Kibarak und der Erzähler der Nacht (2)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

Kapitel 2 – Der Auftrag

Es war die erste Stunde nach Sonnenaufgang, aber noch immer lag die Stadt im Zwielicht der Dämmerung. Die Sonne hatte es noch nicht geschafft sich über die hohen Wolken des Sandsturms im Osten zu erheben. Kib fragte sich noch immer, was es war, dass ihn diesen Ort hatte aufsuchen lassen, denn dies war der Aussichtsbalkon, von dem aus die Laufburschen das Herannahen der Karawanen erwarteten. Aus dem Osten würde heute nichts kommen, soviel war sicher, außer vermutlich noch mehr Sand. Eine Karawane aus dem Westen vielleicht, aber die trafen immer erst gegen Abend ein, denn es dauerte einen ganzen Tag von der Oase zwischen Mecardir und den Morgenbergen. Für gewöhnlich erreichten die Karawanen aus Thangerok diese Oase am frühen Morgen und ruhten dann im Schatten der Palmen bis zur Abenddämmerung.. Dann brachen sie auf und erreichten am folgenden Abend Mecardir. Im Süden verhielt es sich ganz ähnlich und aus dem Norden kam nur alle zwei Jahre eine Karawane und die letzte war vor einem knappen Jahr dagewesen. Was also hatte ihn hierher geführt? Allmählich wurde Kib ungeduldig, denn das Kribbeln in den Schläfen war wieder da.

Der Sand aus dem Osten lag als feine Schicht auf der Balustrade des Balkons, hinter der der Hang zur ersten Terrasse steil hinabfiel. Auch die Zelte des Basars waren mit dem rötlichen Sand bedeckt. Kib konnte sich das Fluchen der Händler ausmalen, wenn diese am späten Nachmittag ihre Stände öffneten. Dann würden sie den Sand von ihren Zelten auf die frisch gekehrte Terrasse klopfen und es wäre an den Straßenkehrern, lauthals zu fluchen.

Eine ganze Weile stand Kib einfach nur da und fragte sich, ob sein Gefühl wirklich eine Vorahnung wäre, oder aber nur eine Erkältung, denn nachts wehen auch in Mecardir bisweilen kalte Winde. Vielleicht wäre weiterschlafen doch die bessere Art gewesen, die Zeit rumzukriegen. Aber dann erhellte sich die Wüste im Westen bis hin zu den Morgenbergen und ihren glühenden Gipfeln, als hätte jemand eine Laterne entzündet. Die Sonne hatte sich über die Wolken des Sandsturms erhoben und wärmte den Sonnenberg und die Luft wie ein Lagerfeuer in kalter Nacht.

Kib schloss die Augen und genoss die Wärme, denn der Ostwind war nicht nur sandig sondern auch sehr kühl gewesen. Nachdem er sich das Gesicht hatte wärmen lassen, öffnete er seine Augen wieder und betrachtete den Sandsturm in der Ferne. Noch war keine Veränderung zu sehen. Die Erfahrung aber lehrte, dass die Wolken sich am Nachmittag auflösen würden. Wenn eines in Mecardir sicher war, dann dass alles immer so war wie es eben immer war. 

Langsam wandere Kibs Blick in Richtung Süden. Dort, am Fuß des Sonnenberges, lag ein großer Palmenhain. Dieser üppige Wald war der letzte Flecken Grün vor dem braunen Ockergelb der endlosen Wüste. In den Städten, die mit Mecardir Handel treiben, erzählt man sich übrigens, die Bewohner der Wüste hätten siebenunddreißig verschiedene Wörter für die Farbe des Wüstensandes. In Mecardir lacht man über diese Legende, denn hier weiß ein jeder, dass die Farbe des Wüstensandes braunes Ockergelb ist. In diesem Palmenhain lagen die großen Lagerhallen der Karawanserei der in jeder Hinsicht mächtigen Menrika. Und dort fiel Kib etwas auf. Trotz der frühen Stunde war reger Betrieb in der Karawanserei. Das fand Kib sehr interessant und noch interessanter fand er, dass er die große Sänfte der wahrhaft mächtigen Menrika erblickte, wie sie von zwölf Bediensteten durch den von den Winden der Nacht verwehten Sand geschleppt wurde. Vermutlich beabsichtigte die wirklich sehr mächtige Menrika, die Mitarbeiter ihrer Karawanserei einer Überprüfung zu unterziehen, um sich zu vergewissern, dass dort angemessen gearbeitet wurde. Die Karawanenmeister taten das gelegentlich. Dann aber sah Kib die flachen Wölkchen am Horizont. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete sie genau. Ein leichtes, rhythmisches Pulsieren, wie es nur die Laufburschen aus Mecardir sehen und verstehen können, verriet ihm das Unglaubliche: eine Karawane aus Süden war unterwegs nach Mecardir und würde noch vor dem Mittag eintreffen.

Kib war völlig aus dem Häuschen. Sein Gefühl hatte ihm gesagt, dass etwas ganz und gar außergewöhnlich Besonderes geschehen würde und nun sah er es mit eigenen Augen. Eine Karawane aus Mogaranoë die bereits mittags eintreffen würde. Das war fantastisch. Kib war sehr froh, ein solch wertvolles Gefühl sein eigen nennen zu dürfen. Im Stillen bedankte er sich bei denen, die Mecardir und den Rest der Welt geschaffen hatten für ein derart kostbares Geschenk und plante seine nächsten Schritte, denn er wollte in jedem Fall der erste Laufbursche sein, den die Karawanserei-Vorarbeiter mit Aufträgen versorgten. Die ersten Aufträge waren meistens die lukrativsten.

Während er noch grübelte, ob er die zweite Terrasse über die Südtreppe verlassen sollte, oder aber über die schmale Treppe im Westen, und zur Unterstützung seines Grübelns den Blick zwischen den beiden Himmelsrichtungen hin- und herschweifen ließ, erblickte er in westlicher Richtung eine weitere Wolke. Es dauerte eine Weile ehe Kibarak bemerkte, dass sein Mund offenstand. Nicht nur kamen gleich zwei Karawanen an einem Tag, was für sich betrachtet schon ungewöhnlich war. Nein, sie kamen auch zur gleichen Zeit und beide über einen halben Tag zu früh. Es waren Begebenheiten wie diese, aus denen die Erzähler des Abends die Fäden spannen, die sie zu den Teppichen ihrer Geschichten verwoben. 

Kib hustete den Sand aus, der ihm in den offenen Mund geflogen war, und überdachte die Sache neu. Das Eintreffen beider Karawanen verlangte von ihm, dass er sich entschied, zu welcher der Karawansereien er sich als erstes begeben würde. Die Karawane aus Mogaranoë kam seltener als die aus Thangerok, aber die aus Thangerok war meist größer und führte kostbarere Waren mit sich. Andererseits hatte er die Karawane aus dem Süden dank seines kostbaren neuen Gefühls früher entdeckt…

Tja, so sind sie, die Sorgen und Gedanken der Bewohner von Mecardir. Es sei nebenbei bemerkt, dass es in diesem Fall den Bewohnern anderer Städte ganz ähnlich geht. Jede Veränderung des Alltäglichen verursacht überall auf der Welt Aufregung. So ist es sicher zu verstehen, warum die Bewohner von Mecardir ihre Stadt als die aufregendste der ganzen Welt bezeichnen, denn ihre Welt erstreckt sich von Nord nach Süd, von Ost nach West, von Horizont zu Horizont, oder andersherum, je nachdem. Und von diesem Standpunkt aus betrachtet ist Mecardir ganz objektiv eine ziemlich aufregende Angelegenheit.

Unser Freund Kib entschied sich für die Karawane aus Thangerok, denn ihm gefiel der Abstieg über die Westtreppe einfach besser. Diese wand sich den Hang entlang, vor und zurück, hin und her, und führte schließlich zum Aquädukt. Über den Aquädukt floss Wasser aus dem Quellenberg über die Schlucht nach Süden, um die Plantagen am Fuße des Westhanges des Sonnenberges zu versorgen. Am Ostende der Schlucht gab es ebenfalls einen Aquädukt, aber dieser hier im Westen war schöner, denn er führte unterhalb des Palmenwaldes am Eingang der Schlucht vorbei. Schließlich erreichte Kib das Ende der Treppe, über der feiner Wassernebel in allen Farben schillerte. Kib hielt kurz inne, um diese wunderbare Luft einzusaugen. Er ließ seinen Blick nach Norden schweifen, über die Ruinen des alten Fürstenpalastes oberhalb des Aquäduktes, zerstörte Mauern aus einer Zeit vor der Herrschaft der Karawanenmeister. Und plötzlich bekam er weiche Knie.

Zunächst glaubte er an eine Sinnestäuschung. Der feine Wassernebel gaukelte ihm eine weitere Staubwolke vor, so glaubte er. Aber dem war nicht so. Es war tatsächlich eine weitere Karawane und diese war nicht etwa einen halben Tag zu früh dran, sondern ein ganzes Jahr. 

In diesem Augenblick geschah etwas mit Kib. Bis zu diesem Anblick hatte er sich gefreut, war stolz und dankbar, dass seine Sinne ihm gute Dienste taten und ihn zu nachtschlafender Zeit auf Weg geschickt hatten. Aber nun begann er zu zweifeln. Nicht nur geschahen derlei Dinge der besonderen Art niemals, es ging ebenso wenig an, dass ein junger Laufbursche dies bereits am Abend zuvor in den Gliedern spürte. Und dann bemerkte er ein weiteres Kribbeln, diesmal im linken Fuß. Ihm war, als hörte er das Rauschen des Wassers auf dem Aquädukt mit einem Mal anders als zuvor. Leiser, irgendwie entfernter, obwohl das unmöglich war, denn inzwischen fühlte er die feinen Tröpfchen auf seiner Haut. Dennoch hörte er über das Rauschen hinweg den Gesang der Vögel von den bewaldeten Hängen des Quellenberges und tief in seinem Bauch spürte er die regelmäßigen, schweren Schritte der Kamele, die den Händlern die Waren durch die Wüste trugen. 

Kib presste sich an den Hang, um von diesen Eindrücken überwältigt nicht in die Tiefe zu stürzen. Er hatte keine Ahnung, was hier geschah, aber für ihn gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder war ihm der Kamelschinken vom vorigen Abend nicht bekommen oder in Mecardir waren Dinge in Gang geraten, die die Stadt veränderten. In diesem Zusammenhang zog er eine dritte Möglichkeit in Betracht, nämlich, dass etwas anderes als der Kamelschinken ihn veränderte.

Sei wachsam, sagte er sich. Ganz gleich, was es ist, ich oder die Stadt, vielleicht bedeutet es nichts Gutes.

Den Rest der Treppe ging er mit Bedacht hinab, in sich hineinhörend, ob seine neuen Gefühle ihm etwas mitzuteilen gedachten. Aber dem war nicht so. Lediglich sein linker Fuß fühlte sich an, als würde er jeden Augenblick einschlafen.

Am Fuß der Treppe nahe des Eingangs zur Schlucht war ein kleiner Platz um eine der Säulen des Aquäduktes. Um die Säule herum stand ein verrottetes Gerüst. In der Stadt erzählte man sich, dieses Gerüst stehe dort bereits seit über hundert Jahren. Ursprünglich, so erzählte man sich, habe man die Säulen des Aquäduktes mit Ornamenten und Bildern verzieren wollen, habe sich dann aber dagegen entschieden. Die Begründung lautete, dass man sich selbst an den verworrensten und verspieltesten Details irgendwann satt gesehen hätte, so dass die einfache Schlichtheit der Säulen diesem Zustand nur vorweg griff. Ein Erzähler des Tages hatte Kib und den anderen Kindern das erklärt und damals hatte Kib das ganz einleuchtend gefunden. Jetzt ließ es ihn schaudern.

Er lenkte seine Schritte über den Platz, vorbei an den Stufen, die in den Palmenwald hinabführten, aus welchem die Palmblattpflücker seine Eltern mit den Palmblättern versorgten, die sie zu Körben, Taschen, Hüten oder Matten verflochten. Die Palmblätter, aus denen seine Mutter das abendliche Palmblattmus zu kochen pflegte, kamen aus dem Palmenwald bei den Ruinen. 

Die schmecken einfach besser, wusste seine Mutter.

Kib wurde übel. Es war nicht jene Art von Übelkeit, die einen nach der dritten Schüssel Palmblattmus überfällt, oder wenn man ausrutscht und mit dem Gesicht in einem frischen Kamelfladen landet. Auch war es nicht jene Übelkeit, die er verspürt hatte, als Herayas Vater sich beim letzten Blumenfest nach viel zu viel Dattelschnaps von draußen durch Kibs Fenster übergeben hatte. Diese Übelkeit war schlimmer. Ihm war übel, weil die Dinge um ihn herum anders aussahen, als sie das am gestrigen Abend getan hatten. Alles schien verändert, obwohl sich nichts geändert hatte, und solche Dingen können einem ganz schön übel werden lassen. Außerdem wusste Kib nicht, was er dagegen tun konnte.

Er lehnte sich an eine Hauswand, weil ihm vor lauter Übelkeit schwindelig geworden war. Was waren denn das für furchtbare Gedanken? Sicher, manchmal fragte er sich schon, ob es in den anderen Städten, die er nur dem Namen nach kannte, nicht auch ganz schön wäre. Aber noch nie hatte er an den Worten der Erzähler des Abends und des Tages gezweifelt, dass Mecardir die aufregendste Stadt der Welt wäre. Wie konnte man daran zweifeln? Wie?

Kibarak stolperte weiter, vorbei an den Herbergen, deren Betreiber von der Ankunft der Karawanen noch nicht einmal etwas ahnten. Gab es eigentlich überhaupt genügend Herbergen in der Stadt für drei Karawanen?

Kib wurde noch mulmiger. Er ließ sich für einen Moment an einer Hauswand nieder und legte den Kopf zwischen die Knie. Noch immer hörte er das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Wassers auf dem Aquädukt und das gleichmäßige Schreiten der Kamele. Dann hörte er ein Plätschern, ein Knacken, ein Knarren, noch mehr Plätschern, Stimmen, Gekicher, Gelächter, immer mehr Geräusche, die von überall zu kommen schienen, und doch von nirgendwo.

Schweiß trat ihm auf die Stirn und er schloss die Augen. Aber dennoch sah er weiter Bilder. Ein Kamel, wie es im Gleichklang zu dem Trappeln in seinem Kopf durch den Sand stakste. Auf dem Kamel saß ein Reiter, das Gesicht bis auf die Augen verhüllt. Plötzlich blickte der Mann auf, Kib direkt in die Augen. Fremde Laute, beinahe singend, drangen durch den Mundschutz an Kibs inneres Ohr. Er verstand die Bedeutung nicht, aber er fand, dass es überrascht klang.

»Kib?«

Kibarak zuckte zusammen und er stieß einen gepressten Schrei aus.

»Kib!? Was ist mit dir?«

Vorsichtig öffnete Kib seine Augen.

»Hast du die Sterne studiert?« fragte der Mann, der über ihm stand und auf ihn hinabblickte.

»Fahsid?« fragte Kib, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich hier war und nicht etwa doch noch schlief und tatsächlich alles mit dem Kamelschinken zusammenhing.

»Ja, ich bin es. Fahsid, dein Freund. Fahsid, dein Geschäftspartner. Ich sehe, dir ist nicht wohl und dennoch kommst du zu mir? Zu dieser Stunde?«

Kib sah sich um. Er kannte diesen Ort. Und er kannte die Hauswand, an der er hinabgesunken war. Er befand sich auf dem Platz der Makler der Karawanserei West und saß neben dem Eingang zum Haus von Fahsid, dem Makler, der ihn oft mit Aufträgen versorgte.

»Tritt ein«, sagte Fahsid und reichte Kib die Hand. Kib ergriff sie und ließ sich von Fahsid auf die Beine helfen, bevor dieser ihn ins Haus führte.

Kib nahm auf einem großen Sitzkissen Platz und versuchte so regelmäßig zu atmen wie er nur konnte. Fahsid bereitete unterdessen einen Tee, weshalb keiner von ihnen etwas sagte. Der Morgentee verdirbt schnell, wen man ihn leichtfertig zerredet. Das gab Kibarak etwas Zeit über die bedrohlichen Eindrücke nachzudenken, die ihn heimgesucht hatten. Doch leider wusste er diese Zeit nicht zu nutzen, denn er wusste ja nicht woher diese Eindrücke kamen und was es damit auf sich hatte. Also hatte er auch nichts, worüber er hätte nachdenken können, wenn er ehrlich war. Und ehrlich war er, daran besteht kein Zweifel. Immerhin hatte er es bis an sein Ziel geschafft, ohne es zu merken.

Fahsid gab Kib einen Becher mit Tee, bevor er sich selber einen eingoss und sich zu seinem Gast setzte. Schweigend tranken sie jeder vier Schluck, einen für jede Richtung des Himmels. Dann wartete Fahsid, dass Kib seinen Becher auf den flachen Tisch stellte, damit er es seinem Gast gleichtun konnte. Das alles mag ein wenig umständlich scheinen, aber gute Sitten wollen gepflegt werden, um sich und seinesgleichen vor Verrohung zu bewahren.

Endlich waren alle Vorraussetzungen für ein Gespräch geschaffen und Fahsid ergriff das Wort.

»Ich bin glücklich und fühle mich geehrt, dass du meine bescheidene Hütte zu dieser frühen Stunde aufgesucht hast, lieber Freund. Der Himmel meint es gut mit mir. Wahrlich.«

Er ergriff er seinen Teebecher und trank einen Schluck. Dann war Kib an der Reihe.

»Ich fühle mich geehrt und bin überglücklich, dass du mich zu dieser frühen Stunde empfängst, lieber Freund. Der Himmel meint es gut mit mir. Wahrlich!«

Auch Kibarak nahm einen Schluck Tee und stellte den Becher zurück auf den Tisch.

»Lass uns Geschäfte machen«, sagte Fahsid und Kib nickte. »Lass mich dir berichten, was sich gestern Abend in diesen vier Wänden abspielte und entscheide dann, ob du dich einlässt auf einen Handel, den ich dir vorschlagen will, der aber, so kommt es mir vor, nicht frei ist von, nun ja, einer gewissen Ungewissheit, wenn du verstehst, was ich meine.«

Kib verstand nicht, aber das war auch nicht weiter wichtig. Fahsid würde ihm schon erklären, was er wissen musste. Kib musste nur zuhören und ab und an nicken. Danach würden sie sich die Hand geben, Kib würde irgendwo hinrennen, etwas in Empfang nehmen, es irgendwo anders hinbringen, das Geld dafür einstreichen, um es wieder dorthin zu bringen, wo er das erste Etwas in Empfang genommen hatte. Was Fahsid am vorigen Abend widerfahren war, spielte für gewöhnlich keine Rolle. Aber heute war nichts gewöhnlich.

»Ich hatte gelauscht dem unglaublichen Permalak, wie er berichtete von der gewissen Weise, die einen Sandstürme unterscheiden lässt. Und in der Tat wusste er zu erzählen von den Stürmen der vergangenen dreißig Jahre und er sprach von jedem einzelnen und vermochte ihn vortrefflich zu beschreiben. Wir alle haben sehr gelacht, als er in uns die Erinnerung an den Sturm vor dreizehn Jahren weckte, als der Wind scharf blies aus dem Osten und zwei Kamele verschwanden und alle dachten, sie seien gestohlen worden, dabei waren sie vom Sand aus dem Osten bedeckt und hätte sich Sabsik, der Kameltreiber, nicht zufällig an jenem Orte zum Schlafen gelegt und das Jammern gehört, so hätten wir sie nie wieder gefunden unter dem ganzen Sand, der sie von Kopf bis Huf zugedeckt hatte. Erinnerst du dich?«

Fahsid lachte herzlich und Kib spürte, wie die Übelkeit ihn wieder zu übermannen drohte. Er mühte sich sehr dagegen zu halten und nickte.

»Auf dem Weg nach Hause konnte ich gar nicht aufhören zu lachen und ich gönnte mir den Umweg über den Markt auf der zweiten Terrasse, um dort Ziegenschinken und Dattelwein zu kaufen, denn mir war nach Feiern zumute. Naja, ich müsste es ja besser wissen, denn niemals sollte man einkaufen, wenn einem nach Feiern zumute ist. So erwarb ich eine Melone und ein Brot obendrein, dabei erwartete ich keine Gäste, aber es könnte natürlich auch ein Zeichen gewesen sein.«

Endlich nahm Fahsid einen Schluck Tee, was Kibarak sehr freute, denn sein Mund war schon völlig ausgetrocknet und er musste ja warten. Manchmal sind gute Manieren eben sehr anstrengend.

»Schwer beladen kam ich also nach Hause«, fuhr Fahsid fort. »Ich legte alles auf dem Tisch zurecht und schämte mich, dass ich meiner Kauflust gegenüber so nachgiebig gewesen war. Da erst bemerkte ich den Fremden.«

»Einen Fremden?« fragte Kib. Das war in der Tat ungewöhnlich. Fremde kamen und gingen mit den Karawanen. 

»Wenn ich es dir doch sage. Fremd war er. Und er sprach merkwürdig. Es klang ein bisschen wie, nun ja, Musik.«

»Und was wollte er von dir?«

Kib biss sich auf die Zunge. Er benahm sich äußerst ungezogen. Einer Erzählung seines Gastgebers nicht zu lauschen, sondern einfach dazwischen zu reden, galt in Mecardir als äußerst unfein. Aber Fahsid war nachsichtig mit seinem jungen Gast, was Kib ihm hoch anrechnete.

»Wie Musik klang seine Stimme«, fuhr Fahsid fort. »Und nun gib Acht, was er mir sagte, denn dann sollst du den Grund erfahren, warum ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich dich vor meinem Fenster zusammensacken sah.«

Fahsid nahm noch einen Schluck Tee und Kibarak erwiderte die Geste, wie es sich gehörte. Er war jetzt sehr gespannt und die Übelkeit war von ihm gewichen.

»›Feiere nicht‹, sagte der Fremde zu mir, ›denn der morgige Tag wird manche Überraschung bringen. In der Stunde nachdem die Sonne sich über die Sandwolken erhoben hat, wirst du Besuch erhalten. Ein junger Laufbursche, zuverlässig und verschwiegen. Schicke ihn ins Dämmerstübchen. Ich erwarte ihn dort.‹ Nach diesen Worten wusste ich gleich: Lass den Wein sein und begib dich ins Bett, denn morgen kommt dein lieber Freund Kib zu dir. Also bin ich zeitig aufgestanden, um nach dir Ausschau zu halten.«

Kib war natürlich klar, dass Fahsid nicht an ihn gedacht hatte. Aber es war sehr freundlich von ihm, Kib diese Version der Geschichte zu erzählen.

»Nimmst du den Auftrag an?« fragte Fahsid nun feierlich.

Einen Moment lang zögerte Kib, denn immerhin waren drei Karawanen auf dem Weg nach Mecardir und eine vierte würde ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Das verhieß eine gute Woche Arbeit für den, der sich früh genug den ersten Auftrag sicherte. Oft hielten die Händler die wirklich guten Geschäfte zurück, bis sie zu einem Laufburschen Vertrauen gefasst hatten. Dieser Fremde hatte aber offenbar gar nichts mit den Karawanen zu tun. Wie sonst hätte er bereits am Vorabend in der Stadt sein sollen? Es war riskant, fand Kib und rieb sich die kribbelnden Schläfen. Dann lächelte er.

»Ich nehme den Auftrag an«, sagte er fröhlich und alle Übelkeit war wie weggeblasen.

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  • Kibarak und der Erzähler der Nacht (2)

  • Kibarak und der Erzähler der Nacht (1)

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