Sommerreisen – 1. Teil

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Ich bin immer wieder überrascht festzustellen, dass die meisten Reisenden in Deutschland Träger besonders langweiliger Meinungen zu sein scheinen. Hinzu gesellt sich bei einem nicht unerheblichen Anteil eine gewisse cholerische Neigung, die nach alter linker Straßenkämpfersitte vorzugsweise gegenüber Uniformträgern zur Eruption gelangt.

Aber das ist nur Zufall, gleichwohl man daraus eine ähnlich langweilige Meinung bestätigen könnte, nämlich die, dass sich im linken Milieu die reaktionären Spießer nur so tummeln. Und vermutlich ist das auch so, denn es gibt politisch nichts langweiligeres als sich einem Lager der Marke Rechts oder Links zuzuordnen. Wer jetzt sagt, die Mitte sei genauso langweilig, der irrt: Menschen, die sich politisch in irgendeiner Mitte verorten, sind nicht langweilig sondern dement.

Es sind also die reaktionären Spießer, die ihre Mitmenschen auf Reisen mit ihren Meinungsbekundungen bis zum Erbrechen langweilen. In der Regel sieht das so aus, dass sie wütend geifernd am Bahnsteig stehen und auf Durchsagen warten, die eine wie auch immer geartete Unpässlichkeit verkünden, um wie ein römischer Gefangenenchor ihre Spießerhymne „Typisch! Typisch Bahn!“ zu singen. Danach finden sie sich in Grüppchen zusammen und erzählen sich trübe Anekdoten, wie einmal im IC von Dortmund nach Osnabrück die Reservierungsanzeige ausgefallen war und jemand schon auf ihrem Platz saß, oder dass gleich der ganze Wagen fehlte. Diese Gespräche münden dann häufig in Wettbewerben, wer Zeit seines Lebens eigentlich die schlimmsten Verspätungen zu erdulden hatte und noch bevor sie ihren Herrn und Meister krönen können, hat sie die „Scheiß-Bahn“ dann doch nach Hause gebracht.

Dabei gibt es abgesehen von den oben beschriebenen Mitreisenden nur drei Dinge, die man an der Bahn bemängeln kann:

Erstens wären da die horrenden Preise, die, zweitens, nicht einmal eine Sitzplatzgarantie mit einschließen, weil man diese, drittens, für einen stattlichen Obolus zusätzlich erkaufen muss. Das alles ist Pfui, Igitt und Kotz, aber dennoch kein Grund, seinen Mitmenschen damit auf den Wecker zu gehen. Denn schlussendlich ist’s das gleiche Pack, das dafür verantwortlich zeichnet: die irren Wettbewerbslangweiler aus der politischen Mitte, die die Bahn der Staatsgewalt wegprivatisiert haben. Dabei ist das Recht auf Reisen, wie auch auf Schwimmen oder andere Fortbewegungsarten, ein vom Staat zu förderndes, weil gesellschaftlich verlangtes Zugeständnis der Bürgerschar. Darüber sollte man mal nachdenken, bevor man wieder leichtfertig wählen geht.

Adieu, sweet Fussball!

cl-final2<smugmode>Es ist ja dann doch wohl so gekommen, wie ich es vorausgesehen habe.</smugmode>

Zur Sache: Ich empfinde es als genugtuende Ironie des Schicksals, dass unser aller liebster FC Bayern München sich an einem – die eben jenes FCBs perfektionierte Spielweise schandhaft imitierende – Club, der das noch ein bisschen beschissener konnte, die Zähne ausgebissen hat. Ist schon Scheiße, wenn der Gegner das eigene Spiel noch besser zerstören mag, als wir es gerade mit seinem vorgehabt hatten, gelle?

Keine Ahnung, worum es geht? Ich will das kurz aufklären für alle, die mit Fussball nicht allzu viel am Hut haben: Vor wenigen Minuten hat der FCB das Champions League Finale gegen den italienischen FCB namens Inter Mailand verloren. Das geht eigentlich nicht, weil der FCB nicht gerne verliert. Lieber gewinnt er, weil er dann anderen Vereinen seine persönliche Überlegenheit angedeihen lassen kann. Im Falle einer Niederlage ist es erfahrungsgemäß einen Augenblick ruhig, bevor es Ausreden für diesen vom Schicksal sicher nicht gewollten Realitätsbastard nur so hagelt. Von daher lieben es die Fussballfans landauf und landab, wenn der FCB verprügelt wird. Immer. Auch heute. Juhuu!

Aber: Es gilt anzumerken, dass man natürlich gerne gegen den FCB sein darf, allein, es stellt sich die Frage, ob man deshalb für einen Inter Mailand sein kann, der unter Jose Mourinho (der Mann ist übrigens Portugiese und wird deshalb eher nicht CH-OSE mit einem satten NaCHt-CH geheißen sonder eher dann doch mir einem sanften, SCH-artigen Anlaut, den man als Deutschsprechender am besten hochtrunken produziert) einen Fussball spielt, der neoliberaler nicht sein könnte. Der Erfolg gib ihm ja Recht, so schalmeit es von überall her, aber besser wird der ganze Ärger ja nicht. Italien hat es ja schließlich mit dieser Art von Fussball (ich kenne übrigens die italienische, aller Journalisten Lieblingsvokabel dafür, aber ich weigere mich an dieser Stelle so etwas wie Catenaccio auch nur in den Mund zu nehmen) vor beinahe vier Jahren zum Weltmeister geschafft.

Langer Ärger, kurzer Sinn: heute haben zwei sehr unsympathische Mannschaften gegeneinander gespielt und die etwas unsympathischere hat gewonnen. Ich kann damit leben, weil die einzigen interessanten Mannschaften im Viertel- bzw. Halbfinale ausgeschieden sind – oder nicht einmal im Wettbewerb standen.

Alles Schöne…

allbeautyFussball kann man für etwas Derbes, Verderbtes, Verdorbenes, Verderbendes, Rohes oder aber auch für etwas Schönes halten. Eigentlich ist das egal. Man kann es aber auch zum Anlass nehmen, Derbes, Verderbtes, Verdorbenes, Verderbendes, Rohes oder aber etwas Schönes zu tun. Das ist nicht egal, das ist doof. Besonders doof aber ist, dass der Masse der Zuschauer die Möglichkeit gegeben wird, wichtige Ereignisse eines Fussballspiels besser bewerten zu können, als die zur Bewertung abgestellten Fachleute. Denen wird nämlich untersagt, zur besseren Einschätzung eben jenes Bildmaterial heranzuziehen, welches Jedem, außer ihnen, zur Verfügung steht. Man spricht da scheinbar sozialdemokratisch verwurzelt von Tatsachenentscheidung. Frei nach dem Motto: besser konnte man es halt nicht sehen.

Welch Irrsinn! Welch Lüge!!!

Gerne bin ich bereit, das heutige Spiel zwischen Arsenal London und dem CF oder FC Barcelona als Beispiel heranzuziehen, obwohl gerade ein Pulk von Menschen vor meinem Fenster vorbeiläuft und dumpfe Parolen grölt.

Vorweg zum Spiel: Bei den beiden beteiligten Mannschaften handelt es sich um zwei meiner Lieblingsclubs. Dies rührt vornehmlich daher, dass ich ein Freund schnellen und überraschenden Kombinationsspiels bin, welches beide Clubs unter der Ägide (tolles Fussballjournalistenwort) der jeweiligen Trainer (Arsene Wenger und Josep Guardiola) wunderbar zu zelebrieren imstande sind. Darum zog es mich am Abend des 31. Märzens in ein Bierlokal, um das Spiel auf großer Leinwand bewundern zu können. Und es gab so manches zu bewundern.

Knapp zusammengefasst mag man wohl nicht verstehen, warum Barca es nicht geschafft hat, ein (mindestens) 2:0, Pardon, 0:2, mit in die Pause zu nehmen. Egal – so etwas darf sich rächen. Dass nun aber direkt nach Wiederanpfiff und kurz darauf jene beiden Tore fallen, stimmt jeden Fussballkenner grüblerisch. Weil es im Fussball nämlich eines nicht gibt: Ausgleichende Gerechtigkeit.

Geht doch! sagt sich da wohl jeder Spieler jeder Mannschaft und wähnt sich unschlagbar.

Und prompt schlägt Arsenal zurück, markiert mit einem seiner immer unglaublich gefährlichen Konter das 2:1, Pardon, 1:2. Wundervolles Spiel, wundervolle Wendung. Es keimt die Hoffnung auf den Ausgleich, da Barca offenbar nicht mehr schnell spielen mag, etwas, was sie in der ersten Halbzeit derart unwiderruflich perfekt getan haben, oder einfach nicht mehr kann.

Fasziniert sitzt man also da und wundert sich, warum Arsenal in der ersten Halbzeit so sehr nicht mitspielen konnte, wenn sie doch, wie sie es in der zweiten Halbzeit eindrucksvoll zeigen, das Fussballspielen ausgezeichnet beherrschen? Und dann gibt es diesen Pfiff!

Arsenal ist inzwischen die bessere Mannschaft auf dem Platz, wiewohl es, ginge es allein danach, bereits 1:5 stehen müsste – ein schwaches Argument, also. Francesco Fabregas fällt nach Körperkontakt mit Puyol um. Naja, könnte man meinen, das gab’s in der ersten Halbzeit auch schon mindestens zweimal, als Messi und Konsorten in Arsenals Strafraum gelegt wurden – der Fussballfreund hat’s mit Wohlwollen gesehen, dass kein Elfmeter oder falscher Freistoß die Führung begründet.

Warum dann aber dieser Elfmeter für Arsenal? Und, äh, warum dazu eine rote Karte für Puyol? Warum soll ein Match zwischen zwei der besten Clubs vom Schiedsrichter entschieden werden… können?

Die Antwort ist viel furchtbarer als wir es überhaupt ahnen: der Schiedsrichter, damit er überhaupt eine Berechtigung hat, am Fussball teilzunehmen, muss früh gelockt werden.

Die fussballerisch Minderbemittelten werden aus dem Verkehr gezogen und zu Schiedsrichtern erzogen, damit sie sich später für ihr eigenes Unvermögen rächen können. Denjenigen, denen dies nicht gelingt, blüht die Mitgliedschaft bei den Jungen Liberalen. Dort beharren sie dann für den Rest ihres Lebens auf Tatsachenentscheidungen.

Climbing Mount Vomit

polaroid6Falls dem Ergebnis der zurückliegenden Bundestagswahl irgendetwas Positives anhaften sollte, dann ist es vermutlich die Hoffnung, dass die Neuausrichtung des Etats zur Bekämpfung rechtsextremer Einflüsse dazu führt, dass auch neoliberale Gruppierungen wie die extremistischen Jungen Liberalen verfolgt werden. Ansonsten – nichts als Tristesse.

Die Allianz aus CDFDPSU erhielt 21.124.170 der Erst- und 20.974.595 der Zweitstimmen. Das ist nur ein knappes Drittel der Stimmberechtigten, also ist die Lage vermutlich doch nicht ganz so düster wie zunächst angenommen. Zählt man die Stimmen für die SPD hinzu, um das vorläufig gesamte neoliberale Spektrum abzudecken, so ergeben sich 33.203.928 der Erst- und 30.965.083 der Zweitstimmen. Insgesamt sind das mehr als 50% der Erststimmen aller Wahlberechtigten, also auch derer, die gar nicht erst zur Wahl gegangen sind. Nach den jüngsten Begebenheiten im Saarland täte man sicher gut daran, die Grünen zumindest potentiell ins neoliberale Lager zu rechnen, aber wir lassen das an dieser Stelle einfach mal sein, da die Zahlen auch so schon lustig genug sind. Sie belegen nämlich eindrucksvoll, in was für einem Dumpfduddelsumpf die genannten Parteien ihre Wähler rekrutieren. Jene Wähler nämlich, die für eine Politik stimmen, die ihnen unmittelbar und aktiv schadet, also prinzipiell alle, die nicht in der privaten Krankenversicherung zuhause sind. Sollten Sie, verehrter Leser, gesetzlich versichert sein und haben CDFDPSU gewählt, dann sind Sie, mit Verlaub, ein Idiot! Vielleicht steckt dahinter politisches Desinteresse, aber vermutlich sind es doch eher Meme vom Kaliber „die können Wirtschaft besser“ oder „mich wurmen die Linken“ oder, noch besser, „bei den kleinen Parteien verschenkt man seine Stimme“. In einer Wirtschaftskrise, die sogar so manch neoliberal verblendeter Holzkopf als Systemkrise zu identifizieren beginnt, auf eine Politik zu hoffen, die methodisch vollverantwortlich für das ganze Desaster ist, hat schon was.

Bei der diesjährigen Vergabe der Ministerämter offenbaren die Beteiligten deutlicher als sonst, dass die Ämter maximal nach Interessenlage, wahrscheinlich aber doch eher wie auf einem Suq feilgeboten werden, was hinsichtlich der Annäherung an die muslimische Welt als positiv bewertet werden muss. Deshalb ist unser Lauschangriff-Ferengi mit dem Köfferchen (erinnert sich da noch jemand dran?) jetzt auch endlich Finanzminister – der Bock als Gärtner. Haha. Und seine Durchlaucht, der Herr der Wirtschaft, hat seine Sache so gut gemacht, dass er jetzt endlich Verteidigungsminister wird. Ob er als Unteroffizier der Reserve irgendwem Befehle erteilen darf, wird sich noch zeigen. Nicht zu vergessen: der ewig pubertierende Westerwelle als Außenminister. Jetzt kann sich der Krawattenmann des Jahres 2001 endlich im Auftrag des Deutschen Volkes an der ganzen Welt dafür rächen, dass er bereits seit 35 Jahren nicht aus dem Stimmbruch findet. Wenigstens sorgt er so sicherlich dafür, dass dem Guttenberg nicht die Arbeit ausgeht. Als kleine etymologische Randnotiz ist anzumerken, dass die Herkunft des Begriffs Gruselkabinett nun zweifelsfrei geklärt ist.

Wir lernen hieraus zwei Dinge:

1.) 18 Millionen Wahlberechtigte waren nicht gewillt, die Verantwortung für diesen Wahnsinn zu übernehmen. Vielleicht sollten wir eine Partei gründen und diese weisen Mitmenschen zur Wahl bewegen.

2.) Die politisch Desinteressierten gehen doch zur Wahl, und zwar scheinbar alle.

Die gute Nachricht ist allerdings, dass wir in den nächsten vier Jahren einen sozialen Klimawandel erleben dürften, der unter Umständen den Nährboden für soziale Unruhen bilden wird. Viva la revolucion!

Rätselhafte Jugend

cimg0443Was für ein herrlicher Tag! Die Sonne scheint, es ist warm, Vöglein singen, Bienen summen, und unsereiner ist schwer versucht ein Apfelbäumchen zu pflanzen, Eier zu legen, Prinzen zu zeugen, Bäume auszureißen (Bedenken: beißt sich eventuell mit Plan A), oder großväterliche Spottklischees hinsichtlich Ausdrucksform und -weise der ‚Jugend von Heute‘ zu verbreiten.

Denn wenn die Vertreter der uns nachfolgenden Generationen auch noch immer nicht dauerhaft Amok laufen, so arbeiten sie ihre destruktiven Energien an unserer geliebten Mutterzunge ab, um diese zu zerstören und in den rauchenden Trümmern satanische Messen zu zelebrieren. Heimlich treffen sie sich in nebligen Häfen und zerren säckeweise die unaussprechlichen Schrecken von jenseits des Großen Teiches auf glitschige Kaimauern, um sie hernach unters wehrlose Volk zu streuen. Die Ziele ihrer Mission sind ähnlich gestrickt wie jene, die wir seinerzeit verfolgten, nämlich unsere Altvorderen über totale Unverständnis in den Wahnsinn zu treiben. Wovon ich spreche? Dies:

Gestern kam mein Sohn zu mir und bat mich um einen nicht unerheblichen Geldbetrag.

„Nanu?“, fragte ich. „Wofür benötigst du derartige Summen, mein Sohn?“

„Fürn MP3-Player!“ (Übersetzung*: „Für ein digitales Musikabspielgerät, Vater!“)

„Mich deucht, darauf spartest du schon länger, mein Sohn.“

„Nnnhhh.“ („Ja, Vater!“ *)

„Und vermeldetest du nicht just vorgestern, den erforderlichen Betrag erspart zu haben?“

„Nnnhhh.“ („So ist es, Vater!“ *)

„So sprich: Was ist geschehen?“

Das war nicht fair. Er wollte die neuen Features haben. Ist nicht meine Schuld, dass ihm die Harddisk gecrasht ist. Okay, Download kam von mir, aber er wollte doch sein Laptop gepimpt haben. Kurz vor der Disco war das natürlich uncool und ohne Backup auf dem Stick wär’ dissen ohne Ende angesagt. Ich also ’ne neue Disk rangeschafft. Cash is’ weg, klar. Aber besser gut geshoppt als phatt Stress mit den Homies.“ (Äähhh… **)

Ich habe ihm das Geld gegeben, weil ich auf keinen Fall wollte, dass er Stress mit seinen Homies bekommt, phatt hin oder her. Dabei spare ich seit geraumer Zeit auf eine Japan-Reise, um Edo-Sushi bei den alten Meistern zu essen. Aber vielleicht muss ich das gar nicht mehr. Bill Murray verstehe ich jetzt immerhin.

Und um den ursprünglichen Gedanken nicht aus den Augen zu verlieren, hier noch ein Rat an die Jugend: Redet wie euch der Schnabel gewachsen ist! Wer es nicht fertig bringt, im Falle von Unverständnis nachzufragen, was ihr mit euren Worten zum Ausdruck zu bringen gedenkt, der ist euren Schall nicht wert!

Das gilt natürlich auch umgekehrt…

* Die exklusiv für diesen Blog angefertigten Übersetzungen sollen älteren Menschen helfen, die Welt um sie herum besser zu verstehen. Ältere Menschen verstehen nämlich grundsätzlich nichts, was sie nicht selber schon einmal gesagt haben. Das ist eine Tatsache, ebenso wie die, dass Onanieren das Rückenmark schädigt.

**So zu tun, als würde ich das nicht verstehen, ist natürlich affektiertes Gehabe. Mein Sohn hat einem technisch minderbemitteltem Freund ein dubioses Programm zwecks Erweiterung der Funktionalität dessen Computers aus dem Internet heruntergeladen. Vor der Installation jenes Programms war er noch so umsichtig, eine Sicherungskopie wichtiger Daten auf einem Speicherstäbchen anzufertigen. Umsichtig deshalb, weil die Festplatte in des Bekannten tragbarem Rechner den Aktualisierungsvorgang nicht überlebte. Zu allem Übel war der Freund nicht nur inkompetent, sondern auch von mindestens ebenso dubiosem Charakter wie das Programm, denn er drohte meinem Sohn mit Liebesentzug durch den gesamten Freundeskreis, sollte mein Sohn ihm die Festplatte nicht ersetzen. Undank ist der Welt Lohn.

Bildung für Blöde

bildungIch habe nichts gegen Juristen. Wirklich nicht. Ich hab’s ja selber mal werden wollen, wenngleich nur maternal fehlgeleitet und auch nur für zwei Semester. Ich bedauere auch, dass Juristen während ihrer Ausbildung so gequält und unter Druck gesetzt werden, wie sonst nur Lehrer (mir ist zu Ohren gekommen, dass auch andere Azubis gequält werden, allein: Das macht’s nicht besser!). Dass dies Beulen im Gemüt hinterlässt, wie sonst nur die in „Zwei Banditen“ angestimmte Weise in jenem der sprichwörtlichen Mutter, mag ich wohl zur Kenntnis nehmen. Was ich aber nicht so ganz verstehe ist, warum diese erlittenen Qualen (ähnlich wie bei Lehrern) Juristen dazu befähigen sollen, ihren eigenen Leidenshorizont ebenso sachgerecht wie fachfremd auf andere projizieren zu können. Denn: ist des Einen Leid wahrhaftig des anderen Erkenntnis?

Dass Bildung Ländersache sein soll, weil man ja beizeiten irgendwelchen landsmannschaftlichen Schrullen entgegengekommen können muss, habe ich verinnerlicht. Man kann dann ja, wenn es einem gar nicht gefällt, mit Kind und Kegel woanders hin machen, wie übrigens auch bei Arbeitslosigkeit, Ausbildung, Partnertausch, Klimakatastrophe, Waldsterben und Weltschmerz. Flexibel muss der Bürger in seinen Grundfesten sein, weil es sich auf nachgebendem Fundament bekanntlich am besten bauen lässt. Und wenn alle Bürger dieses Landes das nur vor langer Zeit schon beherzigt hätten, dann gäbe es keinen Platz mehr für Unzufriedenheit in den Herzen der Menschen. Politiker könnten in Ruhe arbeiten an der Optimierung der Wohnumgebung und des Lebensraums, ungestört von Unverbesserlichen, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass sie in der falschen Gegend leben (zumindest bis zur nächsten Wahl).

In Niedersachsen, meiner derzeitigen Scholle, wiewohl auch der meiner Kindheit und Jugend, möchte man Bildung verbessern. Weil es hier nicht genügend Lehrer gibt, die man bezahlen möchte, hat man schon vor einigen Jahren beschlossen, die Schulzeit zu verkürzen. Wer davon nichts mitbekommen hat, muss als bildungsfremd oder -fern zu gelten haben, weil er nachweislich kein Kind an einem niedersächsischen Gymnasium unterzubringen imstande war. Für solche Menschen haben wir in Niedersachsen aber Alternativen, wie die Real- und Hauptschule, aber auch dieses Hirngespinst der Integrierten Gesamtschule (IGS).

Eine IGS, für alle, die es nicht wissen, ist eine Schulform, an der Kinder unterschiedlicher, bereits in der Grundschule diagnostizierter Dispositionen, gemeinsam lernen sollen, wie man so lernt. Man legt dort Wert auf in der Gesellschaft wenig geforderte Kompetenzen im Umgang miteinander, und setzt auf das esoterisch anmutende Prinzip, jeder könne von jedem etwas lernen. Das sorgt natürlich für Unmut in nicht unerheblichem Maße, denn was kann ein Kind aus bildungsstarken Verhältnissen schon von idiotischen Schmarotzern lernen können? Nicht viel, weil ein solches Kind ja das Gymnasium besucht, um dem sozialen Unrat ausweichen zu können. Insoweit war schon alles im Lot, bis man auf die Idee kam, zugunsten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, dem Gymnasium ein Jahr zu klauen, und sich beinahe gleichzeitig darauf geeinigt hat, den Abschluss dieser Schulform künftig zentralisiert zu normieren.

Mit der Verkürzung der Schulzeit (an Gymnasien) einher geht eigenartigerweise  eine vermehrte Anmeldung von Kindern aus bildungsnahen Familien an den Integrierten Gesamtschulen, weil die Kinder unter der Verkürzung auf der Regelschule (Gymnasium) ja so sehr litten, dass man ihnen gerne dieses zusätzliche Jahr, welches die IGS aufgrund ihrer konzeptionellen Arbeitsweise anbieten musste, gewähren wollte. (Die IGS wollte sehr früh die Schulzeit verkürzen – aber eben nicht zu den Bedingungen des G8: Gleicher Stoff, ein Jahr weniger, Lehrermenge bleibt gleich!) Übersetzt heißt das dann wohl: die größten Fans des Gymnasiums (die Eltern) suchen sich einen neuen Verein. Dies ist das erste Ergebnis der Bildungsreform.

Nun scheint in den hellen Geistern der Landesregierung das Wort ‚Chancengleichheit‘ Einzug gehalten zu haben. Übersetzt ins Schwurbelige heisst das: Es gibt wahrhaftig keinen Grund, den Menschen die Möglichkeit einer anderen Schulform vorzuhalten, denn: Kann ich mein Kind durchs Gymnasium prügeln, dann musst du das mit deinem Kind auch tun können! Das ‚Warum?‘ steht dabei nicht zur Debatte. Weil, es ist ja, mmmh, irgendwie, oder so, oder eben auch anders, oder, naja, vielleicht denn doch: Chancengleichheit! Weil doch allgemein bekannt ist, dass diese krisengeschüttelten Kinder, die die IGS großzumachen sich bemüht, nix taugen für das Aufrechterhalten unserer Gesellschaftsordnung.

Wohl könnte man sich der Frage hingeben, ob nicht Schule verantwortlich sei, kleinen Menschen die Notwendigkeit einer genormten Ordnung beizeiten beizubiegen – gleichwohl, es führt ja zu genau gar nichts, wie die Gegenwart eindrucksvoll Zeugnis abzulegen imstande ist – oder, ob wir unseren Sprösslingen die Gelegenheit bieten wollen, für sich selber zu entscheiden, was ihre Zukunft ihnen bieten soll?

Das sind so Fragen – allein, es fehlt an Antworten.

Tortenquatsch mit Schwindler-Gerd

torten„Wenn man nicht mehr weiter weiß, kann man immer noch mit Torten werfen.“

Dass dies ein Sprichwort paläontologischer Dimension ist, weiß ja ein Jeder – außer Schwindler-Gerd.
Das ist ja auch nicht weiter schlimm. Der weiß ja sonst ganz schön viel, der ist nämlich Professor. Was er, zum Beispiel, ganz dolle weiß, ist, dass die Motzköppe immer ihre Meinung kundtun, die Zustimmer lieber schweigen. Es sei denn, es kommen Briefe aus dem Zustimmerlager. Dann ist’s andersrum. Das hat der Gerd nicht nur studiert, das unterrichtet er auch an irgendeiner Uni in Karlsruhe, abends nach Dienstschluss. Und das ist wohl auch Gerds Problem: Wie kann ich in Karlsruhe Professor, und gleichzeitig in Oldenburg Bürgermeister sein? Das ist voll krass schwer zu beantworten, weil, das geht ja gar nicht. Und was ja auch gar nicht geht: Wieso will ich überhaupt Bürgermeister in Oldenburg sein, wenn ich doch schon Professor in Karlsruhe bin? Und wenn ich dazu noch aus Karlsruhe käme, wäre mir dann nicht etwa der Stuhl näher als das Rathaus?
„Moooo-ment“, sagt da der Gerd. „Das ist ja alles ganz schlecht recherchiert, weil, meine Professur, die tut ja ruhen.“
Und schön könnte das Leben in Oldenburg sein, wenn das nicht alles wäre, was ruhte.

Der Gerd, der Oberprofessorbürgermeister, ist nämlich ein oft unter-, manchmal auch über-, meistens aber eher gar nicht geschätzter Politikmann in diesen Gefilden. Lustigerweise hat der Gerd sich Freunde gemacht in der Stadt, indem er sich eine Torte (oder auch zwei) ins Gesicht hat werfen lassen. Wobei ‚werfen‘ nicht so stimmen will. Es gibt ja videologische Zeitzeugen. ‚Drücken‘ scheint da die angemessenere Wortwahl. Jedenfalls hat der Gerd seitdem viele Freunde unter seinen Feinden, die sich gegenseitig darin in Sachen Deutungshoheit überbieten wollen, was für ein furchtbarer, terroristischer Akt diese „Tortung“ war.

Der Gerd schwadronierte danach, wie sehr ihn diese Gräueltat tiefenpsychologisch verstümmelt habe, und dass um so schmerzlicher, weil er für die vermeintlichen Tortungsgründe gar nichts könne. Eitel und inhaltlich dünn, feige und selbstverliebt sei diese Tat gewesen, schmierlappte der erste Oldenbürger weiter vor sich hin, so dass man meinen könnte, er habe vor einem Spiegel gestanden, als er sich bekolumnierte. Falls er sich ein Tränchen verdrückt hat, ob seiner verletzten Marketingchirurgen-Seele, so mag zumindest ich das nicht mehr wissen wollen.

„Wie man in den Wald scheisst, so stinkt es zurück“, sagt ein anderes Stück Kulturgut. Als der Gerd sich vor eineinhalb Jahren in den Kopf gesetzt hat, Oberbürgermeister von Oldenburg zu werden, wusste er, was die Menschen bewegt. Also ergaunerte er sich mit dem populärsten Unrat, der ihm durch die Glocke gluckerte, eine Koalition der Gutmütigen, denen er hinterher ihre Ansprüche an sein Wahlversprechen achselzuckend vom Teller fraß. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, um das ECE am Schloss zu verhindern, hatte er gesagt, und da diese ganze Verhinderung eben gar nicht in seiner Macht gestanden habe, sei das ja wohl auch keine Lüge gewesen, ätschbätsch.

Was der Gerd aber auch so gar nicht abkann, ist, wenn er gebeten wird, doch mal was für Leute zu tun, neben denen er sich nicht auf den Titelseiten der Presse wiederfindet. Dann kann er mal wieder nichts machen, verhöhnt die lästigen Bittsteller ob ihrer lächerlichen Anliegen, bringt lieber eigenhändig Oldenburg zum Kochen und überlegt sich alldieweil, wie er den nächsten Stadtteil seinem persönlichen ästhetischen Empfinden nach zeckenfrei kriegt. Im Großen und Ganzen aber ist der Mann aber allem Anschein nach für gar nichts zuständig, was ihn nicht so interessiert, so dass der Dialog, den er den BürgerInnen lässig anbietet, eben nichts bewirkt. Und so färbt das Amt des Grüßaugusts allmählich auch auf seine Umwelt ab, weshalb manch einer vor lauter Tortenwurfgelüsten wahrscheinlich kein Auge mehr zubekommt. Denn tief in unserem Innersten spüren wir doch alle, dass der Clown die Torte abkriegen muss, weil sonst die ganze abendländische Kultur auf dem Spiel steht.

Ich wünschte nur, ich hätte dabei sein können. Dann wüsste ich jetzt nämlich auch, wie jemand wirkt, der sich vor lauter Eitelkeit und Geltungssucht eine Maske aufsetzt.

Allem Anfang wohnt ein Zaudern inne!

mondspiegel4Es gibt ja so viel zu schreiben, so vieles zu berichten. Ich weiß das, weil ich viel lese. Bücher, Zeitungen, Blogs, etc. Und überall wird geschrieben und berichtet, was das Zeug hält. Ich habe schon so manchen Kommentar zu mir genommen, zu dessen Thema ich noch nicht einmal erste Gedanken fabriziert hätte, und trotzdem hat da schon jemand gleich drei Zeitungsspalten zu vollgemacht. Alles Spezialisten, möchte man da denken. Sonst wüssten die ja so schnell gar nichts mit neuen Themen anzufangen, nicht wahr?

Nun ja, so einfach scheint‘s dann doch nicht zu sein. Aus so mancher Meinung quillt dann doch heraus, dass sich da jemand eben nicht so recht Gedanken gemacht hat, aber gerne Erster sein wollte. Das scheint phänotypisch für den Homo Competitus, von dem hier noch öfter die Rede sein wird.

Die üblichen Verdächtigen sind dabei nicht einmal die Journalisten selbst, sondern die Experten, deren Gedankenquark sie wiedergeben. Mein ausgemachter Liebling unter den Experten ist zurzeit H.-W. Sinn. Ursprünglich wollte ich dem Mann meinen ersten Roman widmen (ein Fantasy-Epos), weil er mir den Glauben an Trolle und andere Kreaturen, deren Existenz ich meiner als Kind gewiss war, zurückgegeben hat. Ich habe das dann aber doch lieber gelassen, zumal ich mir nicht sicher war, ob eine solche Widmung nicht etwa suggerierte, ich hielte H.-W. Sinn für einen Troll. Mit einer solchen Interpretation hätte ich mich womöglich vor Gericht wiedergefunden und meinem Buch eine unlautere Öffentlichkeit beschert, ob derer ich mich hätte schämen können, wo nicht gar müssen.

Jener Sinn, der schon manches Mal zum Besten gegeben haben soll, wie richtig und natürlich es ihm erscheine, dass es Menschen – oder Wesen – gebe, die ihm bei der Entsorgung seines Mülls und seiner Exkremente behilflich sind, ihm die Klauen maniküren, ohne dass man sie dafür über Gebühr entlohne, fand sich des öfteren schon als Spottziel in einschlägigen Magazinen wie titanic, mit denen zu konkurrieren mir talentseitig aber auch so was von fremd ist, dass ich schlussendlich auf die Nennung des Besagten verzichten mochte.

Mir war halt lediglich aufgefallen, dass der Mann in den letzten Jahren – sollte meine Erinnerung nicht trügen – so manches Mal verkündet habe, wie unumstösslich richtig und alternativlos der freie Markt als alleinige Daseinsform für uns Menschen doch sei. Vermutlich war ihm, als er geblendet vom Ende des Regenbogens auf seinem Goldtöpfchen saß, nichts anderes mehr eingefallen vor lauter Gold als noch mehr Gold.

Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn nicht gerade diese Unfähigkeit zu perspektivischem Denken ihn zu einem Experten in unserer Mitte machte. Und jetzt, da wir bereits zu ahnen beginnen könnten, dass sein an Reizen armer Gesellschaftsentwurf nicht zukunftsfähig ist, wird er nun auch als Experte für die Krise zu Lösungen und Auswegen aus derselbigen befragt. Wenn er denn nicht gerade den Quassel-Automaten für die Atomlobby spielt, wo er den Anwesenden Lobbyisten und Konzernlenkern das Diner mit jenen wohlfeilen Worten veredelte, welche sie schon immer am liebsten vernommen haben.

Und genau deswegen möchte ich nicht so gerne über H.-W. Sinn schreiben. Es gibt ja noch so viele andere Themen. Fangen wir einfach an.