Silia und der wilde Watz (1)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

(Kapitel 1) Der Winter ist vorüber

Silia stand am Rand der Wiese, wo die Felsen steil in die Tiefe stürzten, und fühlte sich frei wie ein Vogel. Noch immer lag Schnee auf den hohen Halmen des Grasmeeres und glitzerte wie Diamanten und Rubine im Licht der Abendsonne. Ebenso wie der Schnee auf ihrer kleinen Wiese hoch oben in den Bergen tauten die weißen Flächen des Grasmeeres allmählich auf. Noch zwei, vielleicht drei Tage und die Pferdemenschen würden aus ihrem Winterquartier in den Maolë-Bergen  aufbrechen und ihre Herden wieder zum Grasen und Spielen durch das blaugrüne, saftige Gras jagen. Die Zugvögel würden aus dem Süden zurückkehren und das ganze Land mit ihren Liedern erfreuen. 

So manches Mal war Silia in ihren Träumen über den Rand gehüpft und über die sanft geschwungenen Hügel mit dem schulterhohen Gras geflogen, bis zu den Heiligen Stätten der Pferdemenschen, den Maolë-Bergen inmitten des Grasmeeres, die wie die Finger einer Hand aus dem Boden ragten. Natürlich wusste Silia, dass sie nicht fliegen konnte und sprang deshalb in Wirklichkeit auch nicht, aber im Traum darf man schließlich alles.

Hinter sich hörte Silia ihre Ziegen. Sie schien das Ende des Winters ebenso zu erfreuen wie Silia und sie grasten fröhlich schmatzend und meckernd auf den grünen Flecken der Wiese. Aber sie hielten Abstand zum Rand, seit letztes Jahr eine von ihnen in die Tiefe gestürzt war. Wer auch immer sagte, Ziegen seien dumm, wusste einfach nicht wovon er sprach, fand Silia.

So hielten sich die meisten der sechzig Böcke und Zicken in der Nähe des kleinen Beckens auf, das die Wasser aus den Bergen im Süden einfing und in einen schmalen Bach weiterleitete, der ein wenig rechts von Silia sinnlos über den Rand in die Tiefe plätscherte. Silia versuchte die Stelle auszumachen, ab der man das Wasser nicht mehr sehen konnte. Sie verbrachte viel Zeit mit solchen Dingen, denn es gab nicht viel anderes zu tun außer zu träumen und mit merkwürdigen Experimenten die Welt zu entdecken. Ab und zu legte sie kleine Äste in den Bach und zählte im Stillen, wie lange diese fielen, bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Manchmal ließ sie auch Steine in den Abgrund fallen und zählte, bis sie ganz leise den Aufprall hörte. Meistens hörte sie aber nichts. Sehen konnte sie den Grund am Fuße der Klippen nur selten und an ganz klaren Tagen, denn die Sonne erreichte ihn nur im Sommer, in den späten Abendstunden. Aber sie versuchte es dennoch jeden Tag aufs Neue und sie war sich sicher, dass ihre Augen im Lauf der Jahre viel schärfer geworden waren, als die aller anderen aus ihrem Dorf.

Früher, als sie noch auf den Ziegen reiten konnte, hatte sie oft gespielt, sie sei ein Pferdemensch und flog auf ihrem Tier durch die Weiten des Grasmeeres, aber seit mehr als zwei Jahren war sie selbst für Sosso, den größten Bock, zu schwer. Seitdem verbrachte sie die meiste Zeit damit, die Gegend zu betrachten und sich auszudenken, was in dieser ihr fremden Welt alles ohne ihr Wissen geschah.

Von ihrem Großvater wusste sie, dass dort unten, am Fuß der Klippen, eine Straße von einer Stadt namens Perm, die weit im Osten  hinter den Bergen lag, zu einer Stadt im Westen namens Masurta führte, in der ein mächtiger König lebte. Großvater hatte auch gesagt, dass dieser König der Herrscher über alle Länder sei, die sie sehen konnte, aber es fiel ihr schwer sich das vorzustellen.

Die Schatten der Bäume auf der Wiese wurden allmählich länger, weil die Sonne sich im Westen, dort wo der König lebte, senkte.

»Jetzt wird aber schnell aufgegessen«, rief sie den Ziegen zu. »Gleich geht es nach Hause.«

Silia wollte eben zur alten Kiefer gehen, unter der ihr Bündel lag, als sie unten am Fuß der Klippen Lichter sah. Sie legte sich flach auf den Bauch und starrte angestrengt in die Tiefe. Es waren tatsächlich Lichter. Laternen, wie sie nach einer kurzen Weile feststellte, nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit dort unten ein bisschen gewöhnt hatten. Sie kniff die Augen noch etwas mehr zusammen, denn meistens half ihr das, besser zu sehen. Dort unten waren Menschen. Silia zählte acht Leute auf Pferden, die gemütlich vor einer großen Gruppe Fußvolk hertrabten. Sie wollte die Leute zählen, aber irgendwas machte es ihr unmöglich, ihren Blick von den acht Reitern an der Spitze des Zuges zu lösen. 

Sie ritten jeweils zu zweit nebeneinander. Ganz vorne waren ein großer Mann auf einem kräftigen Pferd und ein kleiner Mann, dessen Pferd anmutig und elegant dahintrabte. Der große Mann trug Metall am ganzen Körper, eine Rüstung, wie Silia wusste, seit sie letzten Monat mit ihrem Großvater auf dem Markt in Potabor gewesen war, um dort Ziegenhaardecken zu verkaufen. Ihr Großvater verkaufte die Decken immer am Anfang des letzten Wintermonats, weil er dann die höchsten Preise erzielen konnte. »Dann frieren sie schon zwei Monate und geben alles für gutes Ziegenhaar«, hatte er gesagt. Potabor war eine kleine Stadt am Fuße der Klippen, eine Tagesreise Richtung Westen, dort, wo der Pfad von den Hochalmen auf die Straße traf. In Potabor gab es ein großes Haus hinter einer Mauer aus Stein, wo die Soldaten des Königs lebten, und einer dieser Soldaten, der den anderen ständig gesagt hatte, was sie tun sollten, hatte ein langes Kleid aus kleinen Metallringen getragen.

Der große Mann dort unten auf der Straße aber war vollständig in Metall gekleidet. Auch er trug ein Kleid aus Metallringen, dazu eine Hose, die ebenso beschaffen war. An den Armen und Beinen waren Schienen aus verziertem Metall angebracht und seine Brust war von einem mächtigen Panzer bedeckt. Silia konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Art von Kleidung bequem sein könnte.  Im Übrigen verstand sie den Sinn hinter Kleidern aus Metall überhaupt nicht.

Der Mann, der neben ihm ritt, sah aus wie ein gewöhnlicher Jäger und hielt eine Laterne in der rechten Hand. Die beiden schienen in ein Gespräch vertieft zu sein. Doch als Silia sich wieder dem Zählen der Menschen, die zu Fuß hinter den Reitern liefen, widmen wollte, hob der Jäger die Hand. Augenblicklich hielten alle an und Silia konnte die Unruhe der Gruppe bis zu ihrer Wiese spüren. Dann zeigte der Jäger mit der linken Hand nach oben in Silias Richtung und sie schob sich vorsichtig zurück.

Eine Weile lag sie schwer atmend auf dem Bauch. Der Mann hatte sie bemerkt! Wie war das möglich? Er konnte sie nicht gesehen haben, weil er ja immer nur geradeaus oder zu dem großen Metallmann neben sich geschaut hatte. Wie also dann?

»So, genug für heute«, rief sie den Ziegen zu. »Es geht nach Hause.«

Sie holte ihr Bündel unter der Kiefer ab und folgte dem verschlungenen Pfad bergab zu ihrem Dorf. Die Ziegen trotteten meckernd hinterdrein.

*

Aus dem großen Kessel über dem offenen Feuer dampfte es und der Raum war erfüllt vom Duft nach Beeren, Kräutern und Ziegenfleisch.  und auf den heißen Steinen neben den züngelnden Flammen lag ein Laib Brot. Silias Großvater saß neben dem Kessel und rührte gedankenverloren darin herum. Das Geräusch der zugeschlagenen Tür ließ ihn aufhorchen.

»Silia«, sagte er. »Ich habe dich gar nicht kommen hören. Die Suppe ist fertig und das Brot braucht auch nicht mehr lang. Wie war dein Tag?«

»Ich habe Leute gesehen. Reiter. Soldaten. Und Fußvolk.«

Silias Großvater lächelte. Er kannte ihre Geschichten nur zu gut.

»Sind die Ziegen im Stall?«

»Ja, Großvater«, antwortete sie. Dann sprudelte es aber aus ihr heraus. »Aber da waren wirklich Menschen. Soldaten. Sie kamen aus den Bergen im Osten. Acht saßen auf Pferden. Sie hatten Rüstungen an. Einer sogar am ganzen Körper. Nur einer nicht. Der sah ganz normal aus. Wie ein Jäger.«

»Beruhige dich«, lachte Großvater. »Wo hast du sie gesehen?«

»Unten, auf dem Schattenweg. Hinter den Reitern gingen eine ganze Menge Leute. Sie hatten Speere und Bögen.«

Großvater runzelte die Stirn.

»Bist du sicher? In welche Richtung gingen sie?«

»Richtung Westen. Wohin sonst? Ich habe dir doch gerade gesagt, dass sie aus dem Osten kamen. Wo sollen sie da schon hingehen?«

Großvater senkte den Blick und starrte in die Flammen. Dabei schüttelte er sanft den Kopf.

»Es ist die Wahrheit«, sagte Silia, die diesen Blick kannte.

»Ich glaube dir«, sagte Großvater. »Ich frage mich nur… «

»Was fragst du dich?«

»Wohin sie wollen… ist die Zeit gekommen?«

»Wovon redest du? Welche Zeit ist gekommen?«

Großvater musste schwer schlucken, bevor er antwortete.

»Als wir vergangenen Monat in Potabor waren, saß ich mit ein paar Reisenden beisammen in der Schänke. Du hast schon geschlafen. Sie erzählten davon, dass der König seine Soldaten zusammenzieht.«

»Warum?« 

Großvater schluckte abermals schwer, als hätte er einen Kloß im Hals.

»Sie sprachen von einem Krieg, der nicht mehr abzuwenden sei. Sie sagten, wenn der Winter zu Ende wäre, würden die Soldaten aus Throbsil und Perm kommen, um die jungen Männer aus den Dörfern zu holen.«

»Krieg? Was für ein Krieg?« wollte Silia wissen.

»Sie sagten, dass der Dimahr von Tsadh, der himmlische Herrscher, Dörfer im Süden des Königreiches überfallen lässt und dass der König darauf antworten müsse.«

Silia begann zu frösteln. Diese Geschichte kam ihr nur zu bekannt vor. Vor zwölf Jahren, kurz nach ihrer Geburt, waren Männer in das Dorf gekommen und hatten ihre Eltern mitgenommen: Soldaten des himmlischen Herrschers. Kurz darauf waren andere Männer gekommen, Soldaten des Königs von Masurta, und hatten alle im Dorf befragt. Drei von ihnen waren für zwei Jahre geblieben und hatten von den Erträgen der Dorfbewohner gelebt wie Maden im Speck. Dann gingen sie wieder und niemand sprach mehr über die Angelegenheit. Außer ihrem Großvater, natürlich. Erinnern konnte sie sich daran nicht.

»Was meinst du damit? Wie muss der König antworten?«

»Er zieht seine Soldaten zusammen, um gegen den himmlischen Herrscher zu kämpfen.«

»Aber warum denn?«

»Tja, warum! Warum ziehen Menschen in den Krieg?«

»Woher soll ich das wissen?« sagte Silia entgeistert. 

»Lass uns essen«, sagte Großvater.

*

Silia lag lange wach in dieser Nacht. Großvater hatte während des Nachtmahls geschwiegen und ihr nach dem Essen ihr Lager in der Nähe des Feuers bereitet. Er hatte sogar vergessen, Silia daran zu erinnern, sich mit ihrer Murka-Wurzel die Zähne zu reinigen, weshalb diese sich ganz rau anfühlten, wenn sie mit der Zunge darüberfuhr. Außerdem hatte sie einen ekligen Geschmack im Mund, weil ein Stück Ziegenfleisch zwischen ihren Zähnen steckengeblieben war. Aber jetzt hatte sie keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Ihre Gedanken kreisten um Großvaters Worte. Die Sache mit dem Krieg bekam sie einfach nicht mehr aus ihrem Kopf. Warum wollte Großvater ihr nicht erklären, warum Menschen Krieg führten? Wusste er es selber nicht? Oder traute er sich nicht, es ihr zu verraten? Aber warum? Würden wieder Soldaten in das Dorf kommen und die jungen Männer mitnehmen? 

Warum nur nehmen die immer die Männer mit? fragte Silia sich. Können Frauen etwa keine Krieger sein? Das ist ungerecht.

Und während sie sich überlegte, ob sie sich nicht als Mann verkleiden könnte, um auch in den Krieg gegen den himmlischen Herrscher zu ziehen, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

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