Silia und der wilde Watz (7)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

(Kapitel 7) Esel mit Hut

Die Sonne ging gerade über den Bergen im Osten auf, als sie den Esel vor den Karren spannten. Das Tier schien sich zu freuen, nicht bei den Kühen bleiben zu müssen, war aber sehr darauf bedacht, dass niemand seinem Hut zu nahe kam. Zumindest schien ihm das Ziehen des Karrens keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten, so dass sie schon bald den Turm hinter sich gelassen hatten und auf die Berge zusteuerten, wo sich die alten, vergessenen Pfade befanden.

»Tulmur?«

»Mmh?«

»Diese Wege, die da durch die Berge führen… Ruffnûk hat gesagt, die Zwerge hätten sie gebaut. Stimmt das?«

»Oh, ja«, sagte Tulmur. »Früher haben die Zwerge viel Handel mit den Menschen getrieben, mehr als heute, sagt man. Aber ich glaube, es hat etwas anderes damit auf sich.«

»Was denn?«

»Ich bin in einem Buch darauf gestoßen. Dort wurde ein altes Zwergenvolk erwähnt, dass schon seit langen Zeiten verschwunden ist. Die haben die Wege angelegt.«

»Ein altes Zwergenvolk?«

»Ja. Wie hießen sie noch gleich? Die Kinder von Nala, glaube ich.  Irgendwann möchte ich mal den verborgenen Pfaden bis ans Ende folgen, denn es heißt, sie führten direkt in das Reich der Kinder von Nala, wo sie seit ewigen Zeiten schlummern, bewacht von den Drachen der Erde.«

»Von den Drachen der Erde?« Silia spürte, wie sie rote Ohren bekam.

»Ja. In einem anderen Buch werden die genauer beschrieben, als braune, Lindwurm-ähnliche Geschöpfe. Flügellos, im Gegensatz zu den Drachen der Lüfte.«

»Solche Dinge stehen in Büchern?« fragte Silia ungläubig.

»Oh ja. Und eine Menge mehr.«

»Dann will ich unbedingt lesen lernen. Kannst du mir beibringen, wie man liest?«

»Wenn wir wieder heimkehren, will ich sofort damit beginnen«, lachte Tulmur. »Aber wieso interessierst du dich für Drachen?«

»Naja, seit ich den Drachen vor dem Tor habe liegen sehen, da in der Höhle mit den Leuchtmulchen… « Silia bemerkte, dass Tulmurs Mund weit offenstand und er sie angaffte, als hätte sie zwei oder mehr Köpfe. »Ist was?« fragte sie deshalb.

Tulmur schüttelte sich kurz. »Moment mal. Wovon redest du da?«

»Ach so, ja. Ich war ja gerade dabei, es dir zu erzählen, als Meister Thorbad dich gerufen hat. Ich bin doch in dieser Höhle aufgewacht, nachdem ich über den Wasserfall geflogen bin, und da waren diese ganzen Pilze überall, die haben geleuchtet. Und ich bin dem Bach gefolgt, aber irgendwann ging es nicht mehr weiter und ich musste auf allen Vieren durch den Bach kriechen. Und dann habe ich dieses kleine Tierchen gesehen, wie ein kleiner Molch und sein Bauch hat geleuchtet, von den Pilzen. Und dann habe ich mich gerade noch mit letzter Kraft in eine Höhle ziehen können und da lag dieser Drache vor diesem Tor und hat geschlafen. Er ist auch nicht aufgewacht, nur die beiden Statuen am Fuß der Treppe. Eine hat sogar ein paar Schritte gemacht, aber einer der Leuchtmulche hat sie abgelenkt und ein anderer hat mich aus der Höhle geführt. Dann habe ich den Esel gesehen und das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich bei Ruffnûk auf dem Wagen liege.«

Tulmurs Mund war im Laufe der Erzählung wieder aufgegangen und er hatte Schwierigkeiten, ihn wieder zu schließen. »Ich werd‘ verrückt«, stammelte er. Dann sagte er lange Zeit gar nichts mehr, sondern stierte kopfschüttelnd vor sich hin.

Inzwischen hatte der Esel sie schnurstracks zum Eingang der Schlucht geführt und sie fuhren durch den Rankenteppich hinein. Silia war stolz, dass sie die Idee gehabt hatte, den Esel mitzunehmen. Er konnte sich offenbar sehr gut an den Weg erinnern. Es war gegen Mittag, als Silia die Stille nicht mehr ertragen konnte.

»Tulmur?«

»Mmh?«

»Meinst du, das war eines dieser Tore in das Reich der Kinder von dieser Nala?«

»Ich wage gar nicht, darüber nachzudenken. Deshalb frage ich dich auch gar nicht erst, wie die beiden Statuen ausgesehen haben. Denn wenn du mir erzählst, sie hätten den Kopf eines Schakals, den Körper eines Berglöwen, die Flügel einer Fledermaus und eine stachelige Kugel am Ende des Schwanzes, dann, so fürchte ich, verliere ich den Verstand.«

»Oh«, sagte Silia.

»Oh? Was soll das heißen? Du willst mir doch nicht erzählen, dass sie so ausgesehen haben, oder?«

»Ich weiß nicht«, sagte Silia. »Großvater hat immer gesagt, ich soll nicht lügen. Auch weiß ich nicht, was ein Schakal ist und ob er einem Hund oder Wolf ähnlich sieht. Aber du hast gesagt, du verlierst den Verstand, wenn ich dir die Wahrheit sage und das möchte ich auf gar keinen Fall. Deswegen weiß ich nicht, ob ich es dir erzählen will.«

»Aber du hast es doch gerade erzählt.«

»Ja«, sagte Silia traurig. »Großvater hat eben gesagt, ich soll nicht lügen. Bist du mir jetzt böse?«

Tulmur schüttelte wieder den Kopf, aber er lächelte. »Nein, Silia. Wie kann ich dir böse sein? Du hast eine fantastische Entdeckung gemacht, so viel ist sicher.« Plötzlich sah er sorgenvoll aus. »Hast du Ruffnûk davon erzählt?«

»Nein. Ich glaube, ich hätte, aber er hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen.«

»Das ist gut. Und glaubst du, du würdest da wieder hinfinden?«

»Nein. Der Weg dorthin war sehr gefährlich und ich glaube, ich habe sehr großes Glück, dass ich noch lebe.«

»Verdammt«, sagte Tulmur.

»Aber der Esel findet den Weg bestimmt wieder.«

Tulmur blickte zwischen Silia und dem Esel hin und her. Der Esel nahm dies zum Anlass, sich kurz umzudrehen und Tulmur die Zunge rauszustecken. Dann fing Tulmur an, schallend zu lachen. Er lachte so lange, bis ihm der Bauch wehtat und Tränen über seine Wangen liefen.

»Ich frage mich«, keuchte er, nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, »welch wohlmeinender Wind dich zu uns geweht hat, kleine Silia. Aber ich danke ihm dafür von ganzem Herzen. Allmählich glaube ich sogar, dass wir es schaffen können, den wilden Watz zu fangen.«

»Ja? Weißt du jetzt, wie man zaubert?«

»Ich? Nein. Aber ich glaube, dass irgendjemand seine schützende Hand über dich hält. Sonst säßest du sicher nicht hier?«

Dann kicherte er wieder eine Weile vor sich hin, während Silia grübelte, was er mit der schützenden Hand gemeint haben könnte. Großvater hatte mal erzählt, dass die Pferdemenschen an Wesen glaubten, die sie Geister nannten. Da hatte sie Angst bekommen, aber Großvater hatte sie beruhigt und ihr erklärt, dass damit keine Gespenster gemeint waren, sondern wohlwollende Wesen, die in allen Dingen lebten und denen, die mit der Welt in Einklang lebten, Gutes taten. Verstanden hatte sie das nicht genau, aber als sie jetzt darüber nachdachte, begann sie zu begreifen. Wie sonst hätte sie den Wasserfall überleben sollen, warum sonst hätten die Leuchtmulche ihr helfen sollen, wenn es ihnen nicht wohlmeinende Geister aufgetragen hätten? In der Tat fand sie keine bessere Erklärung dafür, dass sie noch lebte. Dann aber fiel ihr noch etwas ein.

»Tulmur?«

»Mmh?«

»Du bist doch sehr schlau, oder?«

Der junge Zauberlehrling sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Warum fragst du? Gibt es noch etwas, was du mir nicht erzählt hast?«

»Nein, nein. Ich frage mich die ganze Zeit, warum Wasser nicht geradeaus fließt, sondern immer in Kurven.«

Tulmur legte den Kopf auf die Seite und musterte sie aufmerksam. »Ich beginne mich zu fragen, ob ich dich nicht in Zukunft von Meister Thorbad fernhalten sollte. Womöglich beschließt er noch, dass du als Zauberlehrling besser geeignet bist als ich.«

»Warum?«

»Weil du für ein zwölfjähriges Mädchen eine ganze Menge gescheite Fragen stellst. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was du alles wüsstest, wenn du schon lesen könntest. Verrückt.«

»Sagst du’s mir trotzdem? Das mit dem Wasser?«

»Hast du schon mal einen Bach gestaut?«

»Du meinst, Steine reingelegt, damit er nicht weiterfließen kann? Ja, das habe ich gemacht. Es hat aber nicht geholfen. Er ist einfach drumherum geflossen.«

»Genau. Er fließt einfach drumherum. So ist das auch mit den Flüssen in den Bergen. Sie fließen immer dort entlang, wo sie den geringsten Widerstand finden.«

»Aber wieso fließen sie dann in Kurven? In den Bergen sind doch überall Steine.«

»Das ist wahr. Aber es gibt weiche Steine und es gibt harte Steine. Das Wasser drückt so lange gegen den Fels, bis die weicheren Stellen nachgeben. Dann fließt es eben dort entlang. So einfach ist das.«

»Darüber muss ich nachdenken«, sagte Silia.

*

Silia schmerzte der Kopf, aber sie glaubte, dass sie es verstanden hatte. Sie beschloss, ein Experiment durchzuführen, wenn sie wieder bei Meister Thorbad waren. Wenn Tulmur recht hatte, dann musst sie nur Wassertropfen lange genug auf die gleiche Stelle eines Steines tropfen lassen und irgendwann würde das Wasser schon hindurchfließen. Am besten wäre ein Stein, der schon eine Mulde hatte, so dass das Wasser nicht einfach abprallte und an der Seite hinablief. Sie malte sich ihr Experiment in allen Einzelheiten aus, als der Esel plötzlich anhielt.

»Was ist denn nun?« fragte Tulmur, aber der Esel schüttelte heftig den Kopf. Er sah zu ihnen zurück und drehte dann den Kopf nach vorn, als wollte er ihnen etwas zeigen. Tulmur und Silia sahen sich fragend an und stiegen dann vom Karren.

»Ist da vorne etwas, Esel?« fragte Silia und zu ihrem Erstaunen nickte der Esel.

Tulmur und Silia gingen voraus bis zur nächsten Biegung in der Schlucht und sahen um die Ecke. Einige Schritte vor ihnen sahen sie einen Mann, der auf dem Boden kniete und Holz für ein Feuer aufschichtete. Etwas weiter den Pfad entlang waren weitere Männer damit beschäftigt, eine Gruppe von Leuten an Pfähle zu binden. Silia erschrak, als sie ihren Großvater erblickte, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Tulmur ihr eine Hand auf den Mund gelegt und sie zurückgezogen. Dann hörten sie eine Stimme rufen.

»Forsik«, rief die Stimme. »Da war jemand.« 

Dann hörten sie Schritte näherkommen und im selben Augenblick rannten sie los, zurück zum Karren. Sie wussten nicht, was sie nun tun sollten, denn eine Flucht schien hier aussichtslos.

»Schnell«, sagte plötzlich eine Stimme von irgendwo her. »Hier rüber.« Der Esel fackelte nicht lange, lief auf eine Rankenwand zu und verschwand im Dickicht. Tulmur und Silia rannten hinterdrein. Wenige Wimpernschläge später hörten sie die Schritte der Männer auf der anderen Seite des Rankenvorhangs. Mucksmäuschenstill standen sie zitternd an den Karren gelehnt und warteten.

»Es ist das Mädchen«, hörte Silia Forsiks Stimme. »Sie lebt. Verdammt. Wir müssen sie finden. Hier entlang.« 

Sie hörten, wie die Schritte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren, entfernten. Dann war es still, bis die fremde Stimme wieder sprach: »Hier entlang. Schnell«, sagte sie und der Esel lief los. Tulmur und Silia tauschten abermals fragende Blicke, bevor sie dem Esel folgten.

Ihr Weg führte sie tiefer in ein Dickicht aus Ranken und Silia hatte das Gefühl, als ginge es aufwärts. Nachdem sie sich einige zeit durch dichte Pflanzen gekämpft hatten, die ihnen pausenlos ins Gesicht schlugen, als sie hinter dem Karren herliefen, standen sie wieder im Freien. Es war ein schmalerer Pfad und die Wände zu beiden Seiten waren längst nicht so hoch, wie die der anderen Schlucht. Schwer atmend ließen sie sich auf den Boden sinken und brauchten eine ganze Weile, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatten. 

»Ich werde das Gefühl nicht los«, sagte Tulmur, »dass wir gerade diesen Forsik getroffen haben, der dich in die Berge verfolgt hat?«

»Ja, das glaube ich auch«, sagte Silia.

Tulmur nickte und stand auf. Er ging vorne zum Karren, um seine Wasserflasche zu holen, als er blitzschnell nach dem Hut des Esels griff und ihn diesem vom Kopfe riss. Der Esel bäumte sich auf und schrie wie am Spieß, aber es war zu spät. Silia konnte es ganz deutlich sehen, wie es in der Dämmerung schimmerte: Ein gedrehtes, goldenes Horn prangte auf der Stirn des Esel und zeigte in den Abendhimmel.

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