Das Rad ist da!

Eigentlich war es schon Gründonnerstag angekommen, aber wegen des schlechten Wetters über Ostern konnte Kai sein neues knallorangefarbenes Rad erst am folgenden Dienstag abholen. Aber dann ging’s gleich los. Zum Fotos rüberschicken bekam ich zehn Minuten Skype an diesem Tag, danach war Kai „Freude schöner Götterfunken“ trällernd gleich wieder weg. Am ersten Abend kam er kaum noch die Treppen zur Wohnung hoch, der Muskelkater fiel entsprechend aus. 😉

„Freiheit!“ bedeute das Rad für ihn, erzählt er mir . „Aber geht ins Bein… Ich mach langsam, jeden Tag ein bisschen weiter fahren.“ Kai grinst wie ein Honigkuchenpferd, jedes Mal wenn die Sprache auf das Rad kommt. Regenzeug hat er sich auch gleich besorgt, damit er sich von so ein bisschen Wasser vom Himmel nicht vom Fahren abhalten lassen muss. Und eine passende Baskenmütze.

Wenn wir dann mal zum Reden kommen, sprudelt es nur so aus Kai heraus. In den letzten Wochen hat er sprachlich große Fortschritte gemacht. Kein Telegrammstil mehr. Das Reden fällt ihm deutlich leichter und natürlich freut er sich darüber. Aber ungeduldig wie er ist, geht es ihm halt immer noch nicht schnell genug. Dass es mit dem Schreiben noch nicht so funktioniert, wie es soll, das frustriert ihn arg. Denn da ist soviel, was raus will.

Über Aphasie sprechen, ein Bewusstsein dafür schaffen, was das ist und wie es Leuten damit geht, das ist Kai ein wichtiges Anliegen. Vielleicht geht das ja auch anders als mit Schreiben? Podcasting? Videos? Mal schauen, wir tüfteln noch dran. Aber Fakt ist, hier soll es bald wieder mehr von Kai direkt geben.

„Du bist aber da, oder?“, schäkert er mit mir. – Logisch! Schließlich ist er nicht der einzige, der von unserem Austausch profitiert. Kai hat mich schon mehr als einmal aufgefangen, wenn es mir wegen meiner eigenen Herzgeschichte mies ging. So funktioniert Freundschaft. 😉

Ich frage ihn, ob ich noch was in diesen Artikel reinschreiben soll. „Ja! Danke! Vielen vielen Dank an alle!“ soll ich allen ausrichten, die beim Crowdfunding geholfen haben. Und schon ist er wieder los. Fahrradfahren! 😉

Kai Portraitfoto

Fotos: Alex Hesse

Nachtrag: Es wird noch etwas dauern, bis wir die Daten der Spender von fairplaid bekommen. Erst dann können wir Rückfragen beantworten und uns um die Prämien kümmern. Wir bitten also noch um etwas Geduld. 😉

Die Sache mit dem Fahrradhelm

Ein Thema, das Kai und mich während der Vorbereitung des Crowdfundings zu #einRadfuerKai beschäftigte, war das des Fahrradhelms. In seinem auch hier im Blog veröffentlichten Vortrag zum Thema Digitalisierung und Neuland hatte er (ab min 12.45)  u.a. darüber gesprochen, dass das Konzept des Fahrradhelms für ihn zu den Dingen gehört, die sich ihm nicht erschließen. Und das, obwohl er aus einer der fahrradreichsten Städte Deutschlands kommt. Nachdem ich diesen Teil des Vortrags gesehen hatte, fing ich an, ihn ein bisschen zu necken:

Annette: „Also, wenn das neue Fahrrad da ist, dann brauchst du aber einen Helm.“
Kai (grummelig): „Nö!“
Annette: „Doch, schau mal, wie niedrig du in dem Rad sitzt! Da wäre ein Helm schon besser.“
Kai (noch grummeliger): „Nein, brauch nicht!“

Beim nächsten Mal hatte ich noch ein zusätzliches Argument:

Annette: „Vielleicht ist ein Helm bei dem Rad-Typ sogar Pflicht?“
Kai: (beunruhigt): „Meinst Du?“
Annette: „Wer weiß?“
Kai (bockig): „Näää, will ich nicht!“
Annette: „Aber wenn du musst?“
Kai (grantig): „Muss nicht!“

Genug ist genug

So ging das immer mal wieder hin und her bis eines Tages…

Annette: „Also wenn das Crowdfunding funktioniert, dann kriegst du von mir den Helm dazu, ob du willst oder nicht!“
Kai (muffelig): „Nein!“
Annette (teast): „Hey, je mehr du dich wehrst, umso mehr tendiert dieser Helm gegen Rosa mit Blümchen!“

An dieser Stellle ging Kais Aphasie mit ihm durch. Was er wohl sagen wollte, war sowas wie ein seitenknuffendes „Blödmann!“.

Heraus kam statt dessen ein herzerfrischendes „ARSCH-“ gefolgt von einem halbverschluckten „-loch“, weil Kai mitten im Wort merkte, dass nicht das rauskam, was er sagen wollte, sondern ein ganz anderes, viel krasseres Wort, das er nicht mehr zurücknehmen konnte…

Total erschrocken schickte er gleich „Neineineiiin, anderes Wort!!!“ hinterher, aber ich war überhaupt nicht böse, sondern konnte nicht mehr vor Lachen. Die Situationskomik und Kais Mimik dazu waren einfach unbeschreiblich!

Schließlich haben wir beide darüber gelacht. 😉

Versprochen ist versprochen

Wir fanden dann übrigens auch noch heraus, dass es gar keine Helmpflicht gibt. Von mir hat er aber trotzdem einen Helm bekommen:

Fahrradhelm als Schlüsselanhänger

Versprochen ist ja versprochen! Den kann er jetzt als Talisman an seinem Schlüsselbund mitnehmen. 😉

Kais Reaktion darauf via Facebook-Messenger und meine Antwort:

Kai zeigt via Foto im Messenger, dass Fahradhelm angekommen ist, und setzt einen Schlaüülach-Emoji hinzu. Annette antwortet: Rosa mit Blümchen war leider ausverkauft. Zinker-Emoji.

 

Riesenerfolg für #einRadfuerKai

Ja, der Wahnsinn! Kaum hat unser Crowdfunding für Kais Fahrrad am Dienstagmorgen begonnen, geht es rund! Die ersten Unterstützer stehen schon parat bevor das Go durch unseren Projektstarter sport grenzenlos gegeben werden kann! Und als es los geht, kann man die Seite auf fairplaid.org gar nicht so schnell aktualisieren, wie die Zahlen nach oben schnellen.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages überschreiten wir 40% der Crowdfundingsumme – und diesmal ist Kai live dabei! „Unfassbar!“, murmelt er immer wieder mit Blick auf die ständig weiter steigenden Zahlen und auf die Namen der Unterstützer, die er teils aus früheren Zeiten wiedererkennt.

Abends sind wir dann zum Podcast bei Christian Müller eingeladen: http://lebenskarriere.com/einradfuerkai/. Eine Premiere für Kai, der durch seine Aphasie noch Probleme mit dem Sprechen und Worte finden hat. Dementsprechend nervös ist er und bittet mich, bei Bedarf einzuspringen. Immerhin sind wir inzwischen ein eingespieltes Team. 😉

Am selben Abend steigen die Zahlen noch auf 55%, am nächsten Morgen sind es bereits 59%. Und so können wir auch an Tag 2 zuschauen, wie die Unterstützung sowohl finanziell als auch beim Weitersagen v.a. via Facebook und Twitter immer größer wird. Mittwochsabends haben wir bereits 85% erreicht.

Am 3. Tag, dem Donnerstag, dauert es dann nur noch bis Mittag, bis wir anfangen können, die letzten Prozente mit all den anderen gespannten Beobachtern runterzuzählen.

Als es noch 7% to go sind, sitzt Kai gerade bei seiner Logopädin, die ihn um Hilfe beim Übermitteln ihrer Spende gebeten hat. Das dauert seine Zeit für Kai, der mit dem Schreiben noch Probleme hat. „Ich so beim Eingeben“, erzählt mir Kai nachher, „und fertig, wir schauen: 101!“ Als ich wenig später bei ihm zuhause Raja am Telefon erreiche, kommt Kai gerade zur Tür rein. „Fertig!“ ist alles, was er noch sagen kann und damit meint er nicht bloß das Crowdfunding. 😉

Raja und ich können es auch kaum fassen. Keine zweieinhalb Tage hat das Ganze gedauert! Und beim Gedanken, dass Kai das diesmal alles mit ansehen konnte, ist es mit der Haltung ganz vorbei. Ich bitte Raja, den immer noch staunenden Kai mal kräftig von mir zu drücken und da kommen ihm dann auch die Tränen. „Wie geil“, murmelt er immer wieder. „Wie geil!“

Ich soll allen vielen vielen Dank sagen, bittet er mich.
Alles andere kann er nicht in Worte fassen.
„Noch nicht begriffen“, erklärt er mir, „brauche noch ein paar Tage zum Kapieren“.

Am Freitagmorgen ist Kai gleich zum Fahrradladen und hat das heißersehnte Rad samt Tasche bestellt, wie er mir nachmittags strahlend erzählt. Jetzt heißt es auf die Lieferung warten und dann werden wir natürlich berichten!

Übrigens: Auch nachdem die benötigte Summe für die Finanzierung von #einRadfuerKai erreicht wurde, könnt Ihr bis zum Ablauf unserer Frist weiter auf https://www.fairplaid.org/#!einradfuerkai spenden. Jeder Euro mehr, der beim Crowdfunding eingeht, wird der Arbeit unseres Projektveranstalters sport grenzenlos zugute kommen.

Inzwischen kann hier der Verlauf des Weitersagens nachgelesen werden.

Abenteuer Crowdfunding: #einRadfuerKai

„Scorpion!“ schwärmt Kai und zeigt mir ein Foto von einem Fahrrad, in dem man halb sitzend, halb liegend unterwegs ist. Bei einem Fahrradhändler in der Nähe haben Raja und er das Gefährt entdeckt und auch schon ausprobiert. „Mit links steuern, rechts Bein fest machen, dann auch bewegen!“, erklärt mir Kai den Clou an dem Modell. Das bedeutet: Im Gegensatz zu einem normalen Fahrrad kann er so ein Modell auch mit seiner halbseitigen Lähmung rechts  eigenständig benutzen und dabei noch beide Beine trainieren. Denn, wenn er mit dem linken tritt, bewegt sich das rechte mit. Zum Steuern braucht er nur die linke Hand, die rechte kann er in den Schoß legen.

„Mehr Unabhängigkeit!“ würde so ein Fahrrad für ihn bedeuten, seufzt er. Und „Training draußen“ an der frischen Luft, statt drinnen vor dem Fernseher mit dem Heimtrainer. Aber das Rad samt passendem Zubehör und individueller Anpassung auf den 1,90m großen Kai zu finanzieren, ist teuer und die Krankenkasse zahlt sowas nicht…

„Die finanzieren lieber einen um einiges teureren elektrischen Rollstuhl, mit dem er zwar von A nach B kommt, aber nicht selbst beweglicher wird“, erzählt Raja. Und das, nachdem sich Kai nach fast zwei Jahren schon so viel Eigenständigkeit zurückerobert hat, dass er kurze Strecken zu Fuß alleine zurücklegen und auch mal ein bisschen was einkaufen oder seinen jüngsten Sohn vom Hort abholen kann. Um zur Therapie zu laufen, dafür reicht es allerdings noch nicht. Vor allem das rechte Bein ist noch zu schwach und lässt sich nur nachziehen.

Mit dem Fahrrad wäre es leichter, diese Entfernung zurück zu legen. Doch ohne das Rad ist Kai auf den E-Rollstuhl angewiesen, in dem er nur passiv rumsitzen und nichts trainieren kann. Und – das ist für Kai noch schlimmer – er symbolisiert für Kai die schlimmste Zeit nach seinem Schlaganfall vor fast zwei Jahren, als er sich allein noch gar nicht helfen konnte. Es soll doch weiter bergauf gehen!

Was können wir tun?

Als Raja in Kais Facebook-Profil von dem Problem erzählt, wird der Vorschlag gemacht, doch einfach nochmal zu sammeln. Schließlich hat es bei #einBuchfuerKai schon soviel Unterstützung gegeben und diesmal könnte Kai es sogar live miterleben. Aber einfach so sammeln…? Leider können wir Johannes Korten nicht mehr um Rat fragen. Was hätte er wohl gesagt?

Da ich einige paralympische Sportler persönlich kenne, rufe ich meinen Bekannten Holger Nikelis an, für den ich vor über 10 Jahren eine Zeit lang die Öffentlichkeitsarbeit gemacht habe. Der zweifache Paralympicssieger im Rollstuhltischtennis hat inzwischen sport-grenzenlos, eine gemeinnützige GmbH gegründet, mit der er über sportliche Aktivitäten den Behindertensport und die Inklusion von Menschen mit und ohne Behinderung fördert. Vielleicht hat er ja eine Idee, was man in so einem Fall tun kann?

Leider bestätigt uns Holger zunächst auch, dass da über die Krankenkasse nichts zu machen ist. „Aber wir könnten ein Crowdfunding veranstalten“, sagt er und schlägt vor, sich der Sache mit sport-grenzenlos anzunehmen. Als Plattform dafür schlägt er fairplaid.org vor. Raja und vor allem Kai sind von der Idee begeistert und ein Hashtag für die Aktion ist schnell gefunden: #einRadfuerKai

Das Abenteuer beginnt

Da noch keiner von uns jemals ein Crowdfunding veranstaltet hat, müssen wir uns zunächst informieren. Holger nimmt an einem Seminar für Crowdfunding-Veranstalter teil und Raja geht mit Kai nochmal zu dem Fahrradhändler, um Fotos zu machen. Zusammen mit Holger denken wir uns Prämien für die Spender aus, an denen sich Kai selbst beteiligen kann, damit er den Spendern – soweit es ihm eben möglich ist – auch etwas zurückgeben kann. Schließlich bereiten wir die Crowdfunding-Seite vor und Holger beantragt die Freigabe beim Plattform-Betreiber.

Diese Freigabe erfolgt nun am Dienstag, 28. März 2017.
Das Crowdfunding wird für zwei Wochen laufen und zwar unter

https://www.fairplaid.org/#!einradfuerkai

Wer in den sozialen Netzwerken dafür trommeln möchte, kann dazu diesen Artikel hier mit dem Hashtag #einRadfuerKai weitersagen, oder den Hashtag bei eigenen Beiträgen nutzen.

Unsere Aufregung ist groß. Werden wir es schaffen, Kai seinen Traum vom Fahrrad zu erfüllen?

 

 

 

 

Immer noch Neuland?

Wer denkt, dass Kai und ich uns nur über Aphasie und Therapien unterhalten, liegt falsch. Wenn zwei so webaffine Leute aufeinander treffen, dann werden natürlich auch digitale Themen diskutiert. Da wir uns außerdem vor Kais Schlaganfall noch gar nicht kannten, hat er mir einige seiner früheren Vorträge gezeigt, bei denen es darum ging, Unternehmen klarzumachen, welchen Kulturwandel die Digitalisierung bedeutet und was es mit diesem Neuland auf sich hat. Einer davon, den er 2014 bei Mitel in Hamburg gehalten hatte, ist jetzt auch über Kais YouTube-Kanal verfügbar:

Diesen Vortrag, so haben wir mit Erschrecken festgestellt, könnte man heute – drei Jahre später – immer noch so halten. Er hat an Aktualität eigentlich nichts verloren.

In diesem informativen wie unterhaltsamen Vortrag schlägt Kai die Brücke von seiner eigenen Geschichte über die drei Phasen im Leben eines Menschen bezüglich der Art wie er mit Innovation umgeht, darüber was digital natives wirklich sind, was es mit Social, Streaming, Sharing usw. auf sich hat, bis hin zum Kulturwandel, den die Digialisierung für alle Lebensbereiche bedeutet.

Ein Vortrag nicht nur für Unternehmen. Aus diesem Grund haben wir uns auch dafür entschieden, ihn hier im Blog zu posten und sind gespannt auf Eure Kommentare dazu. 🙂

 

„Don’t panic!“

Kaum haben Kai und ich das Skypen angefangen, hat es sich schon zur täglichen Gewohnheit entwickelt. So hab ich ihn auch gefragt, ob ich den heutigen Blogbeitrag in Anlehnung an Douglas Adams „Don’t panic!“ nennen darf. Schließlich soll es hier darum gehen, wie das mit der Reha für ihn war – Douglas Adams würde sagen: Kai musste rausfinden, wo sein Handtuch ist. Und das war alles andere als lustig: 

„Ich dachte, es würde mit der Zeit einfacher für ihn werden“, erinnert sich seine Frau Raja. „Aber je wacher er wurde, umso mehr begriff er, was alles nicht mehr ging…“ Zunächst wurde Kai am 8. Juni 2015 in die Früh-Reha verlegt. In Oldenburg gab es jedoch keine passende Einrichtung. Die nächste Möglichkeit war Lingen und das bedeutete anderthalb Stunden Fahrt für Raja, die ja auch noch Arbeit, Kinder und Haushalt zu organisieren hatte.

Als Kai dann in die eigentliche Reha kam, wurde es leider nicht angenehmer. „Er hat sich da ziemlich unwohl gefühlt“, erzählt Raja. In ihrem Facebook-Posting vom 20. Juli schreibt sie:

Nun ist schon eine ganze Weile vergangen, seit ich auf Kais Profil etwas geschrieben habe, jetzt will ich euch aber berichten, wie es hier weitergegangen ist.

Kai ist bereits seit etwa sechs Wochen in der Reha. Er ist hochmotiviert und macht große Fortschritte. Inzwischen kann er das rechte (ehemals gelähmte!) Bein schon heben und strecken und macht mit seinen Therapeuten bereits Gehversuche.

Da so ein großer Teil seines Gehirns vollkommen zerstört wurde, muss er vieles neu erlernen. Es lernt das Sprechen, jedoch kann er noch nicht das artikulieren, was er sagen möchte. Wer ihn kennt, kann sich sicher vorstellen, dass ihn diese Tatsache sehr frustriert. Das Positive aber ist, dass er sich an sehr vieles erinnern kann und in seinem Kopf weiß, was er sagen möchte. Nun braucht es tatsächlich viel Geduld, vor allem braucht er diese Geduld. Es geht ihm längst nicht schnell genug.

Ich habe ihm einige Zeitungsartikel mitgebracht und ihm immer wieder erzählt, was alles passiert ist, sowohl mit ihm, was seine Krankheit angeht, als auch sein Buch betreffend. Vor kurzem nun hat er all das endlich begriffen und war – wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt – dementsprechend sichtlich ergriffen!

Und Artikel hatten sich inzwischen einige angesammelt (ganz zu schweigen von Blogbeiträgen!):

Zurück nach Oldenburg wurde Kai Ende August 2015 verlegt, wo er dann nach einiger Zeit auch hin und wieder das Wochenende zuhause verbringen durfte. Das Treppensteigen hatte er ja extra dafür geübt. Ende Oktober 2015 schließlich wurde in Oldenburg bei B&G eine Benefizlesung von „Willkommen im Meer“ veranstaltet, an der auch Kai teilnahm und mit der er zugleich seine Entlassung aus der Reha und seine Rückkehr nach Hause feiern konnte.

Wie es ihm seither ergangen ist und wie sei Alltag heute aussieht, dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Und wieder ist beim Skypen die Zeit wie im Flug vergangen. Unter einer Stunde über Gott und die Welt reden bleiben wir selten. Auch wenn ich nicht immer gleich verstehe, was Kai mir sagen will, werden seine Gesprächsbeiträge dabei immer ausführlicher und auch im Facebook-Chat bleibt es nicht mehr nur bei Emojis. Neuerdings sind da auch immer öfter Wörter dabei, selbst wenn sich Kai nicht immer sicher ist, ob das so richtig ist. Dann wird eben ein Grübel-Smilie dazu geschickt und wir klären es via Skype.

„Zwei Wochen zurück: noch nicht so viel geredet.“, erzählt er mir dort.
Ich scherze, dass er meinen Wortbeiträgen ja was entgegen halten müsse.
„Nee!“, sagt Kai. „Katalysator!“

Foto: Kais Bruder Patrick zu Besuch in der Reha.

Love is all around

„Kai schnallt sich grade den Rucksack um und geht gleich auf den Markt“, sagt seine Frau Raja, als ich anrufe, um ein paar Rückfragen zu besprechen, die sich bei meiner Recherche zu #EinBuchfuerKai ergeben haben. Ich höre, wie sie noch die Einkaufsliste besprechen und sie zu ihm sagt „Du schaffst das!“ Dann ist er weg. „Das rechte Bein zieht er noch nach“, sagt Raja. Die Treppe geht er deshalb sicherheitshalber rückwärts runter. Zwei Stockwerke sind es, denn umziehen wollten sie nach Kais Schlaganfall beide nicht. Kai sollte zurück in seine vertraute Umgebung kommen. Also hat er in der Reha vorwiegend Treppensteigen und Laufen geübt. Zuerst mit Stock, inzwischen geht es auch ohne.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Im Mai ist es zwei Jahre her seit Kai ins künstliche Koma versetzt werden musste und zunächst niemand wusste wie es weitergeht. „Das war eine Horror-Zeit“, erinnert sich Raja. Die Ärzte konnten ihr nicht sagen, ob Kai überhaupt wieder aufwachen oder den Schlaganfall überleben würde. Ob er sie noch erkennen würde oder überhaupt alleine würde atmen können.

Raja war am Beginn ihres Zweitstudiums Deutsch für Ausländer und hatte gerade eine Klasse geflüchteter Kinder für den Sprachunterricht übernommen. „An Uni war da aber nicht mehr zu denken“, erinnert sie sich, „ich musste erst mal sehen, wie wir die nächste Miete bezahlen sollten!“.

Zum Glück las Johannes Korten Rajas Aufruf zum Kauf von Kais Buch „Willkommen im Meer“. Er hatte die Idee, das Ganze unter den Hashtag #EinBuchfuerKai zu stellen und er war auch derjenige, der das Spendenkonto eröffnete, über das in kürzester Zeit die dringend benötigte Soforthilfe gesammelt werden konnte.

„Das war der Wahnsinn!“, schwärmt Raja, „Soviel Güte und Herzenswärme, selbst von wildfremden Menschen!“ Innerhalb eines Monats kamen so über 13.000 Euro an Spenden zusammen und „Willkommen im Meer“ schnellte auf Platz 1 der amazon-Bestsellerliste.

Auch Internetriesen haben ein Herz

Dass der Roman am Anfang nur via amazon zu haben war, lag übrigens daran, dass Kai über Jahre  keinen Verlag für „Willkommen im Meer“ gefunden hatte. Seit 2006 hatte er es versucht,  war aber immer abgelehnt worden.  Deshalb startete er zuerst ein (leider wenig erfolgreiches) Selfpublishing mit einer eigenen Book-on-Demand-Lizenz.

Altes Cover von Willkommen im Meer

Im Februar 2015 schließlich versuchte  er einen neuen Anlauf mit dem von Raja gestalteten neuen Cover

Cover von Willkommen im Meer

und zwar bei amazons Create Space. – Drei Monate später startete  #EinBuchfuerKai.

„Als das anlief, geriet amazon natürlich unter sozialen Druck“, erzählt Raja. „Die Leute posteten: Wäre es nicht netter, wenn amazon auch was spenden, oder seinen Anteil weitergeben würde?“ Und es wirkte: Nur wenige Stunden später erhielt Raja einen Anruf des Internetriesen, dass man für den Rest des Monats auf den Gewinn verzichten und nur die reinen Druckkosten abziehen würde. „Sowas hat amazon meines Wissens vorher und nachher nie wieder gemacht!“, freut sich Kais Frau, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur von den Medien, sondern auch von Verlagshäusern mit Anfragen überschwemmt wurde.

Während dieses Rummels im Netz und in den traditioniellen Medien lag Kai weiter im künstlichen Koma und Raja hatte verständlicherweise erst mal andere Sorgen, als Presse- oder Verlagsanfragen zu beantworten. „Ich hatte ja auch überhaupt keine Ahnung von so etwas“, erinnert sie sich.

Als Kai am 23. Mai aus dem Koma geholt wurde, reagierte er zuerst gar nicht. Am 25. Hatte er zum ersten Mal die Augen auf, schaute aber nur ins Leere. Dann, am 1. Juni 2015, meldet Raja auf Facebook:

„Er kann den linken Arm und das linke Bein bewegen, selbstständig atmen und hat zwischendurch einen klaren Blick, d.h. er erkennt mich, kann meine Hand drücken und hat mir sogar schon zugelächelt. Ich erzähle ihm alles, was ihm passiert ist, von dem unglaublichen Erfolg seines Buches und von all euren wunderbaren Nachrichten, Blogeinträgen und guten Wünschen. Manchmal hat er dann diesen klaren, ein wenig verwunderten Blick, bei dem ich glaube, er versteht, was ich sage.
Zwischendurch wirkt er dann wieder ganz abwesend und er hat noch arge Schwierigkeiten mit dem Schlucken.
Nun soll er sobald wie möglich in die Reha kommen und meine Überzeugung wächst täglich ein wenig mehr, dass Kai – der alte Autodidakt – es schaffen wird, alles wieder zu erlernen!
Es wird ein langer, anstrengender Weg, aber ich glaube an ihn und ich weiß, so viele von euch tun das auch!
Vielen, vielen Dank nochmal – an euch alle, für all das, was ihr möglich gemacht habt!
Love – Raja“

Ob Kai es ohne all diese Unterstützung so zurück ins Leben geschafft hätte? Raja glaubt es nicht. Sie kann bis heute nicht fassen, was da passiert ist. Johannes Korten indessen hat es mit folgenden Worten zusammengefasst:

„Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen.“

Wie es Kai in der Reha erging und wie es mit seinem Buch weiterging, dazu mehr im nächsten Beitrag. 🙂

Zum Absegnen dieses Artikels wollte ich zunächst wie beim letzten Mal mit Kai chatten, damit er mir via Smilies signalisieren kann, ob das so ok ist. Doch dabei haben wir es diesmal nicht belassen, sondern sind auf Kais Wunsch hin auf Skype umgestiegen, wo wir über eine Stunde allein miteinander geredet haben. Komplexere Sätze sind noch schwierig für ihn und es fehlen ihm öfter mal die passenden Wörter. Aber für unser erstes Mal haben wir es echt gut hinbekommen.
„Ja, findest Du?“, fragt Kai.
Jou, finde ich! (Beweisfoto siehe oben) Und wir werden sicher noch öfter Gelegenheit dazu haben! 😉

Leben ist, was passiert, während Du andere Pläne machst

Seit Kais letztem Artikel in diesem Blog ist einige Zeit vergangen. Sein Roman „Willkommen im Meer“ war gerade erst seit wenigen Monaten erschienen, als er wegen Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus kam und vier Tage später einen schweren Schlaganfall erlitt. Seine Frau Raja beschrieb die Ereignisse in einem Facebook-Posting am 15. Mai 2015 wie folgt:

Liebe Freunde und Bekannte von Kai!

Mein Mann Kai wurde, wie ihr wisst, am 8. Mai [2015], einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, wegen Herzrhythmusstörungen stationär im Krankenhaus aufgenommen. Es ging ihm wieder besser, aber dann erlitt er in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch [12./13.Mai] einen schweren Schlaganfall. Die gesamte linke Hirnhälfte ist beschädigt, die rechte Körperhälfte gelähmt. Aufgrund weiterer Komplikationen wurde er noch am Mittwoch Abend an ein Beatmungsgerät angeschlossen und ins künstlichen Koma versetzt. Die Ärzte können noch keine Prognose darüber geben, ob er überleben wird oder wieviel seines Gehirnes dauerhaft beschädigt sein wird. Wir haben sehr große Angst um ihn.

Wie viele von euch wissen, hat er gerade versucht, sich selbstständig zu machen. Ich bin mitten in meinem Zweit-Studium, wir haben einige Kredite abzuzahlen, das heißt, unsere finanzielle Situation ist katastrophal, wir sind in keiner Weise abgesichert.

Nun will ich versuchen, sein Buch zu verkaufen. Soziales Netzwerken war immer eines von Kais großen Themen, vielleicht kann es uns jetzt helfen. Ich bitte euch alle – kauft sein Buch, wenn es euch gefällt – verschenkt es, schreibt in euren Blogs darüber, erzählt es weiter, teilt den link… – helft mir es bekannt zu machen!

Es ist ein sehr lesenswertes Buch, geistreich, witzig und zum Nachdenken anregend geschrieben – es macht großen Spaß es zu lesen!

Und schickt ihm Kraft und Energie – damit er zurückkommt!

Danke
Raja mit Felix (20), Lara (14) und Ben (4)

https://www.amazon.de/Willkommen-im-Meer-Kai-Eric-Fitzner/dp/1505428777/ref=tmm_pap_title_0

Dieses Posting ging dank eines Blogbeitrags von Johannes Korten und daraufhin durch viele andere Blogger und Internetnutzer viral. Unter dem Hashtag #EinBuchFürKai rauschte ein gigantischer Lovestorm durchs Netz. Über das von Johannes spontan eingerichtete Spendenkonto konnte Kais Familie aus der akuten Notsituation geholfen werden. Die Buchkäufe sorgten außerdem dafür, dass „Willkommen in Meer“ zum Bestseller wurde. Mehr dazu in den kommenden Blogbeiträgen.

Dieser Artikel wurde in Kais Auftrag von Annette Schwindt geschrieben, da Kai nach seinem Schlaganfall leider noch nicht selbst dazu in der Lage ist. Er liest aber mit und freut sich auf Eure Kommentare. 🙂 Inzwischen berichtet Annette hier darüber, was sich seit Mai 2015 ereignet hat und wie es weitergeht.