Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel2) Eisige Wasser
Den ganzen Tag lang hatte sie dem Schnee auf dem Grasmeer beim Schmelzen zugesehen und dabei mit einem Stock den Schwertkampf geübt. Vielleicht würden die Soldaten sie ja mitnehmen, wenn sie ihnen beweisen könnte, dass sie kämpfen konnte. Sie war ja noch jung und lernte schnell. Wenn sie ihr nur die Gelegenheit gäben, sich zu beweisen, dann würde sie den himmlischen Herrscher eigenhändig im Zweikampf besiegen und käme als Heldin in ihr Dorf zurück.
Silia bemerkte, dass die Ziegen heute Abstand zu ihr hielten und immer in kleinen Gruppen zusammenstanden. Manchmal hatte sie den Eindruck, als würden die Tiere sie beobachten und ab und an mit den Köpfen schütteln, aber was verstanden Ziegen schon vom Krieg.
Von ihrem Tagwerk erschöpft stand sie an den Klippen und sah aufs Grasmeer hinaus. Neben ihr rauschte mehr Wasser in die Tiefe als am Tag zuvor. Silia wusste, dass es Wasser aus den Bergen war, wo der Schnee ebenfalls zu schmelzen begonnen hatte. Auf dem Grasmeer waren kaum noch weiße Flecken zu sehen und morgen würden auch die letzten verschwunden sein. Ob die Pferdemenschen auch in den Krieg ziehen würden? Schließlich gehörten auch sie zum Königreich, wenn sie Großvater Glauben schenken durfte.
Ihre Ziegen hatten sich um den Teich versammelt, um gemeinsam ein paar letzte Schlucke Wasser zu schlürfen, denn auch ihnen war nicht entgangen, dass die Schatten bereits wieder länger wurden.
Silia ging zu den Felsen, zwischen denen der Pfad von ihrer Alm ins Dorf hinabführte und schlug mit ihrem Stock ein paar Löcher in die Luft. Sie wollte sich eben umdrehen, um ihre Ziegen zu rufen, als sie Stimmen hörte, die der Wind den Pfad herauftrug.
»Ich habe dir gesagt, dass es sich lohnt. Wir haben zwanzig kriegstaugliche Männer und mehr als vierzig Alte und Kinder für die Minen«, sagte eine männliche Stimme.
»Es war eine gute Idee, Forsik. Wir hatten vollkommen vergessen, dass hier oben Siedlungen sind. Wenn du das Mädchen nicht gesehen hättest, dann wären wir niemals hierher gekommen. Aber wo steckt sie?«
»Wenn mich nicht alles täuscht, dann führt dieser Pfad zu der Stelle, wo ich sie gestern gesehen habe. Es dürfte nicht mehr weit sein.«
Silia erstarrte. Alte und Kinder für die Minen, hatte der eine Mann, Forsik, gesagt. Sie wusste nicht genau, was das bedeutete, aber es klang nicht gerade nach etwas, von wo man als Heldin zurückkehren konnte. Großvater hatte ihr erzählt, dass es in den Bergen im Osten eine Menge Bergwerke und Minen gab, wo Zwerge und Menschen nach Metallen und Edelsteinen schürften. Wenn sie alles richtig verstanden hatte, dann waren Minen lange Tunnel, die tief in die Erde gegraben wurden, weil Metalle und Edelsteine nicht bei Tageslicht wuchsen. Ob das stimmte oder nicht: der bloße Gedanke daran, unter der Erde zu leben, ohne die Sonne und den Blick übers Land, bereitete ihr Unwohlsein.
»Warte«, hörte sie Forsiks Stimme. »Ich höre die Ziegen.«
Die Ziegen hatten sich in der Tat um Silia versammelt und meckerten fröhlich, weil sie nach Hause in den warmen Stall wollten. Silia überlegte angestrengt, was sie nun tun sollte. Sie wünschte sich sehr, fliegen zu können, denn dann konnte sie von der Klippe springen und Hilfe holen. Aber so, wie die Dinge lagen, war das kein Ausweg. Hilflos sah sie sich auf ihrer Wiese um. Es führte kein anderer Weg hier raus, so viel war sicher. Der Pfad und die Klippen waren die einzigen Öffnungen in den umliegenden Felsen, wen man einmal von den Bächen mit dem Schmelzwasser aus den Bergen absah.
Warte mal, sagte Silia sich im Stillen. Wenn das Wasser aus den Bergen hierher findet, vielleicht kann ich dann ja…
Plötzlich wusste sie, was zu tun war. Zweimal schlug sie Sosso mit dem Stock auf den Po, worauf der alte Ziegenbock laut meckerte und den Pfad hinabhoppelte. Die anderen Ziegen folgten ihm, wie sie es immer taten, und drängelten sich durch den schmalen Pfad. Vielleicht würde das die Soldaten aufhalten.
Eilig rannte Silia zum Teich und watete hindurch, bis zu der Stelle, wo das Schmelzwasser aus den Bergen sich zwei breite Spalten durch die Felsen gefressen hatte.
Links oder rechts? fragte sie sich, bis sie sich erinnerte, dass Großvater öfter vom rechten Weg sprach, von dem man nicht abkommen sollte, also entschied sie sich für den rechten Spalt und zwängte sich hinein. Sie war erleichtert, als sie bemerkte, dass der Spalt breiter wurde. Der Durchbruch zu dem Teich auf ihrer Wiese war wohl die schmalste Stelle des Bachbetts. Das Wasser war sehr kalt, eiskalt, um genau zu sein, aber das störte Silia im Augenblick nicht weiter. Sie musste weiter und zwar schnell.
Sie hatte schon einige Biegungen hinter sich gelassen und fragte sich zwischenzeitlich, warum das Wasser nicht geradeaus floss – bestimmt gab es dafür gute Gründe – da hörte sie plötzlich Forsiks Stimme.
»Komm da raus, Mädchen. Wir wissen, wo du steckst. Komm hierher und es wird dir nichts geschehen.«
Silia hatte gelernt, dass man Erwachsenen antworten muss, wenn sie einen etwas fragen, aber sie wollte nicht. Außerdem, wenn sie es recht bedachte, hatte Forsik ihr auch gar keine Frage gestellt. Also kletterte sie weiter, denn inzwischen führte ihr Weg sie bergauf.
Nach einer weiteren Biegung hörte sie, wie das Rauschen des Wassers lauter wurde. Auch die Strömung zu ihren Füßen nahm zu, was sie aber nicht so richtig bemerkte, weil ihre Füße vor Kälte schon ganz taub waren. Dann stand sie vor einem Wasserfall, der ihr aus einer Höhe wie der des Dachfirstes von Großvaters Haus entgegenstürzte.
Oh nein, dachte Silia. Was mache ich denn jetzt?
Zurück wollte sie auf keinen Fall, denn sie glaubte Forsik nicht, dass ihr nichts geschehen würde. Also hatte sie gar keine Wahl. Sie suchte die Felswände links und rechts vom Wasserfall nach Vorsprüngen und ähnlichem ab, damit sie hinaufklettern konnte. Zwar war es um derlei Kletterhilfen nicht sonderlich gut bestellt, aber da sie gar keine Wahl hatte, entschied sie sich für den linken Aufstieg. Der schien ihr, entgegen Großvaters Ratschlag, zum Klettern geeigneter als der rechte Weg.
Silia war gut im Klettern, aber diese Wand war von einer Beschaffenheit, die sie unter normalen Umständen abgehalten hätte, sich an ihr zu versuchen. Aber sie schaffte es, nachdem sie zweimal beinahe abgestürzt wäre, und zog sich über die Felsen neben dem Wasserfall. Dort sah sie sich um.
Sie hatte gut gewählt, denn auf dieser Seite des Flusses gab es einen schmalen, aufsteigenden Sims, an dem sie im Schatten der Felswand entlanggehen konnte. Auf der anderen Seite drückte das Wasser direkt gegen den Felsen. Sie blickte zurück und sah zu ihrem Entsetzen, dass Forsik sich eben um die letzte Biegung vor dem Wasserfall schlängelte und leider sah er sie auch. Er rief ihr irgendwas zu, aber um sie herum war zuviel Getöse, um ihn zu verstehen. Also zeigte sie auf ihre Ohren und zuckte mit den Schultern, bevor sie den Sims entlangkraxelte.
Der Sims führte steiler in die Höhe, als das Flussbett unter ihr, und nach einer weiteren Biegung fand sie sich vor einem weiteren Hindernis, einem großen Wasserfall, der direkt vor ihr in die Tiefe dröhnte. Unter sich sah sie den Fluss gurgeln und schäumen, dort, wo die Wassermassen aufschlugen. Sie befand sich in einer Schlucht. Auch auf der anderen Seite des Flusses stürzten Wasserfälle in die Tiefe, drei Stück an der Zahl. Von dort wo sie stand konnte sie sehen, dass ihr Fluss aus einem See gespeist wurde, der den Wasserfällen als Auffangbecken diente. Und wie es aussah, war der Fluss unter ihr nicht der einzige, der Wasser aus diesem See durch die Berge beförderte.
Silia überlegte, was sie nun tun sollte. Zurück wollte sie nicht, und ins Wasser springen ebenfalls nicht. Also konnte sie nur hoffen, dass sie es irgendwie durch den Wasserfall schaffen würde, ohne abzustürzen. Sie klettere voran, so eng an die Felswand gepresst, wie es ihr möglich war. Als die Gischt des Wasserfalles sie zu durchnässen begann, fragte sie sich noch einmal, ob das wirklich eine gute Idee war, was sie hier tat, aber die Alternativen kamen ihr nicht minder schlecht vor, also bewegte sie sich vorsichtig weiter.
Das eisige Wasser schlug ihr mit einer Wucht auf den Kopf, dass sie beinahe ohnmächtig wurde, aber es gelang ihr, wie durch ein Wunder, sich an die schroffen, glitschigen Felsen zu klammern, während sie sich langsam mit den Füßen vortastete. Es war ein riskantes Unterfangen, aber noch während sie sich große Sorgen machte, dass sie jeden Moment den Halt verlieren würde, hatte sie den Wasserfall passiert. Sie freute sich kurz, ehe ihr das Herz in die Hose sackte, denn nur wenige Schritte vor ihr prasselte ein weiterer Wasserfall in die Tiefe.
»Das ist ungerecht«, beschwerte Silia sich, auch wenn sie nicht recht wusste, bei wem. Sie konnte ihre eigene Stimme kaum hören, aber es beruhigte sie trotzdem, mit sich selbst zu sprechen. Außerdem musste sie sich nicht hören, sie wusste ja, was sie sagte. »Na gut«, sprach sie weiter. »Ich habe es einmal geschafft, also werde ich es auch noch einmal schaffen«, redete sie sich gut zu.
Das Gefühl eiskalten Wassers auf ihrem Kopf kannte sie ja schon und war deshalb nicht weiter beunruhigt, als sie unter den zweiten Wasserfall kletterte. Beunruhigt war sie aber kurz danach, als ihr Fuß auf der Suche nach dem Sims ins Leere tapste. Sie spürte, dass sie ihren Halt verlor, denn waren die Felsen hinter diesem Wasserfall auch schroff und griffig, so waren sie ebenso glitschig, und ohne den Halt unter ihren Füßen, konnte sie sich nicht gegen die herabstürzenden Wassermassen stemmen.
Gleich stürze ich ab, dachte sie, bevor sie merkte, dass sie bereits fiel.
Als die eisigen Fluten sie umgaben, fragte sie sich, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, ihr Heil in den Minen zu suchen, aber dafür war es nun wohl zu spät. Dennoch bäumte sie sich gegen die Strömung und versuchte aufzutauchen, um Luft zu holen. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit tausend Stecknadeln gespickt, so kalt war das Wasser, und vor Silias Augen explodierten unzählige Sterne. Dann durchbrach sie die Wasseroberfläche und schnappte gierig nach Luft. Ihre Schläfen pochten, als sie versuchte, sich zu orientieren. Sie befand sich nicht unter dem Wasserfall, der sie in die Tiefe gedrückt hatte, denn den sah sie in erheblicher Entfernung vor sich. Auch sah sie die mittlerweile winzige Gestalt Forsiks, der vor dem Wasserfall verharrte, den sie erfolgreich durchquert hatte. Er war von der tiefstehenden Sonne geblendet und konnte sie sicher nicht sehen. Aber sie entfernte sich immer schneller immer weiter von jenem Ort und das konnte nur bedeuten, dass sie von einer weiteren Strömung erfasst worden war, die sie in eine vollkommen andere Richtung zog.
Silia brachte all ihre Kräfte auf, um sich umzudrehen, damit sie wenigstens sehen konnte, wohin die Strömung sie trieb. Als sie es aber schließlich geschafft hatte, wünschte sie sich, sie hätte es bleiben gelassen. Vor sich sah sie scharfzackige Felsen und Gischt, auf die sie mit beachtlichem Tempo zutrieb. Zu hören war außer einem tosenden Donnern nichts, und einen Augenblick später passierte sie die Felsen und flog durch die Luft.
Trotz der überwältigenden Angst, die sie mittlerweile verspürte, war Silia außer sich vor Freude über dieses wunderbare Gefühl.
»Ich fliiiiiiieeeeeeeegeeeeee«, rief sie so laut wie sie konnte und zumindest für diesen Moment fühlte sie sich frei wie ein Vogel.
Dann sah sie die dunkle, enge Schlucht unter sich schnell näher kommen. Sehr schnell. Tief war diese Schlucht und viel zu schmal für die Wassermassen, die aus dem See hineinstürzten.
»Hiiiiiiiilf…«, schrie Silia, als eine emporschlagende Welle ihren Sturz abfederte, sie unerwartet sanft in die rasenden Fluten schob und ihr damit das Leben rettete – vorläufig.
Die wilden Wasser dieser Schlucht nämlich bewegten sich mit atemberaubender Wucht und Silia trieb wie ein Korken darauf umher. Das hatte zwar den Vorteil, dass sie nicht ertrinken würde, aber den Nachteil, dass die Fluten sie jeden Augenblick gegen eine der Felswände schmettern könnten. Andererseits ging alles so schnell, dass sie den Aufprall erst bemerken würde, wenn es zu spät war, so dass ihr keine Zeit blieb, sich Sorgen zu machen.
Plötzlich flog sie wieder ein kleines Stück durch die Luft und stürzte in einen großen, kreisrunden Felskessel mit sehr steilen und hohen Wänden.
Die eiskalten Wasser, die in diesem Kessel umherwogten, als schüttele jemand die Berge, jagten ihr einen stechenden Schmerz durch jede Faser ihres Körpers. Dann erfasste sie ein mächtiger Strudel und riss sie mit unwiderstehlicher Wucht unter die Oberfläche. Sie schloss wieder die Augen, denn zu sehen gab es ohnehin nichts. Zweimal wurde sie in enger werdenden Bahnen im Kreis herumgeschleudert, bevor ein übermächtiger Sog sie geradewegs nach unten zog. Dann fiel sie ins Leere und wurde vor Schreck ohnmächtig.

Schreibe einen Kommentar