Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel 3) Leuchtmulche
Silia lag mit einer Gesichtshälfte in kaltem Wasser am Ufer eines Tümpels und fühlte sich hundeelend. Ihre Hände und Füße waren ziemlich taub und ihr Gesicht fühlte sich an wie ein Schwamm. Mit großer Mühe gelang es ihr, sich aufzurappeln und umzusehen.
Sie befand sich in einer Grotte. In einigen Nischen an den zerklüfteten Wänden wuchsen leuchtende Pilze und tauchten die Grotte in einen gespenstischen, grünlichen Schimmer. Aus einem Loch in der Decke über dem Teich, an dessen Ufer sie nun kauerte, prasselte Wasser hinab. Vermutlich war sie durch eben dieses Loch hierher gelangt.
»Das kann doch nicht wahr sein«, sagte Silia entsetzt. »Da fliehe ich vor den Soldaten, weil ich nicht in die Minen will und dann lande ich von ganz alleine unter der Erde.«
Sie überlegte einen Augenblick.
»Vielleicht bin ich tot«, sagte sie sich. »Vielleicht bin ich jetzt ein Wassergeist. Obwohl… dann wäre ich nicht hier, sondern im Wasser. Hmmm…«
Ihr war sehr kalt und sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie sich mächtig erkälten würde, sollte sie nicht bald ihre Sachen trocknen. Silia bezweifelte, dass Geister Erkältungen bekamen, weshalb sie schlussfolgerte, dass sie noch lebte. Unter diesen Umständen war es sicher angebracht, sich bei den Geistern des Wassers zu bedanken.
»Danke, liebe Wassergeister, dass ihr mich sicher durch die Fluten gebracht habt. Leider habe ich nichts, was ich euch zum Dank geben könnte, aber ich hole das nach. Versprochen.«
Dann rappelte sie sich auf und tat ein paar unbeholfene Schritte auf der Stelle, um ihre Füße wieder aufzuwecken.
Aus dem Teich plätscherte ein Fluss aus der Grotte und transportierte das aus der Decke laufende Wasser ab. Er war nicht sehr breit, aber dafür schnell und glücklicherweise war an seinen Ufern genügend Platz für Silia, so dass sie sich entschloss, dem Lauf des Flusses zu folgen.
Der Fluss wand sich munter durch die Felsen und Silia wanderte an seinen Ufern durch Grotten unterschiedlichster Größe. Die leuchtenden Pilze wuchsen überall in kleinen Gruppen und sorgten für ausreichend Licht. Silia mochte sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, hier im Dunkeln herumzustolpern, denn eigentlich war es auch so schon schlimm genug.
*
Silia vermochte nicht zu sagen, wie lange sie schon durch Grotten und Tunnel irrte, aber sie spürte bereits seit geraumer Zeit jeden einzelnen ihrer Knochen. Sie fühlte sich fiebrig und ihr war kalt. Zu ihrem Elend gesellte sich allmählich ein immer stärker werdendes Hungergefühl, aber sie hatte bislang noch nichts Essbares entdecken können. Auch sahen die leuchtenden Pilze nicht so aus, als wären sie für den Verzehr geeignet.
Der Tunnel um den Fluss herum wurde schmaler und niedriger und ein lauteres Plätschern fand seinen Weg an Silias Ohr. Schließlich konnte sie nicht mehr neben dem Fluss laufen und musste widerwillig im Flussbett selber weitergehen. Ihre Stiefel und Füße waren zwar noch immer nicht trocken, aber sie hatten sich zumindest schon ein wenig besser angefühlt, als kurz nach ihrem Erwachen am Ufer des Teiches.
Nach einer kurzen Weile wurde die Decke über dem Flussbett so niedrig, dass Silia nur noch auf allen Vieren weiterkriechen konnte. Bald darauf bekam sie es mit der Angst zu tun, dass sie wieder umkehren müsste, um sich einen anderen Weg zu suchen. Aber was wäre, wenn es gar keinen Weg gäbe? Sie würde hier unter der Erde verhungern. Dabei wollte sie doch nur verhindern, unter die Erde zu kommen.
Die Decke kam noch näher und Silia stiegen Tränen der Verzweiflung in die Augen. Dann verschwand der Fluss in einem Tunnel und es ging nicht mehr weiter.
»Das ist ungerecht«, jammerte Silia. »Das ist so gemein.«
Sie hockte auf allen Vieren im kalten Wasser und fragte sich, ob es ihr bestimmt war, unter der Erde zu enden. Großvater hatte öfter von Bestimmung geredet, und dass die Götter die Geschicke der Sterblichen im Voraus geplant hatten. Silia hatte diesen Gedanken nie viel abgewinnen können, aber nun dachte sie, dass da vielleicht doch was dran sein konnte.
»Aber was habe ich denn getan?« weinte sie. »Warum soll ich denn hier sterben? Das ist ungerecht.«
Plötzlich huschte etwas an der Wand entlang. Es sah aus, wie eine kleine Eidechse mit einem grün leuchtenden Bäuchlein, aber ohne Schuppen. Eher wie ein Molch, aber doch nicht so ganz. Leider hatte Silia keine Zeit, die kleine Kreatur genauer zu betrachten, denn das Wesen huschte die Wand hinab und verschwand im Tunnel.
Silia legte sich flach auf den Bauch und verfolgte das leuchtende Tierchen mit ihren Blicken. Der Molch, oder was auch immer das war, krabbelte an der Tunneldecke entlang und war plötzlich verschwunden. Silia kniff die Augen zusammen und starrte knapp oberhalb der Wasseroberfläche in die Dunkelheit. Sie war sich nicht sicher, aber sie glaubte, dass sie etwas sehen konnte, ein Leuchten. Vielleicht war es der Leuchtmolch, vielleicht aber auch etwas anderes.
»Das ist so ungerecht«, jammerte Silia erneut. Dann holte sie tief Luft und zwängte sich in den Tunnel.
Sie zog sich an Unebenheiten am Boden entlang und sah kurz darauf tatsächlich Licht am Ende des Tunnels. Sie erschrak, weil Großvater ihr immer erzählt hatte, dass man, wenn man stirbt, Licht am Ende eines Tunnels sieht. Silia fand das beunruhigend. Noch beunruhigender fand sie allerdings, dass sie plötzlich feststeckte. Sie konnte vor sich das Licht nun viel deutlicher sehen. Es war dieses grüne Pilzlicht, aber es waren wohl eine ganze Menge Pilze, der Helligkeit nach zu urteilen. Sie fühlte am Bett des Flusses nach etwas, was ihr mehr Halt geben würde und ertastete einen steil aufragenden Stein. Sie umklammerte den Stein mit beiden Händen und zog dann so fest sie nur konnte. Das kalte Wasser brannte ihr in den Augen und in ihren Schläfen pochte es wie verrückt. Sie wusste genau, dass sie jetzt loskommen musste oder jämmerlich ertrinken würde. Dann merkte sie, dass sie nun einen spitzen Stein im Rücken hatte, der ihr ins Fleisch schnitt, aber dieser Schmerz gab ihr neue Kraft, den er wanderte abwärts und das konnte nur bedeuten, dass sie sich vorwärts bewegte.
Und dann war sie frei. Ihr Kopf tauchte auf und gierig sog sie die Luft ein. Abermals dankte sie den Wassergeistern, die es offenbar sehr gut mit ihr meinten. Dann sah sie sich um.
Vor ihr plätscherte der Fluss eine Vielzahl von Treppenstufen hinab und mündete unten in einen See. Die Treppen waren in einem Halbkreis angelegt und auf gar keinen Fall natürlichen Ursprungs, genauso wenig, wie die Höhle, in die sie hinabblickte.
Es war eine sehr große Höhle. Auch hier leuchteten Pilze aus Nischen an den Wänden, aber die Nischen waren zu gleichmäßig, um natürlich zu sein. Sie waren alle gleich groß und im gleichen Abstand zueinander. In jeder Nische standen fünf Pilze beisammen und leuchteten vor sich hin. Viel auffälliger allerdings war die große, aus dem Fels gehauene Treppe, die auf der anderen Seite des Sees emporführte und an einer breiten Tür endete. Die Treppe war flankiert von zwei Statuen, die aussahen wie Berglöwen mit großen Flügeln, wie von einer Fledermaus. Wenn Silia es allerdings recht bedachte, dann sahen die Köpfe überhaupt nicht aus wie die von Berglöwen, sondern eher wie Wolfsköpfe, nur ein bisschen länger und schmaler. Auch die Schwanzspitzen endeten nicht in einem Fellpuschel, sondern in einem mit spitzen Nadeln gespickten Ei.
›Irgendwie sieht hier aber auch alles anders aus‹, dachte Silia, denn sie traute sich nicht, laut zu sprechen und das aus gutem Grund: Vor der Tür, die aus zwei Türflügeln bestand, lag zusammengerollt eine sehr große Kreatur. Sie sah nicht aus wie irgendwas, was Silia schon mal gesehen hatte. Aber sie fühlte sich an etwas aus den Geschichten erinnert, die Großvater ihr früher erzählt hatte. Ein mächtiger, schlangenähnlicher Leib, mit braunen Schuppen bedeckt. Kräftige, krallenbewährte Arme und Beine und ein großes Maul mit vielen sehr großen, sehr spitzen Zähnen. Silia schluckte schwer, aber sie war sich absolut sicher: Vor der Tür lag ein leibhaftiger, wenngleich schlafender Drache.
›Hoffentlich muss ich da nicht durch‹, dachte sie, als sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde. Sie blickte panisch umher, bis sie schließlich auf der andere Seite des Flusses fündig wurde. Acht der Molch-ähnlichen Tierchen saßen in einem Pilzfeld und sahen interessiert kauend zu Silia herüber. Mit jedem Bissen, den sie verschluckten, leuchteten ihre Bäuche ein wenig mehr. Wenigstens konnte sie die Tiere jetzt ein wenig genauer studieren.
Sie sahen aus wie eine Kreuzung aus einem Molch und einem Felsmull. Felsmulle gab es zuhauf in der Gegend um Silias Dorf. Es waren kleine Grabetiere, deren Klauen so hart und spitz waren, dass sie sich durch Fels graben konnten, weshalb alle Häuser in ihrem Dorf aus Holz gebaut waren. Großvater hatte ihr erzählt, dass das früher anders war – bis zur ersten großen Felsmullplage, als die Tierchen sämtliche Häuser durchlöchert hatten.
»Ich hoffe, ihr wollt mir nichts Böses, ihr Leuchtmulche«, sagte Silia zu den Tierchen. Sie fand den Namen sehr passend.
Die Leuchtmulche sahen sie weiterhin kauend an. Dann aber hörte Silia ein knirschendes Geräusch von unten aus der Höhle. Sie legte sich sofort flach auf den Boden und lauschte. Das Knirschen wurde lauter. Vorsichtig drehte Silia sich um und sah in die Höhle hinab. Eine der Statuen hatte ihren Kopf bewegt und während Silia entsetzt hinunterstarrte, tat die andere einen knirschenden Schritt nach vorne. Dabei hob sie ihren Kopf und schnüffelte, als würde sie Witterung aufnehmen. Silia wollte gar nicht darüber nachdenken, was die Statue gewittert hatte. Sie drückte sich so fest auf den Boden, wie sie nur konnte, als sie plötzlich einen der Leuchtmulche direkt vor ihrem Gesicht sah. Das kleine Kerlchen huschte vor ihren Augen die Flusstreppen hinab und wuselte fiepend vor den Statuen auf dem Boden herum. Das Schnüffeln hörte auf und der steinerne Fledermaus-Wolf-Berglöwe tat einen Schritt zurück und verharrte wieder in seiner ursprünglichen Stellung.
Dann hörte Silia ein weiteres Fiepen hinter sich. Sie robbte zurück, bevor sie sich umdrehte. Ein weiterer Leuchtmulch hatte sich von seiner Gruppe gelöst und saß am anderen Flussufer. Silia hatte das Gefühl, als würde er sie erwartungsvoll angucken. Dann drehte der Leuchtmulch sein Köpfchen, als wollte er Silia etwas zeigen. Sie kroch so leise wie möglich durch den Fluss, bis sie sehen konnte, wo der Mulch mit seinem Köpfchen hingezeigt hatte.
Auf dieser Seite des Flusses ging es nicht sehr steil hinab und Silia sah sofort, dass weiter unten ein mannshoher Tunnel aus der Höhle führte. Außerdem war diese Seite den Blicken der Statuen entzogen, was Silia beruhigend fand. Der Mulch rannte hinunter und hielt im Tunneleingang inne. Er blickte zurück zu Silia und wedelte mit seinem Köpfchen hin und her.
›Das ist ein Zeichen‹, dachte Silia und machte sich an den Abstieg.
In der Tat wartete der Leuchtmulch, bis Silia am Grund der Höhle angekommen und zum Tunnel geschlichen war. Dann rannte er los und Silia hatte große Mühe, ihm zu folgen. Der Mulch schien das zu merken und wartete in regelmäßigen Abständen auf Silia. Insbesondere an Stellen, wo der Weg sich gabelte, fand Silia das außerordentlich fürsorglich vom kleinen Mulch und ein wenig wunderte sie sich darüber, dass sie sich so wenig wunderte. Vielleicht mochte das mit dem steigenden Fieber zusammenhängen, dass sie nicht mehr über das eben Erlebte nachdachte, aber Wundern und Nachdenken sind nun einmal sehr anstrengende, an den Kräften zehrende Tätigkeiten, und Kräfte hatte Silia nach den bisherigen Strapazen des Tages eigentlich nicht mehr zur Verfügung.
Wie lange Silia dem Leuchtmulch hinterher stolperte, konnte sie nicht sagen, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Dabei bekam sie so gut wie gar nichts mehr von dem mit, was um sie herum geschah. Sie konnte kaum geradeaus gucken, geschweige denn laufen. Sie sah nur noch den kleinen Mulch mit seinem leuchtenden Bäuchlein, wie er vor ihr her huschte, geduldig wartete, weiter huschte und abermals wartete. Irgendwann hörte Silia etwas hinter sich, wie das klackende Geräusch von Krallen auf Fels, oder das Knirschen der Steinstatuen, aber sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, stehen zu bleiben und sich umzudrehen. Also lief sie weiter. Was hätte es auch genützt? Selbst wenn der Drache oder die Statuen ihr auf den Fersen gewesen wären, was hätte sie schon groß ausrichten können?
Sie lief und lief, dann stolperte sie mehr, als sie lief, wurde langsamer, begann zu torkeln, schleppte sich voran, stolperte wieder und versuchte erneut, ein bisschen zu laufen. Mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer und sie hatte zwischendurch sogar das Gefühl, sie wäre beim Laufen eingeschlafen. Schließlich gaben ihre Beine unter ihr nach und sie sackte auf die Knie. Sie versuchte sich aufzurappeln, aber ihre Kräfte waren am Ende. Der Leuchtmulch fiepte noch einmal, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und flitzte dann so schnell er nur konnte zurück.
Und dann sah sie einen Feuerschein an der Wand der nächsten Biegung. Ein Feuer! Silia merkte plötzlich wieder, wie durchgefroren sie war und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich in eine warme Decke zu kuscheln und nah am Feuer zu liegen. Es konnte nicht mehr weit sein. Sie versuchte abermals sich wieder aufzurichten, aber erneut ohne Erfolg, also beschloss sie, den Rest des Weges kriechend zurückzulegen. Auch das gestaltete sich als deutlich schwieriger, als sie zunächst gedacht hatte, aber das Denken fiel ihr ja ohnehin seit einigen Stunden ziemlich schwer. Als sie endlich einsehen musste, dass ihre Arme, ebenso wie ihre Beine, ihr nicht länger zu Diensten waren, holte sie noch einmal tief Luft und rief um Hilfe.
Sie beobachtete den Feuerschein und bemerkte, dass sie außer einem kleinen Fleck auf der Wand schon gar nichts anderes mehr sehen konnte. Zudem wurde der Fleck immer kleiner. Dann hörte sie Hufgetrappel und sah einen Schatten, aber sie war sich schon längst nicht mehr sicher, ob sie ihren Sinnen trauen konnte. Diese Unsicherheit wurde noch verstärkt, als ein Esel mit einem Strohhut seinen Kopf um die Biegung streckte. Für einen Augenblick dachte Silia noch, der Esel würde sie anlächeln, bevor ihr schwarz vor Augen wurde und sie endgültig die Besinnung verlor.

Schreibe einen Kommentar