Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel 6) Der Zauberlehrling
Aus der Halle führte eine Treppe nach oben und als Silia ganz aufmerksam lauschte, hörte sie Tulmurs Schritte oben, ganz weit entfernt. Vorsichtig schlich sie hinterher. Da Silia noch niemals ein so großes Gemäuer auch nur gesehen hatte, war sie auch noch nie auf einer so langen Treppe unterwegs gewesen. Die längste Treppe, die sie kannte, war die vor dem Tor unter der Erde gewesen, vor dem der Drache gelegen hatte. Diese hier war viel länger und wand sich im Kreis in die Höhe. Zwischendurch wurde die Treppe von Absätzen unterbrochen, von wo Türen in andere Stockwerke des Turmes führten, aber dort sah es bestimmt nicht viel besser aus, als in der Eingangshalle. Außerdem wohnte Meister Thorbad bestimmt ganz oben im Turm. Warum sonst sollte man sich einen Turm bauen, wenn man nicht die Aussicht genießen wollte?
Schließlich hatte sie das Ende der Treppe erreicht und schlich durch die Tür in einen von Kerzen erleuchteten Korridor. Hier oben war es sehr sauber, wie Silia sofort bemerkte. Vor der ersten Tür, an die sie gelangte, blieb sie stehen und spitzte die Ohren.
»Wie es scheint, Meister Thorbad, hat Ruffnûk den Watz nicht fangen können«, hörte sie Tulmur durch die Tür. »Er sagte, der Watz hätte ihm ein Bein abgebissen und in der Tat trug er eine Prothese. Das Mädchen sagte, ein Schamane der Pferdemenschen hätte ihm geholfen.«
»Das Mädchen?« hörte sie eine brummende, rauhe Stimme. Sie klang wie die aus dem Bild.
»Ja, Meister. Ruffnûk brachte einen Esel und ein Mädchen mit, die er mir beide zum Verkauf feilbot. Ich brachte es nicht übers Herz, das Mädchen in seinem Besitz zu belassen. Wer weiß, was er mit ihr angestellt hätte?«
»Du hast ein großes Herz, Tulmur«, brummte Meister Thorbad. »Ja, dem Kreaturenkrämer ist vieles zuzutrauen. Du hast weise gehandelt.«
»Danke, Meister.«
»Aber nun stellt sich die Frage, wie ich den Watz in meinen Besitz bringen kann.«
»Ich habe auch schon darüber nachgedacht, Meister. Vielleicht könnte einer der Jäger… «
»Unsinn. Ruffnûk mag ein garstiger Mann sein, aber er versteht sein Handwerk. Wenn er den Watz nicht bändigen konnte, dann kann das auch ein Dutzend unserer besten Jäger nicht. Ich werde niemanden in den sicheren Tod schicken.«
»Nein, Meister.«
Plötzlich spürte Silia etwas an ihrem Bein und musste sich arg zusammenreißen, um nicht laut aufzuschreien. Es war die graue Katze, die laut maunzend ihr Köpfchen an Silias Knie rieb.
»Einen Moment«, sagte Meister Thorbad und in diesem Augenblick öffnete sich die Tür vor Silias Nase wie von Geisterhand.
»Hast du uns belauscht, mein Kind?«
Silia schob ihre Zunge an die Schneidezähne, bevor sie antwortete: »Ja, Meithter Thorbad.«
»Nun, dann komm herein, damit wir uns unterhalten können.«
Silia betrat vorsichtig das Studierzimmer des alten Zauberers. Einen Raum wie diesen hatte sie noch nie gesehen. Die Wände waren voller Regale, in denen Bücher, Pergamentrollen und Einmachgläser abenteuerlichen Inhalts standen. Auf den ersten Blick sah sie achtbeinige, aufgedunsene Kröten, haarige Beine wie von riesigen Spinnen, Scharfe Zähne, große Augen und andere Innereien, die in trüben Flüssigkeiten schwammen. Dicke Stumpenkerzen tauchten den Raum in ein warmes, freundliches Licht. Die Katze war sofort in den Raum gelaufen und auf einen großen Schreibtisch vor einem breiten Fenster mit einer Glastür, die nach draußen auf einen Balkon führte, gehüpft. Hinter dem Schreibtisch saß in einem thronartigen Lehnstuhl der alte Mann, den sie von dem Portrait in der Küche bereits kannte. Er winkte sie herbei.
»Komm näher, mein Kind. »Und hab keine Angst. Du bist uns willkommen.«
Silia mühte sich um Beherrschung, damit sie nicht lachen musste, denn in Wirklichkeit sah der alte Zauberer noch viel drolliger aus, als auf dem Bild. Seine Augenbrauen hingen wie die Rankenteppiche in den Schluchten, die sie mit Ruffnûk durchquert hatte, vor seinen Augen und Silia war sich ganz sicher, dass Meister Thorbad viel Zeit darauf verwendete, sie regelmäßig zu bürsten und zu kämmen. Tulmur saß auf einem Schemel vor dem Schreibtisch und Meister Thorbad deutete auf einen zweiten Schemel, von dem Silia nicht sicher sagen konnte, dass er eben schon da gestanden hatte.
»Nimm Platz, mein Kind. Tulmur erzählte mir eben, dass er dich von Ruffnûk freigekauft hat. Ich bin zufrieden mit Tulmurs Entscheidung, gleichwohl mir Menschenhandel zuwider ist. Aber nun lasst uns über den wilden Watz reden. Hat Ruffnûk von ihm gesprochen?«
»Ja, Meithter Thorbad.«
Der alte Mann lächelte und begann, sich eine Pfeife zu stopfen. »Bis du meinen Namen aussprechen kannst, genügt es, wenn du Meister zu mir sagst. Wie alt bist du, mein Kind?«
»Ich bin zwölf Sommer alt.«
»Und wie ist dein Name?«
»Silia, Meister.«
»Also, Silia. Dann berichte uns bitte, was Ruffnûk dir über den Watz erzählt hat.«
»Naja, es war nicht viel. Nur, dass er ihm eine Falle gestellt hat. Also, Ruffnûk hat dem Watz eine Falle gestellt, aber der hat sich von hinten angeschlichen und ihm das Bein abgebissen. Ruffnûk sagte, dass es ihm wohl nicht geschmeckt hat, weil er danach verschwunden ist.«
Meister Thorbad lachte, während er seine Pfeife entzündete. Er hielt dafür lediglich seinen Daumen auf die Kräuter in der Pfeife und begann zu schmauchen.
»Nun, ich hatte ihn gewarnt. Der Watz ist Gunselmirs durchtriebenste Kreation. Seine Erscheinung ist trügerisch. Nicht viel mehr als ein kleiner Fellball, flauschig, ein bisschen niedlich sogar. Aber sein Wesen ist niederträchtig. Ein Raubtier, von tödlichem Instinkt getrieben, verschlingt er alles, was seinen Weg kreuzt. Ihr werdet mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen müssen.«
Silia hörte, wie Tulmur neben ihr schwer schluckte.
»Ich werde euch eine Abschrift der Karte zu Gunselmirs Wald anfertigen, so dass ihr morgen früh aufbrechen könnt.«
»Ja, Meister Thorbad«, sagte Tulmur und erhob sich.
»Hast du noch Fragen, Silia?« wollte Meister Thorbad wissen.
»Ja, Meister. Ich weiß nicht, ob ich Euch richtig verstanden habe, aber wollt Ihr, dass Tulmur und ich den Watz fangen?«
»So ist es, mein Kind.«
»Und… ich meine, wie sollen wir das anstellen? Ich weiß ja gar nichts über diesen Watz oder diesen… Gunselmir.«
»Ah, natürlich. Wo habe ich nur meinen Kopf. Tulmur, setz dich wieder hin. Ich muss euch noch einiges erzählen.«
»Ja, Meister«, sagte Tulmur und setzte sich wieder.
»Wo fangen wir an? Nun gut, Gunselmir. Gunselmir war ein recht begabter Zauberer, der sich dem Studium der Kreaturen verschrieben hatte. Ein sehr interessantes Feld. Irgendwann jedoch war ihm das Studium der bekannten Kreaturen nicht mehr genug und er begann mit der Schöpfung neuer Wesen. Es lässt sich anhand seiner Aufzeichnungen gut nachvollziehen, dass er sehr bald den Verstand verloren haben muss, denn er begann die aberwitzigsten Kreuzungen und Schöpfungen. Sein Meisterwerk ist der wilde Watz. Wir müssen davon ausgehen, dass er den Watz erschuf, lange Zeit nachdem er seinen letzten klaren Gedanken hat fassen können. Genau das macht die Kreatur so unberechenbar und gefährlich – und genau deswegen muss ich sie haben.«
»Und was ist aus diesem Gunselmir geworden?« hakte Silia nach.
»Er ist tot, so weit ich weiß. Vermutlich hat ihn eine seiner Kreaturen verspeist, womöglich war es der Watz höchstselbst.«
»Gibt es denn in Gunselmirs Wald noch mehr gefährliche Geschöpfe?« wollte Silia wissen.
»Jede Menge. Ihr werdet auf der Hut sein müssen. Aber jetzt haben wir genug geplaudert. Ihr solltet euch noch einmal gut ausruhen vor eurer Reise.«
Silia wollte noch etwas sagen, aber Tulmur fuhr ihr ins Wort. »Ja, Meister Thorbad. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, ihr beiden«, sagte Meister Thorbad und schlug eines der Bücher auf seinem Schreibtisch auf.
Tulmur ergriff Silias Arm und führte sie eiligen Schritts aus dem Studierzimmer seines Meisters. Erst auf der Treppe ließ er sie wieder los.
»Ich hätte ihm schon gerne noch ein paar Fragen gestellt«, begann Silia, aber Tulmur sah sie scharf an.
»Du kannst von Glück reden, dass er dich nicht in eine Kröte verwandelt hat. Weißt du denn nicht, wer das ist?«
»Meister Thorbad? Woher denn? Ich habe heute das erste Mal von ihm gehört. Was ist denn mit ihm?«
»Das will ich dir sagen: Meister Thorbad kam vor vielen Jahren in dieses Tal. Wo seine Heimat ist, weiß ich nicht genau, aber man sagt, er käme aus einem Reich, weit im Westen. Er hat sich in diesem Tal niedergelassen und dem himmlischen Herrscher eine Nachricht zukommen lassen, dass er kundiger Baumeister bedarf, die ihm einen Turm errichten. Und weißt du, was der himmlische Herrscher geantwortet hat?«
»Nein.«
»Er hat die Baumeister geschickt und seine Hoffnung auf gutnachbarschaftliche Verhältnisse zum Ausdruck gebracht. Das ist ein wenig merkwürdig, wenn man bedenkt, dass der himmlische Herrscher dieses Tal als sein Lehen betrachtete, findest du nicht?«
»Woher soll ich das wissen?« sagte Silia. »Ich weiß ja nicht, was Herrscher, himmlisch oder nicht, sonst so machen. Und ich weiß auch nicht, was ein Lehen ist.«
»Ein Lehen ist ein Stück Land, das der Herrscher einem Getreuen überträgt, damit dieser es für ihn bewirtschaftet und ihm einen Teil der Erträge zukommen lässt. Aber es kommt noch besser. Meister Thorbad hat dem himmlischen Herrscher ausrichten lassen, dass er überhaupt keinen Wert auf nachbarschaftliche Beziehungen legt und dass er wünscht, in Ruhe gelassen zu werden. Darauf schickte der himmlische Herrscher einen Trupp Soldaten.«
»Und was ist dann passiert?«
»Was dann passiert ist? Nun, die Soldaten sind immer noch hier. Sie wohnen unten in den Ställen.«
»Bei den Tieren?«
»Nein, nicht bei den Tieren. Sie sind die Tiere.«
»Oh«, sagte Silia.
»Ja, in der Tat. Oh! Wunder weiß, was Meister Thorbad an dir für einen Narren gefressen hat, aber zu deinem eigenen Wohlergehen rate ich dir, ihm niemals wieder zu widersprechen.«
»Ich werde es mir merken. Aber wieso bist du so böse mit mir?«
»Weil ich dich gebeten habe, in der Küche auf mich zu warten. Jetzt sieh dir an, in was für einen Schlamassel du uns gebracht hast. Wir reisen in Gunselmirs Wald und werde dort von einem kleinen Fellknäuel verspeist. Ich hatte mir mein Ende etwas anders vorgestellt, wenn ich ehrlich sein soll. Und außerdem finde ich, dass wir beide zu jung sind, um zu sterben.«
Sie hatten den Fuß der Treppe erreicht und kehrten in die Küche zurück.
»Das tut mir leid«, sagte Silia nach einer Weile.
»Naja, es ist ja nicht deine Schuld. Aber du solltest besser auf mich hören. Wenn wir diesen Ausflug überleben wollen, musst du darauf hören, was ich dir sage. Es ist mir ernst.«
»Ja, Tulmur. Entschuldigung.«
»Gut. Ich werde jetzt einen Käfig aus dem Keller holen und auf den Karren laden. Dann muss ich ins Dorf runter und uns ein Pferd besorgen. Du kannst in der Zwischenzeit den Ofen anfeuern, damit wir ein paar frische Brote backen können. Schließlich muss der Meister ja essen, wenn wir nicht da sind.«
»Aber er hat doch gesagt, wir sollen uns ausruhen.«
»Gesagt hat er das, Silia. Aber was der Meister sagt und was er wünscht ist nicht immer das Gleiche. Kannst du Brot backen?«
»Ja«, sagte Silia. »Großvater hat mir gezeigt, wie das geht.«
»Sehr gut. Ich bin bald zurück.«
»Tulmur?« sagte Silia, bevor dieser die Küche verließ.
»Ja? Was ist?«
»Den Esel hat Ruffnûk in Gunselmirs Wald gefunden, glaube ich«, sagte Silia. »Vielleicht kann er uns hinführen. Er sieht recht kräftig aus. Bestimmt kann er den Karren ziehen. Dann brauchst du nicht ins Dorf und kannst dich ein wenig ausruhen.«
Tulmur überlegte kurz. Dann lächelte er endlich wieder. »Das ist ein guter Plan. Ich hole den Käfig.«
*
Silia holte das erste Brot aus dem Ofen und schob ein neues hinein, als Tulmur zurückkehrte. Den Brotteig zu kneten hatte sie ein wenig beruhigt. Sie wollte Tulmur auf keinen Fall zeigen, wie sehr sie von Angst erfüllt war. Während sie weiter buk, packte Tulmur einige Vorräte zusammen. Mehrere Laibe Brot, einen schönen, saftigen Räucherschinken, ein paar eingelegte Fische, einen Beutel mit Äpfeln und kleine Küchlein. Silia fand es merkwürdig, hier mit ihm in der Küche zu sein und kein Wort zu sprechen, aber sie hielt es für besser, ihren Mund zu halten. Für eine Weile wenigstens. Schließlich hielt sie die Stille aber nicht mehr aus.
»Ich glaube, ich verstehe jetzt, was du meinst.«
»Hm?« sagte Tulmur geistesabwesend.
»Du hast doch gesagt, Meister Thorbad sagt Dinge und meint dabei etwas ganz anderes.«
»Ja. Und?«
»Als er gesagt hat, er möchte niemanden in den sicheren Tod schicken, da hat er was anderes gemeint, oder?«
»Ich fürchte, ja.«
»Also werden wir sicher sterben?«
Tulmur seufzte. »Setz dich einen Augenblick zu mir«, sagte Tulmur, während er selber am Tisch Platz nahm. »Weißt du, Silia, wenn Meister Thorbad nicht einen Weg sehen würde, dass wir es schaffen können, dann würde er uns nicht dorthin schicken.«
»Dann können wir es schaffen?«
»Ich weiß es nicht. Ich sehe nämlich keinen Weg.«
»Aber wenn er doch einen Weg sieht, warum sagt er dir dann nicht einfach, wie du es anstellen sollst, den Watz zu fangen?«
Tulmur holte tief Luft. »Ach Silia. Zwölf Sommer alt und schon blitzgescheit. Dir kann man nichts verheimlichen, was?«
»Wie meinst du das?«
»Nun, die Lage ist noch ein wenig verzwickter, als du ahnst. Ich bin nicht als Hausangestellter hier, musst du wissen. Ich bin Meister Thorbads Lehrling.«
»Du bist auch ein Zauberer?«
»Nein, leider. Meister Thorbad sagte mir, ich hätte großes Talent. Wie er darauf kommt, weiß ich leider nicht, denn ich spüre von diesem Talent leider gar nichts.«
»Dann kannst du also nicht zaubern?«
»Nicht mal ein kleines bisschen. Leider.«
»Und was sagt Meister Sorb… der Meister dazu?«
»Er sagt, es wird eines Tages passieren. Ich werde zaubern und dann kann meine Ausbildung beginnen.«
»Und du glaubst ihm nicht.«
»Doch, doch, sicher. Wenn er sagt, dass ich Talent habe, dann wird es wohl so sein. Warum sollte er sich das ausdenken? Ich habe nur meine Zweifel, dass es mir eines Tages einfach so gelingen wird zu zaubern. Ich habe leider überhaupt keine Ahnung, wie das gehen soll.«
»Vielleicht musst du dich einfach ganz doll anstrengen«, schlug Silia vor. »Oder genau zugucken, wenn Meister Thorbad zaubert.«
»Vielleicht muss ich einfach nur gut schlafen«, lachte Tulmur. »Komm, wir wollen dir ein Lager bauen. Vor uns liegt ein anstrengender Tag.«

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