nachdem Kai Ende Oktober 2015 nach Hause zurückgekehrt war, musste er seinen neuen Alltag erst mal strukturieren, um nicht in ein Loch zu fallen. „Eine Woche ausruhen“ gönnte er sich, erzählt er mir, bevor er wieder mit den Therapien startete. Zunächst kamen die Therapeuten zu ihm nach Hause, doch dort wurde es schnell zu eng für Physio und Ergo. Also musste ihn immer jemand zu den Therapien fahren, was zusätzlichen Organisationsaufwand bedeutete. Im März 2016 wurde ihm daher ein E-Rollstuhl bewilligt, mit dem er diesen Weg nun allein zurücklegen konnte. Allerdings nur „laaangsam“ seufzt Kai und ich erzähle ihm den Witz von dem Fußgänger, der den E-Rolli-Fahrer fragt „Was macht der Spitze?“ – „5 km/h“, sagt der Rollifahrer. – Antwortet der Fußgänger: „Oje, da kannste auch laufen.“ 😉

Voller Stundenplan

Das mit dem Laufen musste Kai aber erstmal trainieren. Inzwischen geht es schon ganz gut, mal zum Markt oder den Kleinen vom Hort abholen. Das liegt alles in Umkreis weniger hundert Meter. Aber zur Therapie ist es doch noch zu weit zu laufen, v.a. weil er ja auch wieder zurück kommen muss… Aber dafür einen E-Rolli zu nutzen? Vielleicht gibt es da ja auch noch andere Möglichkeiten?

Kais Stundenplan ist jedenfalls gut ausgelastet: „Montag: Ergo, Mittwoch: volles Programm! Physio, Ergo UND Logo, Donnerstag: nur Logo“ zählt er mir auf und grinst: „Freitag: Urlaub!“. Dienstags trifft sich außerdem für zwei Stunden die Aphasie-Selbsthilfegruppe, mit der nachher auch Chorsingen veranstaltet wird. Singen funktioniert nämlich leichter als Sprechen, da dabei andere Hirnareale beansprucht werden. Außerdem macht es gute Laune, wie mir Kai erzählt, auch wenn er der Jüngste in der Gruppe ist. Gesungen wird „alles Mögliche“, sagt Kai.

Zusammen geht’s besser

Im Juni/Juli 2016 ging es dann auch in den ersten Urlaub. Für alle, die „Willkommen im Meer“ gelesen haben, dürfte auch klar sein, wohin. 😉 Genau: Nach Portugal. Dort entstand auch das Titelfoto dieses Artikels. „Mit Raja in Portugal am Strand“, erinnert sich Kai.

Am Anfang sei es für die Familie nicht leicht gewesen, erzählt er mir. Der große Sohn war schon ausgezogen, die Tochter mitten in der Pubertät. Nur der Kleine nahm die Veränderungen erst mal als gegeben hin, auch wenn er den Rollstuhl „doof“ fand. „Inzwischen wieder eine Clique“, freut sich Kai, und das ist auch der Eindruck, den ich beim täglichen Skypen gewinne. Auch seine Freunde sind noch da. „Noch stärkerer Zusammenhalt“ beschreibt Kai die Freundschaft und setzt augenzwinkernd hinzu: „alternativ, weißte?“. Wohl dem der solche Freunde hat!

Digital unterwegs

Wenn Kai allein ist, surft er im Internet oder schaut Streaming-TV oder DVDs. Wir empfehlen uns immer wieder Netflix-Serien und reden auch darüber, z.B. über die neuen Folgen von „Chef’s Table“, einer ganz besonderen Dokumentation über Köche in aller Welt. Als alter Douglas Adams Fan legt Kai mir auch „Last chance to see“ ans Herz. Eine DVD-Reihe mit Stephen Fry, auf der Suche nach Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Zusammen beömmeln wir uns über die Britishness von Stephen, die so gar nicht in den Amazonas oder in die afrikanische Steppe passt. „Oh my goodness!“ 😉

Überhaupt läuft es mit dem Unterhalten immer besser. Im Messenger schickt Kai mir immer öfter Wörter statt Smilies und via Skype werden seine Redebeiträge immer ausführlicher und häufiger. Das Digitale ist halt sein Ding!

Neue Herausforderungen

Leider fordert ihn Skype selbst Anfang der Woche heraus: Ohne eigenes Zutun ist Kai plötzlich aus seinem Account abgemeldet und kommt nicht mehr rein. Ich biete ihm an, das Passwort zurücksetzen zu lassen, aber er sagt „Die Nummer gibt’s nicht mehr!“ und meint damit die Mailadresse. (Ein Symptom bei Aphasie ist das Vertauschen von Wörtern.) Wir stellen verschiedene Theorien an, kommen der Sache aber nicht auf die Spur und schließlich muss dann halt doch ein neuer Account her. Den zu registrieren kostet Kai zwar einige Zeit und Nerven, aber Helfen is nich! „Ich muss das lernen!“, betont er immer wieder und wurschtelt sich alleine durch. Wenig später sind wir wieder drin. 🙂

„Samstag: Vechta!“ erzählt er mir, „Wählen!“. Die Landesmitgliederversammlung des Aphasie-Verbands steht an und ein Mitglied von Kais Oldenburger Selbsthilfegruppe kandidiert für den Vorsitz. Sollte er gewinnen, möchte er Kai als Stellvertreter haben. Wie die Chancen stehen, frage ich ihn. „Mal sehen“, sagt Kai. Ich werde auf jeden Fall die Daumen drücken!

UPDATE: Der genannte Kollege wurde 2. Vorsitzender und Kai zum Beisitzer.

„Don’t panic!“

Kaum haben Kai und ich das Skypen angefangen, hat es sich schon zur täglichen Gewohnheit entwickelt. So hab ich ihn auch gefragt, ob ich den heutigen Blogbeitrag in Anlehnung an Douglas Adams „Don’t panic!“ nennen darf. Schließlich soll es hier darum gehen, wie das mit der Reha für ihn war – Douglas Adams würde sagen: Kai musste rausfinden, wo sein Handtuch ist. Und das war alles andere als lustig: 

„Ich dachte, es würde mit der Zeit einfacher für ihn werden“, erinnert sich seine Frau Raja. „Aber je wacher er wurde, umso mehr begriff er, was alles nicht mehr ging…“ Zunächst wurde Kai am 8. Juni 2015 in die Früh-Reha verlegt. In Oldenburg gab es jedoch keine passende Einrichtung. Die nächste Möglichkeit war Lingen und das bedeutete anderthalb Stunden Fahrt für Raja, die ja auch noch Arbeit, Kinder und Haushalt zu organisieren hatte.

Als Kai dann in die eigentliche Reha kam, wurde es leider nicht angenehmer. „Er hat sich da ziemlich unwohl gefühlt“, erzählt Raja. In ihrem Facebook-Posting vom 20. Juli schreibt sie:

Nun ist schon eine ganze Weile vergangen, seit ich auf Kais Profil etwas geschrieben habe, jetzt will ich euch aber berichten, wie es hier weitergegangen ist.

Kai ist bereits seit etwa sechs Wochen in der Reha. Er ist hochmotiviert und macht große Fortschritte. Inzwischen kann er das rechte (ehemals gelähmte!) Bein schon heben und strecken und macht mit seinen Therapeuten bereits Gehversuche.

Da so ein großer Teil seines Gehirns vollkommen zerstört wurde, muss er vieles neu erlernen. Es lernt das Sprechen, jedoch kann er noch nicht das artikulieren, was er sagen möchte. Wer ihn kennt, kann sich sicher vorstellen, dass ihn diese Tatsache sehr frustriert. Das Positive aber ist, dass er sich an sehr vieles erinnern kann und in seinem Kopf weiß, was er sagen möchte. Nun braucht es tatsächlich viel Geduld, vor allem braucht er diese Geduld. Es geht ihm längst nicht schnell genug.

Ich habe ihm einige Zeitungsartikel mitgebracht und ihm immer wieder erzählt, was alles passiert ist, sowohl mit ihm, was seine Krankheit angeht, als auch sein Buch betreffend. Vor kurzem nun hat er all das endlich begriffen und war – wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt – dementsprechend sichtlich ergriffen!

Und Artikel hatten sich inzwischen einige angesammelt (ganz zu schweigen von Blogbeiträgen!):

Zurück nach Oldenburg wurde Kai Ende August 2015 verlegt, wo er dann nach einiger Zeit auch hin und wieder das Wochenende zuhause verbringen durfte. Das Treppensteigen hatte er ja extra dafür geübt. Ende Oktober 2015 schließlich wurde in Oldenburg bei B&G eine Benefizlesung von „Willkommen im Meer“ veranstaltet, an der auch Kai teilnahm und mit der er zugleich seine Entlassung aus der Reha und seine Rückkehr nach Hause feiern konnte.

Wie es ihm seither ergangen ist und wie sei Alltag heute aussieht, dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Und wieder ist beim Skypen die Zeit wie im Flug vergangen. Unter einer Stunde über Gott und die Welt reden bleiben wir selten. Auch wenn ich nicht immer gleich verstehe, was Kai mir sagen will, werden seine Gesprächsbeiträge dabei immer ausführlicher und auch im Facebook-Chat bleibt es nicht mehr nur bei Emojis. Neuerdings sind da auch immer öfter Wörter dabei, selbst wenn sich Kai nicht immer sicher ist, ob das so richtig ist. Dann wird eben ein Grübel-Smilie dazu geschickt und wir klären es via Skype.

„Zwei Wochen zurück: noch nicht so viel geredet.“, erzählt er mir dort.
Ich scherze, dass er meinen Wortbeiträgen ja was entgegen halten müsse.
„Nee!“, sagt Kai. „Katalysator!“

Foto: Kais Bruder Patrick zu Besuch in der Reha.

Love is all around

„Kai schnallt sich grade den Rucksack um und geht gleich auf den Markt“, sagt seine Frau Raja, als ich anrufe, um ein paar Rückfragen zu besprechen, die sich bei meiner Recherche zu #EinBuchfuerKai ergeben haben. Ich höre, wie sie noch die Einkaufsliste besprechen und sie zu ihm sagt „Du schaffst das!“ Dann ist er weg. „Das rechte Bein zieht er noch nach“, sagt Raja. Die Treppe geht er deshalb sicherheitshalber rückwärts runter. Zwei Stockwerke sind es, denn umziehen wollten sie nach Kais Schlaganfall beide nicht. Kai sollte zurück in seine vertraute Umgebung kommen. Also hat er in der Reha vorwiegend Treppensteigen und Laufen geübt. Zuerst mit Stock, inzwischen geht es auch ohne.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Im Mai ist es zwei Jahre her seit Kai ins künstliche Koma versetzt werden musste und zunächst niemand wusste wie es weitergeht. „Das war eine Horror-Zeit“, erinnert sich Raja. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob Kai überhaupt wieder aufwachen oder den Schlaganfall überleben würde. Ob er sie noch erkennen würde oder überhaupt alleine würde atmen können.

Raja war am Beginn ihres Zweitstudiums Deutsch für Ausländer und hatte gerade eine Klasse geflüchteter Kinder für den Sprachunterricht übernommen. „An Uni war da aber nicht mehr zu denken“, erinnert sie sich, „ich musste erst mal sehen, wie wir die nächste Miete bezahlen sollten!“.

Zum Glück las Johannes Korten Rajas Aufruf zum Kauf von Kais Buch „Willkommen im Meer“. Er hatte die Idee, das Ganze unter den Hashtag #EinBuchfuerKai zu stellen und er war auch derjenige, der das Spendenkonto eröffnete, über das in kürzester Zeit die dringend benötigte Soforthilfe gesammelt werden konnte.

„Das war der Wahnsinn!“, schwärmt Raja, „Soviel Güte und Herzenswärme, selbst von wildfremden Menschen!“ Innerhalb eines Monats kamen so über 13.000 Euro an Spenden zusammen und „Willkommen im Meer“ schnellte auf Platz 1 der amazon-Bestsellerliste.

Auch Internetriesen haben ein Herz

Dass der Roman am Anfang nur via amazon zu haben war, lag übrigens daran, dass Kai über Jahre  keinen Verlag für „Willkommen im Meer“ gefunden hatte. Seit 2006 hatte er es versucht,  war aber immer abgelehnt worden.  Deshalb startete er zuerst ein (leider wenig erfolgreiches) Selfpublishing mit einer eigenen Book-on-Demand-Lizenz.

Altes Cover von Willkommen im Meer

Im Februar 2015 schließlich versuchte  er einen neuen Anlauf mit dem von Raja gestalteten neuen Cover

Cover von Willkommen im Meer

und zwar bei amazons Create Space. – Drei Monate später startete  #EinBuchfuerKai.

„Als das anlief, geriet amazon natürlich unter sozialen Druck“, erzählt Raja. „Die Leute posteten: Wäre es nicht netter, wenn amazon auch was spenden, oder seinen Anteil weitergeben würde?“ Und es wirkte: Nur wenige Stunden später erhielt Raja einen Anruf des Internetriesen, dass man für den Rest des Monats auf den Gewinn verzichten und nur die reinen Druckkosten abziehen würde. „Sowas hat amazon meines Wissens vorher und nachher nie wieder gemacht!“, freut sich Kais Frau, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur von den Medien, sondern auch von Verlagshäusern mit Anfragen überschwemmt wurde.

Während dieses Rummels im Netz und in den traditioniellen Medien lag Kai weiter im künstlichen Koma und Raja hatte verständlicherweise erst mal andere Sorgen, als Presse- oder Verlagsanfragen zu beantworten. „Ich hatte ja auch überhaupt keine Ahnung von so etwas“, erinnert sie sich.

Als Kai am 23. Mai aus dem Koma geholt wurde, reagierte er zuerst gar nicht. Am 25. Hatte er zum ersten Mal die Augen auf, schaute aber nur ins Leere. Dann, am 1. Juni 2015, meldet Raja auf Facebook:

„Er kann den linken Arm und das linke Bein bewegen, selbstständig atmen und hat zwischendurch einen klaren Blick, d.h. er erkennt mich, kann meine Hand drücken und hat mir sogar schon zugelächelt. Ich erzähle ihm alles, was ihm passiert ist, von dem unglaublichen Erfolg seines Buches und von all euren wunderbaren Nachrichten, Blogeinträgen und guten Wünschen. Manchmal hat er dann diesen klaren, ein wenig verwunderten Blick, bei dem ich glaube, er versteht, was ich sage.
Zwischendurch wirkt er dann wieder ganz abwesend und er hat noch arge Schwierigkeiten mit dem Schlucken.
Nun soll er sobald wie möglich in die Reha kommen und meine Überzeugung wächst täglich ein wenig mehr, dass Kai – der alte Autodidakt – es schaffen wird, alles wieder zu erlernen!
Es wird ein langer, anstrengender Weg, aber ich glaube an ihn und ich weiß, so viele von euch tun das auch!
Vielen, vielen Dank nochmal – an euch alle, für all das, was ihr möglich gemacht habt!
Love – Raja“

Ob Kai es ohne all diese Unterstützung so zurück ins Leben geschafft hätte? Raja glaubt es nicht. Sie kann bis heute nicht fassen, was da passiert ist. Johannes Korten indessen hat es mit folgenden Worten zusammengefasst:

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen.“

Wie es Kai in der Reha erging und wie es mit seinem Buch weiterging, dazu mehr im nächsten Beitrag. 🙂

Zum Absegnen dieses Artikels wollte ich zunächst wie beim letzten Mal mit Kai chatten, damit er mir via Smilies signalisieren kann, ob das so ok ist. Doch dabei haben wir es diesmal nicht belassen, sondern sind auf Kais Wunsch hin auf Skype umgestiegen, wo wir über eine Stunde allein miteinander geredet haben. Komplexere Sätze sind noch schwierig für ihn und es fehlen ihm öfter mal die passenden Wörter. Aber für unser erstes Mal haben wir es echt gut hinbekommen.
„Ja, findest Du?“, fragt Kai.
Jou, finde ich! (Beweisfoto siehe oben) Und wir werden sicher noch öfter Gelegenheit dazu haben! 😉

Leben ist, was passiert, während Du andere Pläne machst

Seit Kais letztem Artikel in diesem Blog ist einige Zeit vergangen. Sein Roman „Willkommen im Meer“ war gerade erst seit wenigen Monaten erschienen, als er wegen Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus kam und vier Tage später einen schweren Schlaganfall erlitt. Seine Frau Raja beschrieb die Ereignisse in einem Facebook-Posting am 15. Mai 2015 wie folgt:

Liebe Freunde und Bekannte von Kai!

Mein Mann Kai wurde, wie ihr wisst, am 8. Mai [2015], einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, wegen Herzrhythmusstörungen stationär im Krankenhaus aufgenommen. Es ging ihm wieder besser, aber dann erlitt er in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch [12./13.Mai] einen schweren Schlaganfall. Die gesamte linke Hirnhälfte ist beschädigt, die rechte Körperhälfte gelähmt. Aufgrund weiterer Komplikationen wurde er noch am Mittwoch Abend an ein Beatmungsgerät angeschlossen und ins künstlichen Koma versetzt. Die Ärzte können noch keine Prognose darüber geben, ob er überleben wird oder wieviel seines Gehirnes dauerhaft beschädigt sein wird. Wir haben sehr große Angst um ihn.

Wie viele von euch wissen, hat er gerade versucht, sich selbstständig zu machen. Ich bin mitten in meinem Zweit-Studium, wir haben einige Kredite abzuzahlen, das heißt, unsere finanzielle Situation ist katastrophal, wir sind in keiner Weise abgesichert.

Nun will ich versuchen, sein Buch zu verkaufen. Soziales Netzwerken war immer eines von Kais großen Themen, vielleicht kann es uns jetzt helfen. Ich bitte euch alle – kauft sein Buch, wenn es euch gefällt – verschenkt es, schreibt in euren Blogs darüber, erzählt es weiter, teilt den link… – helft mir es bekannt zu machen!

Es ist ein sehr lesenswertes Buch, geistreich, witzig und zum Nachdenken anregend geschrieben – es macht großen Spaß es zu lesen!

Und schickt ihm Kraft und Energie – damit er zurückkommt!

Danke
Raja mit Felix (20), Lara (14) und Ben (4)

https://www.amazon.de/Willkommen-im-Meer-Kai-Eric-Fitzner/dp/1505428777/ref=tmm_pap_title_0

Dieses Posting ging dank eines Blogbeitrags von Johannes Korten und daraufhin durch viele andere Blogger und Internetnutzer viral. Unter dem Hashtag #EinBuchFürKai rauschte ein gigantischer Lovestorm durchs Netz. Über das von Johannes spontan eingerichtete Spendenkonto konnte Kais Familie aus der akuten Notsituation geholfen werden. Die Buchkäufe sorgten außerdem dafür, dass „Willkommen in Meer“ zum Bestseller wurde. Mehr dazu in den kommenden Blogbeiträgen.

Dieser Artikel wurde in Kais Auftrag von Annette Schwindt geschrieben, da Kai nach seinem Schlaganfall leider noch nicht selbst dazu in der Lage ist. Er liest aber mit und freut sich auf Eure Kommentare. 🙂 Inzwischen berichtet Annette hier darüber, was sich seit Mai 2015 ereignet hat und wie es weitergeht.

WiM – Auch im Buchhandel?

Nachdem bereits Anfragen kamen (danke, danke), ob Willkommen im Meer auch im normalen Buchhandel erhältlich ist oder nur bei Amazon, hier eine kurze Zusammenfassung möglicher Antworten: Nein, noch nicht. (Kurz genug?)

Ich studiere gerade die Grimoire des deutschen Buchhandels, des Verzeichnisses Lieferbarer Bücher und der Buch-Grossisten, um die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu machen. Ein paar Tage dauert es wohl noch, aber dann steht dem Kauf des famosen Romans in eurer Lieblingsbuchhandlung nichts mehr im Weg. Etwas Geduld also noch, bitte.

Willkommen im Meer

Cover von Willkommen im MeerSoeben ist die 2. Fassung meines Romans „Willkommen im Meer“ erschienen, mit neuem Cover und neuem Layout, weniger Fehlern und weniger Text, dafür mehr Seiten für schmaleres Geld. Ich habe der Versuchung widerstanden, den Text an seinen prophetischen Stellen an die jüngeren Ereignisse anzupassen, weil mir das zu revisionistisch vorgekommen wäre. Bei genauerer Betrachtung ist aber die Weitsicht des Protagonisten, der ich ausdrücklich nicht bin, ohnehin bewundernswert und hat in den vergangenen 9 (!) Jahren nichts an Präzision eingebüsst. Gute Schelme sind eben zeitlos gut. Willkommen im Meer gibt es bei Amazon als Taschenbuch (siehe Link links – hihi) und als Kindle-Edition auf der ganzen Welt zu erwerben. Und ich plane jetzt mal ein paar Lesungen.

Eine #Pagode für Pegida

Es ist ein Zeichen von Empathie, die Sorgen seiner Mitmenschen ernst zu nehmen. In den frühen 90er Jahren sorgte sich mein Opa zusammen mit einigen anderen tausend Mitbürgern in Bremen um den Fortbestand des Abendlandes. Ein gewisser Gerhard Frey tingelte damals durch die aufkeimende Talkshow-Landschaft und gab dort den besorgten Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Onkel. Kernig sagte er, man habe Anno 1683 die Türken vor Wien nicht geschlagen, um ihnen heute kampflos ganz Europa zu überlassen. Der Satz ist aus der Erinnerung paraphrasiert, weil meine Notizbücher aus den 90ern in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden oder im Keller schlummern. Passend dazu gab es einen Wahlwerbespot, in dem ein listiger Ausländer im Rathaus alle denkbaren Sozialleistungen abschöpfen wollte, was nur Freys Deutsche Volksunion verhindern könne. Mein Opa las sich das Parteiprogramm durch und fand, dass vieles von dem, was er dort las – ein Sammelsurium von Gemeinplätzen und erfundenen Bedrohungen – durchaus ernst zu nehmen sei. Denn schließlich müsse das ja alles wahr sein, sonst dürfe man das nicht sagen oder drucken. Man sehe ja außerdem in den Straßen, dass da überall Ausländer rumlaufen, die nicht Fußball spielen, Ente süß-sauer herrichten oder Ouzo servieren. Nach vielen fruchtlosen Streitereien habe ich seine Attitüde unter Altersstarrsinn verbucht und vergeblich gehofft, dass ihm der falsche Anschein einer Bedrohung des Abendlandes ein Lichtlein aufgehen lassen würde.

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Der Kragenbär vom Nordwestradio

Soll man einen politischen Kommentar, der einem das Recht der Teilnahme an einer Demokratie absprechen möchte, überhaupt eines Blickes würdigen? Kann man das überhaupt, wenn er im Radio gesendet wurde? Noch dazu im Spartensender Nordwestradio? Da gibt es einen „rasenden Reporter“ (eigene Aussage) namens René Möller, der Kommentare macht, wenn ihm „mal der Kragen geplatzt ist“. Zum Beweis dafür gibt es ein Foto ohne Kragen auf der Senderhomepage. (Es gibt zum Glück noch ein Foto von direkt vor der Kragenplatzung hier. Man sieht es bereits rumoren.) 

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NYC Restaurant-Revue | 2 | Momofuku Ssäm Bar

Und dann hatten wir plötzlich einen Abend für uns. Ohne Kinder. Und wir wollten essen gehen. Und ich wusste genau wohin. Aber ich wusste nicht, wie ich es der Holden sagen sollte. Denn auserkoren hatte ich ein Restaurant, das mir bereits aus der Ferne beim bloßen Lesen, was es dort so alles gab, den Mund wässrig werden ließ. Warum also nicht meiner Angetrauten sagen? Nun, es handelte sich um David Changs Momofuku Ssäm Bar, einem Tempel für Liebhaber von den schönsten Dingen, die das liebe Schwein so zu bieten hat. Und obwohl ich weiß, dass meine liebe Frau Schmackhaftes auch vom Schwein zu schätzen weiß, schätzte ich ihr Misstrauen gegenüber einem Schweinebauch- und -ohrenrestaurant hoch ein. Zu Recht.

Der freundliche Service wies uns diesmal zur großen Verwunderung aller Beteiligten – auch des Maitre d‘ – sofort einen Platz, wenn es uns denn nichts ausmachte, an einem Tisch Platz zu nehmen, der bereits von einigen Schweinejüngern besetzt – Occupy Pig Temple war das auch in die Gesichter dieser strahlenden Verheißungserfüllungssucher eingebrannte Motto. Und Verheißungserfüllung gab es satt.

Vom ebenso sachkundigen wie zuvorkommenden Kellner/Waiter/Service-Mann angeleitet, suchten wir uns fünf schicke Speisen aus, durch die wir uns wonnevoll hindurchfutterten. Steamed Buns, das umwerfende Markenzeichen der Momofuku-Unternehmunggedämpfte Hefeteigbrötchen mit butterzartem Schweinebauch, Hoisinsauce, kurz angemachten Gurken und frischen Frühlingszwiebeln; Fuji Apple Kimchi mit Ruccola, einer leichten Ahorn-Joghurt-Sauerei und knusprigem Speck; knusprige Schweineohren mit yuzukosho, Tomatillos und Thai Basilikum; gegrillter Oktopus auf spanische Art mit Pinienkernen, schwarzen Oliven und Sellerie; und zum Abschluss gab es die Barbecue-Variante der himmlischen Steamed Buns, mit dem zarten Schweinebauch mariniert und außen knusprig, dazu etwas angemachtes Kraut und einen Hauch von geräucherter Mayonnaise – es klingt leckerer als das Original, ist es aber nicht.   Aber das ist schon Gekrittel auf hohem Niveau. Auf sehr hohem Niveau.

Momofuku Ssäm Bar
207 2nd Ave
New York, NY 10003
212-254-3500