Silia und der wilde Watz (5)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

(Kapitel 5) Im Turm des Zauberers

Die Sonne stand tief und würde schon bald hinter den Bergen verschwinden, als sie den Wagen auf dem Platz vor dem wahrhaft mächtigen Turm zum Halten gebracht hatten. Silia hatte noch nie in ihrem Leben ein derart hohes Bauwerk gesehen, aber sie war ja auch noch nicht allzuviel herumgekommen. Mehrere Gebäude waren an den Turm angebaut, die meisten davon aus Holz. Hühner, Schweine, Schafe und Kühe liefen frei herum. Leider konnte Silia keine Ziegen sehen oder hören. Das fand sie sehr schade.

Ein junger Mann kam mit einem Karren voll dampfendem Mist aus einer der Holzhütten, die wohl den Schweinen als Stall diente. Er war Silia auf Anhieb sympathisch, was an seinem Bärtchen liegen mochte, das wie das einer Ziege von seinem Kinn baumelte. Als er sie sah, stellte er den Karren ab, wischte sich den Schweiß aus der Stirn und kam zu ihnen herüber.

»Meister Ruffnûk. Schön Euch zu sehen. Wie ist es Euch ergangen?« fragte der Mann.

»Wie es mir ergangen ist, fragt Ihr? Wie es mir ergangen ist? Ich will Euch sagen, wie es mir ergangen ist, Tulmur«, sagte Ruffnûk und hielt sein Holzbein in die Höhe. »So ist es mir ergangen, Tulmur.«

»Oh«, sagte Tulmur und biss sich dabei von innen auf die Wange. »Ich hatte ja keine Ahnung, Meister Ruffnûk. Sagt, wie lange tragt Ihr schon eine Prothese?«

»Was trag ich?« grunzte Ruffnûk zurück. Auch Silia kannte dieses Wort nicht.

»Eine Prothese«, sagte Tulmur. »Jenes Bein aus Holz dort.«

»Spart euch Euer kluges Gewäsch, Tulmur. Ja, ein Holzbein trage ich. Seit ich für Euren… « Ruffnûk stieß eine Reihe von Flüchen aus, die Silia noch nie gehört hatte, aber sie spürte, dass ihre Ohren davon ganz rot wurden. Dabei wedelte er mit den Armen zum Dach des Turmes. »Das vermaledeite Vieh hat’s mir abgebissen. Einfach so. Schwupp, weg war’s.«

»Das tut mir sehr leid«, sagte Tulmur aufrichtig.

»Ach ja? Das sollte es auch. Immerhin war ich für Euren Meister unterwegs.«

Wie aus heiterem Himmel fing Ruffnûk an, jämmerlich zu weinen.

»Was soll ich denn jetzt bloß tun?« jammerte er.

Dem jungen Mann, Tulmur, war das sichtlich unangenehm.

»Ja, das weiß ich auch nicht, Meister Ruffnûk.«

»Meinen Beruf kann ich an den Nagel hängen, so viel ist sicher«, sagte Ruffnûk. »Wovon soll ich denn leben? Habt Ihr Euch das mal gefragt?«

»Ich beginne eben, darüber nachzudenken, Meister Ruffnûk«, sagte Tulmur.

»Und? Was soll ich Eurer Meinung nach tun?«

Tulmur dachte noch ein wenig nach, bevor er antwortete.

»Nun, so wie ich die Dinge sehe, werdet Ihr einen Prothesenschreiner aufsuchen müssen. Mit dem Ast dort werdet ihr nicht viel Freude haben. Dann müsst Ihr wieder laufen lernen, bevor Ihr weiter darüber nachdenken könnte, was Ihr als nächstes tut, schätze ich.«

Ruffnûk machte den Mund auf und zu, bevor er wieder in Tränen ausbrach. Tulmur knabberte nervös von innen an seiner Wange herum. Plötzlich hellte sich seine Miene auf.

»Sagt, der Esel dort. Ist der zu verkaufen?«

»Mmh?«, schluchzte Ruffnûk.

»Wieviel wollt Ihr für den Esel?« fragte Tulmur.

»Ach, den? Was wollt Ihr denn mit dem?«

»Ich könnte einen Esel gebrauchen.«

»Ist das so?« fragte Ruffnûk. Seine Stimme hatte sich verändert, fand Silia. Er klang gar nicht mehr traurig. »Für zwei Goldstücke soll er Euch gehören. Das Mädchen kriegt Ihr mit dazu.«

Tulmur zuckte zusammen und schluckte schwer.

»Zwei Goldstücke? Puh«, sagte er. 

»Naja«, schluchzte Ruffnûk. »Wenn Euch das zuviel ist…«

»Nein, nein. Nicht doch. Wartet hier. Ich hole das Geld.«

Tulmur eilte die Treppe zum Turm hinauf und verschwand in der Tür.

»Siehste«, zwinkerte Ruffnûk Silia zu. »Man muss eben wissen, wie man mit solchen Leuten zu sprechen hat. Du kannst schon mal den Esel losmachen.«

Silia hüpfte vom Wagen. Sie wusste nicht genau warum, aber Ruffnûk war ihr mit einem Male noch viel unsympathischer als zuvor. Ihr war das einerlei. Sie war froh, dass sie nicht länger bei diesem Mann bleiben musste, denn sie wurde das Gefühl nicht los, dass er den ganzen Tag so traurig dreingeblickt hatte, damit er Tulmur etwas vorspielen konnte.

Der Esel schien sehr zufrieden mit dem Handel, denn er lachte wieder auf diese merkwürdige Art, wo er seine Unterlippe vorschob und den Kopf hin- und herwackeln ließ, als Silia ihn losband. Da Silia keine weiteren Dinge ihr eigen nannte, stand sie ein wenig komisch in der Gegend herum, bis Tulmur wieder aus dem Turm kam.

»He, Mädchen«, rief er ihr zu.

»Ja, Herr?« sagte Silia.

»Sei so gut und bring den Esel zu den Kühen, ja?« Dabei zeigte er umständlich um den Turm herum.

Silia sah keinen Grund, nicht zu tun, worum Tulmur sie bat.

»Hab Dank, Ruffnûk«, sagte sie dem Kreaturenkrämer, aber der winkte nur genervt ab. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Beutel in Tulmurs Hand.

»Dann eben nicht«, seufzte Silia. »Komm, Esel!«

Der Esel steckte Ruffnûk die Zunge raus und trottete brav hinter Silia her. Auf der Rückseite des Turmes fanden sie einen großen, leeren Kuhstall. Die Kühe weideten auf einem leidlich eingezäunten Stück Wiese davor.

»Willst du auch ein wenig Gras, Esel?« fragte Silia.

Der Esel nickte und Silia ließ ihn los, damit er zu den Kühen auf die Weide traben konnte. Sie hatte den Eindruck, als würde der Esel den Kühen freundlich zunicken, bevor er sich an ihrem Gras gütlich tat, aber wahrscheinlich war das nur Einbildung. Ebenso, wie der Eindruck, dass die Kühe alsbald Dreiergrüppchen bildeten und die Köpfe zusammensteckten, während sie den Esel beobachteten.

»Endlich ist er weg«, hörte sie Tulmur neben sich. »Ich kann den Kerl nicht leiden. Hoffentlich lässt er sich hier nicht wieder blicken. Ich bin übrigens Tulmur.«

»Ich bin Silia.«

»Sehr erfreut, Silia«, sagte Tulmur und reichte ihr die Hand. »Wo hat dich der Bastard denn aufgelesen?«

Silia überlegte einen Moment, ob sie Tulmur von ihrer Flucht vor Forsik und den Soldaten erzählen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Es war eine zu verworrene und ereignisreiche Geschichte für ein erstes Gespräch, wie sie fand, also würde eine verkürzte Version genügen müssen.

»Ich glaube«, begann sie, »dass wir beide von einem Schamanen der Pferdemenschen gerettet wurden. Ich hatte mich in den Höhlen an den Klippen zum Grasmeer verirrt und bin dort fast erfroren. Der Schamane hat mich gefunden und gesund gepflegt, hat Ruffnûk gesagt. Derselbe Mann hat ihm sein Bein versorgt und diese Pro… die…«

»Prothese«, half Tulmur.

»Genau. Die hat der Schamane ihm gemacht. Zumindest hat er das erzählt. Ich war ja gar nicht bei mir. Ich bin ja erst unterwegs wieder aufgewacht.«

»Hat er dich dem Schamanen abgekauft?«

»Abgekauft? Äh, nicht, dass ich wüsste. Ich meine, ich hab dem ja nicht gehört.«

»Wie man’s nimmt«, sagte Tulmur. »Immerhin hat er dein Leben gerettet.«

So hatte Silia das noch nicht betrachtet. »Das stimmt schon«, sagte sie nach einer Weile. »Aber deswegen gehöre ich ihm doch nicht.«

Tulmur hob ratlos die Schultern. Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff sehr laut. Die Kühe sahen herüber und setzten sich in Bewegung. In einer Reihe marschierten sie los und verschwanden eine nach der anderen im Stall.

»Hast du ihnen das beigebracht?« fragte Silia beeindruckt.

»Ja«, sagte Tulmur. »He, Esel! Du auch.«

Der Esel blickte auf, kaute noch ein wenig und trabte dann ebenfalls los.

»Du kannst hier vorne rechts schlafen«, sagte Tulmur, als der Esel beim Stall angelangt war. Dann langte er nach dem Strohhut des Esels. Mit einem Mal warf der Esel seinen Kopf zurück und begann zu schreien.

»Schon gut, schon gut«, versuchte Tulmur das Tier zu beruhigen. »Wenn du ihn für die Nacht aufbehalten möchtest, kannst du das natürlich tun.«

Der Esel sah ihn misstrauisch an, bevor er an ihnen vorbei in den Stall huschte.

»Wir gehen besser hinein. Es wird bald sehr kalt werden. Komm.« Silia folgte Tulmur um den Turm herum und beobachtete bewundernd, wie er die Hühner, Schafe und Schweine mit verschiedenen Pfiffen ebenfalls dazu brachte, in ihre Ställe zurückzukehren.

»Das möchte ich auch können«, sagte Silia.

»Kennst du dich denn mit Tieren aus?« fragte Tulmur.

»Ich habe Ziegen. Die hören manchmal schon auch ganz gut, aber ich muss ihnen schon länger zureden, damit sie nachts in den Stall gehen. Wieso hast du eigentlich keine Ziegen?«

»Der Meister hatte mal Ziegen, aber er mochte ihr Gemecker nicht. Und sie haben sehr viel gemeckert.« Tulmur blickte betreten zu Boden, als er das sagte. »Naja, die Wahrheit ist, dass ich mit den Ziegen nicht zurecht gekommen bin. Immer, wenn sie mich gesehen haben, haben sie gemeckert, als wären sie verrückt geworden. Ich weiß auch nicht warum«, sagte er und strich sich dabei durch seinen Ziegenbart. »Bockige Tierchen!«

Sie schritten die Treppe hinauf und betraten den Turm. Die große Eingangshalle war staubig und kalt. Hier hatte sicher seit langer Zeit niemand saubergemacht. 

»Es gibt einfach zu viel zu tun hier«, verteidigte sich Tulmur gegen Silias kritischen Blick. »Der Meister empfängt schon lange keinen Besuch mehr. Er sitzt den ganzen Tag in seinem Studierzimmer über seinen alten Büchern. Ich glaube, er war schon seit einem Jahr nicht mehr hier unten.« Sie verließen die ungastliche Halle durch eine Tür, die in eine warme Küche führte. Ein schwerer Ofen stand in der Mitte des Raumes und davor lag eine graue Katze und schlief. Tulmur nahm ein paar Holzscheite von einem großen Stapel neben dem Ofen, öffnete eine Klappe und legte sie in die Flammen. Dann stellte er einen schweren Kessel auf den Herd. »Das Feuer muss immer brennen, sonst kühlt der Raum aus. Außerdem will der Meister zu den unterschiedlichsten Zeiten seinen Tee. Das Feuer zu erhalten wird deine Aufgabe sein. Morgens, wenn der Hahn kräht, musst du sechs Scheite ins Feuer tun, damit der Backofen heiß genug wird, um Brot und Kuchen zu backen.« Tulmur zeigte auf eine gusseiserne Klappe. »Du musst keine Angst haben. Die Griffe werden nicht heiß. Der Rest des Ofens schon. Also fass immer nur die Griffe an.«

»Ja, Tulmur«, sagte Silia, die sich aufgeregt umsah. Unter einem Fenster stand ein Tisch mit einem Stuhl. Von dort hatte man einen herrlichen Blick über das Tal. Silia war sich sicher, dass die Sonne den ganzen Vormittag durch das Fenster hereinschien. Neben dem Fenster war eine weitere Tür, die Tulmur öffnete.

»Hier ist die Vorratskammer. Die Tür muss immer geschlossen bleiben, damit es dort drinnen nicht zu warm wird.« Silia sah einige Schinken von der Decke baumeln und spürte ihren gewaltigen Hunger, den sie den ganzen Tag unterdrückt hatte. Tulmur bemerkte ihren Blick. »Willst du was essen? Dumme Frage. Ich schätze, Ruffnûk hat dich nicht gut gefüttert.« Er schnitt ein schönes Stück Schinken ab und legte es auf den Tisch. »Setz dich, Silia.« Er ging abermals in die Speisekammer und kehrte mit Brot und Käse zurück. Dann stellte er einen Krug mit kalter Milch dazu. »Setz dich«, wiederholte er. »Und iss. Und hab keine Angst. Ich werde dich nicht misshandeln. Du wirst gut und reichlich essen und musst dich nicht krummbuckeln. Die Tiere versorgen sich wie von selbst. Außer Tee kochen und Brot backen gibt es eigentlich nicht viel zu tun. Warte, ich hole noch einen Stuhl. Den werden wir jetzt ja brauchen. Ich bin gleich wieder da.« Tulmur ging zur Tür, die in die Eingangshalle führte. Dort verharrte er kurz. »Wenn ich wieder da bin, dann kannst du mir deine Geschichte erzählen. Deine ganze Geschichte«, fügte er lächelnd hinzu.

Silia nickte und nahm einen kräftigen Schluck Milch, bevor sie sich über den Käse, den Schinken und das Brot hermachte. Tulmurs Worte hatten sie in der Tat beruhigt, auch wenn sie fand, dass es hier eine Menge zu tun gab. Zumindest, dem Zustand der Eingangshalle nach zu urteilen. Die Küche hingegen war sorgsam aufgeräumt und sauber. An den Wänden standen Schränke und Regale, in denen Kessel, Töpfe, Vorratsgläser, Geschirr, Besteck sowie einige Bücher aufbewahrt wurden. Auf einer Anrichte stand das kleine Portrait eines alten Mannes mit wirren Haaren und zerzaustem Bart. Lange, strähnige Augenbrauen verdeckten seine Augen wie Vorhänge, was sehr ulkig aussah, wie Silia fand. Dann kehrte Tulmur mit einem weiteren Stuhl zurück und setzte sich zu ihr an den Tisch.

»Um dein Nachtlager werden wir uns noch kümmern müssen. Wir haben noch Decken und Felle und ich denke, es ist genügend Platz für uns beide hier. Die anderen Räume in diesem Gemäuer sind zu kalt, um darin zu schlafen.«

Silia war das recht. Sie schlief gerne in der Nähe eines prasselnden Feuers, auch wenn es wie hier in einem Ofen brannte. Das Geräusch beruhigte sie. 

»Also, Silia«, sagte Tulmur nach einer Weile. »Warum erzählst du mir nicht, wo du herkommst und wie du in die Hände des Kreaturenkrämers gelangt bist?« 

»Also, ich komme aus einem kleinen Dorf an den Klippen zum Grasmeer. Pottelby nennen es die Leute aus den anderen Dörfern, warum, weiß ich auch nicht, aber wir nennen es nur unser Dorf. Ganz in der Nähe liegt der Kalte See, ich weiß nicht ob du den kennst.«

Tulmur schüttelte lächelnd den Kopf.

»Jedenfalls hat Großvater mir gesagt, dass wir dem König von Masurta gehören, aber gesehen habe ich den noch nie.«

Diesmal lachte Tulmur. »Das will ich dir gerne glauben.«

»Großvater hat auch erzählt, dass es Krieg geben wird, als ich ihm von den Soldaten erzählt habe, die ich am Abend gesehen hatte. Krieg mit dem himmlischen Herrscher von Tsadh.« Sie überlegte kurz. »Sind wir hier in Tsadh? Sind wir dann Feinde?«

»Nein, Silia. Wir sind hier nicht in Tsadh. Der himmlische Herrscher mag das anders sehen, aber in Meister Thorbads Nähe traut er sich dann doch nicht. Nein, wir sind keine Feinde.«

»Das ist gut«, sagte Silia. »Ich mag dich nämlich ganz gerne.«

Tulmur lachte schon wieder. »Ich mag dich auch.«

»Jedenfalls sind die Soldaten in unser Dorf gekommen, um die jungen Männer zu Soldaten zu machen. Kinder und Alte wollten sie in die Minen schicken. Ich habe sie das Sagen gehört, als ich gerade die Ziegen zurück ins Dorf treiben wollte. Dann hat mich einer von ihnen bemerkt. Forsik hieß der. Und da bin ich geflohen. In die Berge, den Bach hinauf. Das war schwierig und gefährlich und ein Wasserfall hat mich in die Tiefe gerissen, in einen See. Und dann war da noch ein Wasserfall und ich bin geflogen, aber nur ganz kurz. Und dann bin ich in einer Höhle wieder aufgewacht. Da waren ganz viele leuchtende Pilze und… «

»Tulmur«, hörte sie plötzlich eine Stimme.

Tulmur drehte sich zu dem kleinen Bild auf der Anrichte.

»Ja, Meister?«

»Tulmur«, sagte der Mann in dem Bild. »Komm doch mal zu mir herauf.«

»Ja, Meister«, sagte Tulmur. »Du wartest hier«, sagte er zu Silia gewandt, bevor er in die Halle ging.

Silia wartete, bis sie ihn nicht mehr hören konnte, bevor sie ihm nachging. Keinen Augenblick länger wollte sie in einem Raum mit einem sprechenden Bild verweilen.

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