Silia und der wilde Watz (4)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

(Kapitel 4) Der Kreaturenkrämer

Silia träumte. Sie lag in eine Ziegenhaardecke gehüllt ganz nah an einem Lagerfeuer und ihr Kopf ruhte auf einem weichen Lager. Neben ihr saß ein großer Mann und sang. Es war ein leises Lied, traurig und schön, und es wärmte Silia ebenso wie das Feuer und die Decke. Dann stand der Mann auf und goss aus einem Kessel, der über dem Feuer hing, eine dampfende Flüssigkeit in einen hölzernen Becher. Er setzte sich wieder neben sie und hob ihren Kopf auf seinen Schoß. Sie sah hinauf in sein Gesicht. Es war ein altes, verwittertes Gesicht mit ledriger Haut und vielen runenartigen Falten, aber ganz jungen Augen. Sein graues Haar war sorgsam gekämmt und es waren feine Zöpfe hineingeflochten. Der Mann gab Silia aus dem Becher zu trinken. Die würzige Flüssigkeit wärmte sie noch mehr und vertrieb ihre trüben Gedanken.

»Ruh dich aus«, sagte der Mann und bettete ihren Kopf wieder auf das Kissen. Seine Stimme klang fremd und gleichzeitig beruhigend. Silia fielen die Augen zu und sie fühlte sich, als läge sie bei jemandem im Arm, der sie sanft hin und her wiegte. Aus dem sanften Wiegen wurde ein schnelleres, unruhiges, und schließlich rauhes Schütteln.

Sie öffnete die Augen und sah in den blauen Himmel. Dabei wurde sie ganz schön hin und her geschüttelt, weshalb sie sich aufsetzte. Sie lag auf der Ladefläche eines Wagens, zwischen Decken und Fellen. Ein leerer Käfig mit dicken Gitterstäben war mit schweren Ketten an der Seitenwand der Pritsche befestigt. Daneben war ein kleines Fass mit Seilen festgemacht. Hinten am Wagen war ein Esel angebunden, der gleichgültig hinterdrein trottete. Der Esel trug einen Strohhut. Er blickte Silia direkt in die Augen, legte seinen Kopf auf die Seite und schob die Unterlippe vor. Dann steckte er ihr die Zunge raus,  ganz kurz nur, und brüllte I-Ah, aber es sah eher so aus, als ob er lachte. Warum er all dies tat, wusste Silia nicht, ebenso wenig wie sie wusste, warum er einen Strohhut trug. Vielleicht tun Esel derlei Dinge einfach so, dachte sie.

»Na, biste wach?« hörte sie eine brummige Stimme von der anderen Seite. Die Stimme gehörte dem Mann auf dem Kutschbock. Er sah sehr klein aus, kaum größer als Silia, und er hatte einen wirren, ungepflegten Bart und eine rote Knollnase. Auf dem Kopf trug er eine speckige Lederkappe mit zwei Lappen, die ihm über die Ohren hingen. 

»Wurd‘ ja auch Zeit«, sagte der Mann, bevor Silia antworten konnte. »Hast‘ ja lang genug geschlafen.«

»Ich…«, begann Silia, aber der Mann fuhr ihr ins Wort.

»Komm schon her und setz dich neben mich. Ich hab‘ alte Knochen. Da dreht man sich nicht mehr so leicht um, das kann ich dir sagen.«

»Ja, ich…«, begann Silia erneut.

»Komm schon.«

Sie tat, wie der Mann ihr geheißen, und stieg über die Rückenlehne auf den Kutschbock, wo der nicht allzu attraktive Mann die Zügel seines Kutschpferds locker in Händen hielt.

»Wer bist du?« fragte sie den Mann, aber der hörte ihr gar nicht zu, sondern sprach ebenfalls.

»Du könntest dich wenigstens vorstellen. Immerhin bring‘ ich dich in Sicherheit. Wenn wir dich nicht gefunden hätten, dann wärst du jetzt…« Er riss die Augen weit auf, fuhr sich mit dem Finger über die Kehle und sagte dabei so etwas wie »Krk!« Dann lachte er dreckig und spuckte irgendetwas aus.

»Ich bin…«, startete Silia einen erneuten Versuch.

»Ruffnûk haben meine Eltern mich genannt«, unterbrach der Mann sie. »Weiß der Geier, was die sich dabei gedacht haben. Ist kein guter Name, so viel ist sicher. Wie heißt du?«

»Silia«, sagte Silia so schnell sie konnte.

»Silia? Mmh. Ist auch nicht viel besser«, sagte Ruffnûk und spie erneut aus. »Besser als Ruffnûk, so viel ist sicher. Was haben die sich nur dabei gedacht?«

»Hast du mich…«, wagte Silia einen neuen Versuch, aber sie kam auch diesmal nicht weiter.

»Mein alter Herr wollte, dass ich Tarnor heiße. Tarnor! Das ist ein Name, was? Nach dem Schatzkämmerer des Königs damals. Aber meine Mutter war dagegen. Wollte lieber ein Mädchen. Wahrscheinlich war sie sauer, als sie mich gesehen hat. So kann’s kommen. Kommst unerwartet als Junge zur Welt und Peng! Ruffnûk. Biste gezeichnet für’s Leben.«

»Mmh«, sagte Silia. Zu mehr reichte die Zeit nicht, die Ruffnûk ihr ließ.

»Was willste denn mit so ’nem Namen werden? Kannst ja schlecht zum König gehen und sagen: ›Eure Majestät! Ich werde Ruffnûk geheißen und wäre gern Euer Schatzkämmerer‹ oder irgendsoein verdammtes Ding. Das nächste was du weißt ist, du liegst in Ketten in einem feuchten Felsenkeller und fragst dich, was schief gegangen ist.« Ruffnûk spie wieder in die Gegend und schüttelte eine Weile lang den Kopf.

Silia fiel es ohnehin schwer, Ruffnûk zuzuhören, weil sie nicht verstand, was der Mann ihr zu erzählen versuchte, also war sie dankbar für jede Unterbrechung seines Vortrags. Sie fuhren durch eine Schlucht, deren Wände über und über mit Ranken bedeckt waren. Die Schlucht war breit genug für vier Wagen, aber es sah nicht danach aus, als wäre hier viel Verkehr. Die Ranken waren Silia fremd, wenngleich sie sich an den Eisefeu am Kalten See erinnert fühlte, der sich dort an den Douglasien gütig tat. Da Silia nicht wusste, wie spät es war und sie die Sonne nicht sehen konnte, wusste sie auch nicht, in welche Richtung ihr Weg sie führte.

»Ich kannte mal eine Cecilia«, sagte Ruffnûk. »Eine schöne Frau war das. Ich wollte sie heiraten, aber sie wollte mich nicht. Da kannste nichts machen. So sind die Frauen nun mal.«

Silia wusste nicht so recht, was Ruffnûk ihr da zu erzählen versuchte. Vielleicht wusste er es selber nicht. Jedenfalls machte er eine Pause, die Silia nutzen wollte.

»Hast du mich gerettet?« fragte sie ihn.

»Ich? Wo denkst du hin. Nein. Der Schamane war’s.«

»Der Schamane?«

»Dieser Pferdemann.«

»Pferdemann?«

»Du kannst dich nicht erinnern, was?«

»Nein«, sagte Silia. »Ich weiß nur noch, dass ich in dieser…«

»Ich lag am Feuer, als der Esel angeschlagen hat. Der Pferdemann ist aufgestanden und als er zurückkam hatte er dich im Arm. Du hast nicht gut ausgesehen, wenn ich das mal so sagen darf. Jedenfalls hat er dir Umschläge gemacht, Tee gekocht und was weiß ich noch alles. Der wusste was er tut, das kann ich dir wohl sagen.«

»Was ist ein Schamane?« wollte Silia wissen.

»Ein Schamane? Was das ist? Kind, was weißt du eigentlich?«

»Ich weiß nicht, was ein Schamane ist. Sonst weiß ich eine ganze Menge.«

Ruffnûk spie wieder in die Gegend. Aber er sagte nichts. Silia begann zu vermuten, dass er selber nicht wusste, was ein Schamane war, aber dann hob Ruffnûk sein linkes Bein. Oder vielmehr das, was davon übrig war, denn es war nicht mehr, als ein grob geschnitzter Ast.

»Ich will dir jetzt mal was erzählen«, sagte Ruffnûk. »Dieser Watz, der hat mir mein Bein abgebissen. Einfach so. Ich hatte die Falle ausgesetzt und habe nur darauf gewartet, dass er hineintappt. Und was macht das Vieh? Er schleicht sich von hinten an und beißt mir das Bein ab, direkt unterm Knie. Einfach so. Hat ihm nicht geschmeckt, schätze ich. Sonst hätte er mich wohl verspeist. Deshalb bin ich entkommen. Nur deshalb!«

Diesmal spuckte Ruffnûk gleich dreimal hintereinander und Silia fragte sich, wovon dieser garstige Mann sprach.

»Ich konnte mich auf den Wagen schleppen. Gerade so. Der treue Tarnor hat mich gerettet.«

»Tarnor?« gelang es Silia in die Erzählung hineinzuwerfen.

Ruffnûk zeigte auf das Kutschpferd. »Tarnor ist sofort los, als wären die Geister des Waldes und der Luft hinter ihm her. Das nächste, was ich weiß, ist, dass dieser Mann, der Schamane, sich über mich beugt und irgendwas sagt. Viel Blut verloren, Glück gehabt, sowas in der Art. Jedenfalls hab ich ’ne ganze Zeit da rumgelegen in der Höhle. Schätze, er hat mir das Leben gerettet. Aber das Bein? Das Bein ist weg.«

»Und was ist ein Schamane?« hakte Silia nach.

Ruffnûks Augen wurden wieder groß. »Ein Zauberer«, sagte er in einem arg merkwürdigen Tonfall. »Du hast nicht gut ausgesehen, Kind. Dem Tode näher als dem Leben. Wer weiß, wo du herkommst…«

»Ich weiß das. Ich weiß, wo ich…«

»Ist ja auch egal«, fuhr Ruffnûk fort. »Geht mich ja nichts an. Jedenfalls hast du drei Tage da mit uns rumgelegen. Ich habe dem Schamanen ja gesagt, dass ich zurück muss. Meister Thorbad duldet keine Trödelei. Der weiß genau, wie lange man irgendwohin braucht. Unbequemer Kunde für einen Kreaturenkrämer wie mich.«

Ruffnûk röchelte, als suchte er etwas zum Ausspeien ganz tief in seinem Inneren. Als er es gefunden hatte, spuckte er es in die Gegend. 

»Vorsicht«, sagte Ruffnûk plötzlich. »Zieh besser den Kopf ein.«

Er lenkte das Gefährt direkt auf eine Rankenwand zu und ehe Silia es sich versah, fuhren sie mitten hindurch und gelangten in eine andere Schlucht, die nach Silias Dafürhalten genauso aussah wie die erste.

»Ja, das ist was, häh?« lachte Ruffnûk. »Die Wege hier kennt außer mir kaum jemand. Alte Pfade. Ganz alte Pfade. Die Zwerge haben sie gebaut, sagt man. Vor langer Zeit. Aber ich weiß nicht… vielleicht waren sie einfach schon immer da. Oder der alte Gunselmir hat sie angelegt.«

Silia hatte eine Menge Fragen, aber sie wusste nicht, wie sie sie stellen konnte. Ruffnûk redete einfach zu viel, um Fragen beantworten zu können, geschweige denn, sie zu hören. Allmählich machte sie das wahnsinnig.

»Wer ist denn Gunsel…«, versuchte sie es erneut.

»Man weiß es ja nicht. Kann man ja gar nicht. Ist ja alles schon lange her. Sind ja schon ewig da. Jedenfalls kennt die ja keiner, die Pfade.«

»HALT!« schrie Silia und zu ihrem Entzücken hielt das Pferd, Tarnor, tatsächlich an. Von hinter der Kutsche hörte sie ein mehrfaches I-Ah. Ruffnûk sah sie vollkommen entgeistert an. Aber er sagte nichts.

»Also«, sagte Silia. »Ich möchte gerne wissen was ein Schamane ist. Außerdem kenne ich all die Leute nicht, von denen du da sprichst. Gunselmir? Watz? Meister… Meister… Das kann ich gar nicht aussprechen.«

»Meister Thorbad? Meister Thorbad ist mein Auftraggeber und ein mächtiger Zauberer«, sagte Ruffnûk. »Du musst lispeln. Sonst kann man das nicht sagen. Schau her! Du legst deine Zunge unter die Schneidezähne… tho in etwa… und dann thagtht du… ja, wath denn? Deinen Namen… Thilia… thietht du? Ganth leicht. Wie Thorbad, eben.« Ruffnûk spielte noch ein wenig mit seiner Zunge herum, bevor er den Kopf schüttelte. »Aber so kommen wir nicht weiter. Du kannst Tarnor nicht einfach sagen, dass er anhalten soll. Das geht so nicht. Ich bin der Kutscher und der Kutscher muss seinem Pferd sagen, wann es anhalten soll. Da kann ja jeder kommen.«

»Entschuldigung«, sagte Silia.

Ruffnûk schnalzte mit der Zunge und wackelte an den Zügeln. Tarnor war das genug, um weiterzugehen.

»Also«, fuhr Ruffnûk fort. »Für jemanden, der so wenig von sich selbst erzählt, stellst du ganz schön viele Fragen. Ich weiß ja nichts über dich. Weiß ja nicht mal, wo du herkommst.«

»Ich…«

»Woher soll ich denn wissen, ob ich dir trauen kann? Häh? Ich meine, du kommst einfach aus dem Berg marschiert und liegst dann ein paar Tage dumm herum. Der Schamane redet nichts mit mir, rein gar nichts, weil er sich ja um dich kümmern muss. Aber wo bleibe ich bei der ganzen Sache? Ich meine, wer bezahlt mir meinen Verdienstausfall?«

»Ich…«

»Du? Wie denn? Du hast doch nichts. Gar nichts. Zehn Goldstücke wollte Meister Thorbad mir für den Watz geben. Zehn! Das ist mehr, als du in deinem Leben jemals zu Gesicht bekommen hast, Kind, das kann ich dir aber mal sagen. Also komm mir nicht so.«

»Aber…«

»Das Risiko trage ich doch ganz alleine. Na klar, Meister Thorbad sagt mir, fang den wilden Watz, es soll dein Schaden nicht sein. Jetzt guck dir das an.« Ruffnûk hob sein Holzbein in die Höhe. »Es soll mein Schaden nicht sein? Wer hat denn den Schaden, frag ich dich?«

»Ich…«

»Du? Ha!« Ruffnûk rotzte nochmal in die Gegend und starrte dann dumpf vor sich hin.

Silia war verzweifelt. Mit dem Mann war nicht zu reden, so viel war sicher. Aber außer diesem wahrhaft garstigen Menschen gab es niemanden, den sie hätte fragen können. Sie überlegte gerade, wie sie seine Aufmerksamkeit gewinnen konnte, als Ruffnûk wieder zu plappern begann.

»Ich will mich ja nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen, aber du hast, und ich sage das nur, weil ich dich ja schon ganz gut kenne, und ich meine das auch so, wie ich es sage, du hast keine gute Erziehung genossen, das kann ich dir aber mal sagen. Ich meine«, fuhr er fort, als Silia gerade protestieren wollte, »du kommst aus dem Berg gewankt und ich, ich nehme dich einfach mit, nur weil so ein Schamane mich darum bittet, und du, du hast es nicht einmal nötig, dich vorzustellen. Ich habe dich ja sogar fragen müssen. Das zeugt nicht von einer guten Kinderstube, das muss ich aber mal sagen.«

Silia spürte, wie sie richtig wütend wurde. Ganz gleich, was dieser Mann für sie getan hatte, er hatte kein Recht, sie zu beschimpfen. Immerhin…

»Genaugenommen bist du ja gar nicht aus dem Berg gewankt, wenn ich’s so recht bedenke. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich für deine Erziehung spricht. Aber jetzt überleg doch mal: Ich bin Kreaturenkrämer. Ich fange seltene Geschöpfe für Leute, die dafür bezahlen. Für Meister Thorbad, zum Beispiel.« Ruffnûk sah so aus, als überlegte er, ob es noch mehr Leute gab, die ihn für seine Arbeit bezahlten. »Einerlei! Jedenfalls, ich fange diese Kreaturen. Ich! Wie soll ich das denn jetzt noch machen? Hm? Sag mir das! Wie soll das gehen? Mit einem Bein und diesem… « Schon wieder zeigte er sein Holzbein. »… mit diesem … Ding. Ich bin ruiniert. Ruiniert! Klar, ich habe ein bisschen Geld auf die Seite gelegt. Ich bin nicht dumm. Aber ob das reicht? Welche Frau wird sich jetzt noch mit mir einlassen? ›Gestatten, Ruffnûk, Kreaturenkrämer im Ruhestand.‹ Wer will das denn hören? Sag mir das!«

Den letzten Satz bellte er Silia ins Gesicht und sah dabei wirklich böse aus. Da sie aber ohnehin gar keine Lust mehr, mit Ruffnûk zu reden, sah sie nach oben in den Himmel und bemerkte, dass dieser dunkler wurde. 

»Wir sollten ein Lager aufschlagen«, sagte sie.

Ruffnûk blickte ebenfalls empor.

»Weißt du«, sagte er, »das ist von all deinem Geschnatter das Klügste, was du bisher gesagt hast. Brrr!«

Tarnor hielt an, aber noch bevor Silia von der Kutsche klettern konnte, sprach Ruffnûk weiter. 

»Wir werden ein Feuer machen, aber kein allzu großes. Man kann nie wissen. Du solltest uns ein paar trockene Ranken suchen und ich bereite das Essen vor. Ich würde ja selber gehen, aber, du siehst ja selbst… « Er zeigte schon wieder auf sein Holzbein. 

Silia hüpfte vom Kutschbock und begann, nach trockenen Ranken Ausschau zu halten. 

»Lauf nicht zu weit fort«, rief Ruffnûk ihr nach. »Man kann nie wissen.«

Silia nickte nur und entfernte sich von der Kutsche. Sie wollte dringend ein bisschen allein sein. Nur ein bisschen Zeit ohne das Gerede von Ruffnûk. Sie hatte noch nie einen Menschen getroffen, der so viel redete und dabei so wenig sagte. Ständig stellte er ihr Fragen, ohne die Antwort abzuwarten. Woher kam das? War er zu oft allein? War er einsam? Wusste er am Ende gar nicht, wie man sich unterhielt? Oder war der Kerl einfach nur verrückt? Silia fand das alles sehr schade. Wenn sie Ruffnûk richtig verstanden hatte, dann hatte ein Zauberer der Pferdemenschen sie gerettet. Warum war sie nur nicht früher zu sich gekommen? Dann hätte sie ihn wenigstens sehen können. Ob er so aussah, wie der Mann aus ihrem Traum? Oder war das gar kein Traum gewesen?

Sie fand jede Menge trockene Ranken hinter den dicken Pflanzenteppichen an den Wänden der Schlucht und trug sie zum Lager zurück. Ruffnûk hatte in der Zwischenzeit nicht allzuviel getan. Er stand an Tarnor gelehnt und rieb sich den Oberschenkel des Beines, das der Watz gefressen hatte. Als er Silia bemerkte, fing er an, unter lautem Stöhnen am Zaumzeug des Pferdes herumzuzerren, bis Silia ihm sagte, er solle sich lieber ausruhen.

Die nächsten Stunden verbrachte Silia mit Feuer machen, Essen kochen, Bier für Ruffnûk zapfen – das Fass auf der Ladefläche war voller Bier; etwas anderes zu trinken gab es nicht – Pferd und Esel versorgen, alldieweil Ruffnûk ächzend in der Gegend herumlag und sein Holzbein befühlte wann immer er den Eindruck hatte, Silia würde zu ihm herübersehen. Schließlich hatten sie gegessen und Silia hatte sich einen kleinen Krug Bier gegen den Durst heruntergewürgt.

»Ich gehe jetzt schlafen«, sagte sie.

»Ja, mach das nur. Ich sitze hier noch ein wenig. Kann schlecht einschlafen. Die Schmerzen, verstehst du?« Dabei zeigte Ruffnûk natürlich auf sein Holzbein. »Wenn du noch so freundlich wärst und mir den Krug noch mal füllst.«

Silia tat ihm den Gefallen. Sie fand zwar, dass Ruffnûk schon eine ganze Menge Bier getrunken hatte, aber wenigstens stellte ihn das ruhig. Danach kuschelte sie sich in Decken und Felle auf der Ladefläche des Wagens und guckte in den Sternenhimmel. Sie war eigentlich gar nicht müde. Wenn Ruffnûks Erzählung stimmte, dann hatte sie die letzten drei Tage mehr als genug geschlafen. Aber sie verspürte wenig Lust, mit Ruffnûk am Lagerfeuer zu sitzen. Sie wollte lieber nachdenken, was in den letzten Tagen passiert war. Wie es Großvater wohl ging? Die Alten und die Kinder sollten in die Minen, hatte dieser Forsik gesagt. Bestimmt war Großvater schon unterwegs dahin. Außerdem dachte er bestimmt, dass sie tot sei. Was sollte er auch sonst denken? Ich muss ihn irgendwie retten, dachte Silia. Aber wie? Wo bringen sie ihn und die anderen wohl hin? Bestimmt gibt es eine ganze Menge Minen und Bergwerke. Wie kann ich nur rausfinden, in welches sie die Leute aus dem Dorf bringen?

»Unvorsichtig bin ich geworden, auf meine alten Tage«, murmelte Ruffnûk am Feuer. »Ich hätte es ja wissen können. Meister Thorbad hat mich gewarnt. Hüte dich vor dem Watz, hat er gesagt. Er sieht harmlos aus, aber seine Erscheinung täuscht. Gunselmir selbst hat ihn sein fürchterlichstes Geschöpf genannt. Der Verrückte. Naja, vielleicht bekomme ich ja einen guten Preis für dich.«

Silia erschrak. Sprach er etwa zu ihr? Wollte er sie verkaufen? Sie drehte ganz vorsichtig den Kopf und sah zum Feuer hinüber. Ruffnûk saß dort und stierte in seinen Krug. Ihm gegenüber saß der Esel auf seinen Hinterbeinen und legte seinen Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite.

»Was hast du da eigentlich getrieben? Ich meine, ein Esel in Gunselmirs Gruselwald. Bist bestimmt das einzige normale Tier da gewesen.«

Der Esel ließ den Kopf hängen und schob wieder die Unterlippe vor. Für einen Moment sah er aus, als würde er seufzen, fand Silia. Dann hob er den Kopf, blickte Silia direkt in die Augen und steckte ihr die Zunge raus, ganz kurz nur.

Silia grinste, drehte sich auf die andere Seite und schlief über ihren weiteren Gedanken ein.

*

Ruffnûk schlief noch, als Silia erwachte. Er lag mit offenem Mund an der Feuerstelle und schnarchte. Der Esel und Tarnor waren vor diesem Lärm geflohen und standen außer Hörweite an den Ranken, wo sie an Blättern knabberten. Silia sammelte die Sachen zusammen und verstaute sie auf dem Wagen. Dann rief sie Tarnor, der ohne zu murren herbeigetrottet kam. Der Esel folgte ihm. Sie legte dem kräftigen Gaul das Zaumzeug an und band den Esel hinten am Wagen fest. Dann weckte sie Ruffnûk.

»Wie… was… wer… warum…«, grunzte der Kreaturenkrämer. Dann tastete er nach dem Krug und trank den Rest Bier aus. »Aah, das tut gut.«

»Wir können aufbrechen«, sagte Silia. Wo auch immer das Ziel ihrer Reise liegen mochte, sie wollte so schnell wie möglich dahin.

»Ach, wie? Aha«, sagte Ruffnûk, der noch nicht ganz bei sich war. 

Silia half ihm auf sein Bein und geleitete den über riechenden Mann zum Kutschbock. Noch bevor er gegen die Eile, die sie nun an den Tag legte, protestieren konnte, waren sie auch schon unterwegs.

»Ich nehme an, dass wir zu Meister… « Silia legte ihre Zunge unter die Schneidezähne, »…Thorbad unterwegs sind. Wie lange brauchen wir denn bis dahin noch?«

»Och, naja, wie man’s nimmt. Ist schon noch ein Stückchen. Ich schätze, so, naja, am späten Nachmittag könnten wir das Tal erreichen.«

»Und wie geht es dann weiter?« fragte Silia. Sie merkte, dass Ruffnûk noch immer nicht klar denken konnte und ihr deshalb genügend Raum für Fragen ließ. Das gab ihr vielleicht ein wenig Zeit Dinge in Erfahrung zu bringen, bevor er sich wieder in einen Wahn zu reden begann.

»Wie es dann weiter geht? Ich weiß es nicht. So sieht’s aus. Ich kann nur hoffen, dass Meister Thorbad Erbarmen hat und mir den Esel abkauft. Andernfalls bin ich am Ende.«

Allmählich bekam Silia Mitleid mit Ruffnûk. Er saß in sich zusammengesackt auf dem Kutschbock und wirkte viel trüber als gestern. ›Wahrscheinlich ist er viel zu oft alleine‹, dachte Silia. ›Und das mit dem Bein ist natürlich eine ganz dumme Sache.‹

»Eigentlich wollte ich wissen, was aus mir wird«, sagte Silia.

»Tja, das kann ich mir denken. Aber wenn du denkst, dass ich dich nach Hause bringe, dann biste schief gewickelt. Ich reise weiter nach Tsadh und dann muss ich mal sehen. Vielleicht hat Meister Thorbad Verwendung für dich. Jedenfalls kann ich dich nicht mitnehmen.«

Silia war sehr erleichtert, denn obwohl sie nun kaum mehr als Mitleid für diesen armen Mann empfand, fand sie die Vorstellung, mit ihm weiter zu reisen als nötig, zutiefst abstoßend. Aber während sie das dachte, fing sie an, sich für diese Gedanken zu schämen. 

Ruffnûk wurde im Verlauf des Tages immer trübseliger und sprach nicht viel. Immer wieder murmelte er die Namen Gunselmir und Watz vor sich hin, schüttelte den Kopf und wackelte an den Zügeln.

Silia hatte mittlerweile einen ganz guten Eindruck von der Richtung, die sie eingeschlagen hatten. Sie konnte den Lauf der Sonne oben an der Schlucht ablesen und wusste nun, dass sie gen Süden reisten. Auch wusste sie, dass Tsadh, das Reich des himmlischen Herrschers, im Süden lag, und das war ja Großvater zufolge der Feind, auch wenn sie nicht verstand, warum. Sie fand ja, dass Forsik und die Soldaten, mit denen er in ihr Dorf eingefallen war, viel eher so was wie ein Feind waren, auch wenn sie dem König von Masurta dienten. Aber das waren Überlegungen, die Großvater und die anderen Erwachsenen im Dorf als kindisch abgetan hätten.

Am späten Nachmittag lenkte Ruffnûk den Wagen auf eine Rankenwand zu, die sie wie einen Vorhang durchquerten. Dahinter war die Schlucht zu Ende und sie blickten von oben in ein hügeliges, von Bergen eingeschlossenes Tal. Die Nachmittagssonne schien warm zwischen zwei Gipfeln hindurch in das Tal. Sehr warm, beinahe heiß. Das verwirrte Silia. Sie waren ja nicht weit gereist, kaum mehr als zwei Tage in Richtung Süden. Wieso war es hier so warm und bei ihr daheim so kalt? Wäre jemand anders als Ruffnûk ihr Begleiter gewesen, hätte sie ihn sicherlich danach gefragt, aber was Ruffnûk zu der Sache zu sagen hatte, interessierte Silia nicht allzu sehr.

Im Tal konnte Silia ein Fluss, Bäche, Seen, Felder, Bauernhöfe, Viehherden und mehrere Siedlungen ausmachen. Drei davon waren größer als ihr Heimatdorf. Am Auffälligsten aber war der große, dunkle Turm, der auf einem Hügel über dem Tal thronte. Silia hatte keinen Zweifel, dass dort Meister Thorbad lebte und in der Tat trabte Tarnor in Richtung des Turmes.

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