Silia und der wilde Watz (8)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

(Kapitel 8) Gunselmirs Gruselwald

»Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es war ganz sicher etwas in dieser Art«, sagte Tulmur. »Obwohl, eigentlich war es doch was anderes.«

Der Esel blickte traurig zu Boden. Dann hob er seinen Kopf und sagte: »Bitte, gib mir meinen Hut zurück.«

Tulmur sah den Hut in seiner Hand an, als erwartete er von diesem eine Erklärung, bevor er ihn dem Esel wieder aufsetzte.

»Danke«, sagte der Esel. »Sehr freundlich.«

»Hast du uns geholfen?« fragte Silia, die immer noch vollkommen verdattert auf dem Boden saß. Dann aber besann sie sich auf das, was sie eben gesehen hatte. Großvater und die anderen aus dem Dorf, die der Bösewicht Forsik in die Minen verschleppen wollte. »Großvater«, sagte sie deshalb. »Wir müssen Großvater retten.«

»Du hast ein großes Herz, kleine Silia. Nicht viele denken im Augenblick großer Gefahr zuerst an andere. Aber nun musst du zuerst an deine Sicherheit denken. Würden wir jetzt zurückkehren, um deinen Großvater zu retten, brächten wir uns und ihn in noch größere Gefahr.«

»Aber irgendetwas müssen wir doch tun«, sagte Silia traurig. »Du musst ihm helfen. Uns hast du doch auch geholfen.«

Ja, ich habe euch geholfen. Keinesfalls wollte ich, dass ihr oder ich in die Hände dieser Barbaren fallen. Ich habe ihnen eine falsche Fährte gelegt.«

»Wann denn?« wollte Silia wissen. »Und wie?«

»Als wir uns hinter den Ranken versteckten, habe ich mir gewünscht, dass sie einer falschen Fährte folgen. Das scheint geklappt zu haben.«

»Was bist du?« fragte Tulmur. »Und wieso kannst du dir einfach etwas wünschen?«

»Kannst du dir denn nichts wünschen?« gab der Esel zurück.

»Natürlich kann ich das«, gab Tulmur zu. »Aber niemals geht etwas in Erfüllung, bloß weil ich es mir wünsche.«

»Bist du dir da ganz sicher?« sagte der Esel. 

Tulmur sah den Esel skeptisch an. Und auch Silia hatte das Gefühl, als wollte der Esel Tulmur auf etwas hinweisen. Aber dann schüttelte Tulmur den Kopf. »Sag uns einfach, was du bist.«

»Ich bin die letzte Kreation des verrückten Zauberers, den ihr Gunselmir nennt«, sagte der Esel.

»Du bis ein Einhornesel?«

»Ein Hornel«, sagte der Esel. »So hat mich Gunselmir getauft. Allein dieser Name verrät so einiges über seinen Geisteszustand.«

»Aber warum?« fragte Tulmur. »Warum kreuzt man einen Esel mit einem Einhorn?«

»Das ist eine wirklich vortreffliche Frage, die mich auch seit geraumer Zeit beschäftigt. Eigentlich bereits, so lange ich denken kann. Und leider finde ich keine zufriedenstellende Antwort, außer eben dieser: Weil es möglich ist.«

»Aber wie…«

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber wir sollten nicht verweilen. Ich kenne diese Pfade sehr gut und laufe auch bei Nacht sehr sicher darauf. Steigt auf und ich will euch unterwegs alles erzählen, was ihr wissen wollt. Um ehrlich zu sein, brenn ich darauf, mich endlich wieder mit jemandem zu unterhalten. Ich bin schon seit vielen Jahren inkognito.«

»Inkonwas?« fragte Silia.

»Inkognito«, sagte Tulmur. »Verkleidet, getarnt, unerkannt.«

Silia und Tulmur kletterten wieder auf den Karren und der Esel – genauer gesagt, der Hornel – trabte los.

»Gibt es noch mehr wie dich?« wollte Tulmur wissen.

»Oh, nein. Nicht doch. Gunselmir hat nur Einzelstücke erschaffen. Du musst wissen, er hat alles gekreuzt, was ihm über den Weg gelaufen kam. Eine Menge Geschöpfe hat er natürlich gejagt und nicht etwa gewartet, bis sie ihm über den Weg gelaufen kamen. Den wilden Watz hat er zum Beispiel aus einem Drachenei, einem Bären und einem Löwen gezüchtet. Den Löwen brauchte er für das Fell. Sehr flauschig, so eine Löwenmähne. Er ist also ein Tier von der Größe eines Dracheneis, der Kraft eines Bären und dem Appetit aller drei Geschöpfe, die er in sich vereint. Dazu ist er sehr charakterschwach, aber ich weiß nicht, ob man ihm das vorhalten darf.«

»Wo reisen wir denn jetzt hin?« wollte Silia wissen.

»Wir reisen auf einem alten Pfad in Gunselmirs Gruselwald. Ich wollte diesen Weg sowieso einschlagen, hätte aber die nächste Abzweigung bevorzugt. Da kommt man besser durch. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.«

»Warum trägst du diesen Hut?« fragte Tulmur.

»Naja«, sagte Hornel. »Eigenartigerweise ist dieser Strohhut, selbst auf dem Kopf eines Esels, weniger auffällig als ein goldenes  Horn. Ein Esel mit Hut sorgt für Belustigung. Ein Esel mit Horn bringt in den Menschen die Gier hervor. Ohne mir selbst schmeicheln zu wollen: Ich bin sicherlich um ein Vielfaches wertvoller, als der kleine Watz.«

»Das glaube ich gern«, sagte Tulmur. »Ich frage mich, ob uns das nicht das Leben retten könnte.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Nun, wenn wir dich Meister Thorbad vorstellen, dann wird er die Sache mit dem Watz vielleicht aufgeben… «

»…und mich an seiner Statt in einen Käfig in seinem Kellergewölbe sperren? Nein, vielen Dank. Ich bin lieber an der frischen Luft. Ich heiße es prinzipiell nicht gut, jemanden einzusperren, wenn ich auch der Auffassung bin, dass der Watz eine Gefährdung seiner Umwelt darstellt. Nur, frage ich, wer sind wir, dies zu beurteilen?«

Silia fand das sehr einleuchtend. Niemand durfte niemanden einsperren, nicht in Käfige und auch nicht in Bergwerken.

»Du hast gesagt, du bist die letzte Schöpfung Gunselmirs«, sagte Tulmur. »Wie kommt das?«

»In der Tat, eine vortreffliche Frage. Gunselmir dachte wohl, den Einhörnern würde es nicht weiter auffallen, wenn er eines von ihnen entführte und mit einem Esel kreuzte. Das war ein folgenschwerer Irrtum. Sie haben ihn gesucht und gefunden. Und wie ich aus eigener Erfahrung weiß, birgt dieses Horn einiges an Macht in sich.«

»Gunselmir wurde von Einhörnern zur Strecke gebracht?« sagte Tulmur.

»Ja, so ist es. Sie fanden seinen Turm und machten ihn dem Erdboden gleich. Gunselmir gleich mit dazu. Danach war ich an der Reihe.«

»Du? Warum das denn?« fragte Silia.

»Einhörner sind stolze Geschöpfe, Silia. Ein bisschen hochnäsig, wenn du mich fragst. Sie empfinden den Umstand, dass ein Geschöpf wie ich überhaupt existiert, als Kränkung ihres Daseins.«

»Aber sie haben dich nicht erwischt.«

»Naja, genau genommen schon. Es ist aber nunmal so, dass sie natürlich nicht einfach morden wollen. Böse sind sie ja nun nicht. Hochnäsig, ja, aber böse? Also haben sie mich gebeten, ob ich mir nicht das Leben nehmen könnte, denn das wäre ja im allseitigen Interesse, wie sie sagten. Also habe ich gesagt, das klingt alles sehr vernünftig, aber unter den gegebenen Umständen muss ich da natürlich drüber nachdenken. Das ist ja keine Entscheidung, die man leichtfertig treffen sollte. Also gaben sie mir eine Nacht Bedenkzeit.«

»Und dann?« fragte Tulmur gespannt.

»Und dann? Naja, ich habe mich aus dem Staub gemacht. Dann habe ich mir diesen Hut gezaubert und mich unter die Menschen gesellt. Einhörner meiden die Menschen wie Katzen das Wasser.«

»Du hast dich aus dem Staub gemacht?« fragten Silia und Tulmur wie aus einem Mund.

»Ja, natürlich. Ich hatte ja noch gar nicht lange genug gelebt, um für mich herauszufinden, ob ich am Leben hänge. So viel Zeit wollte ich ja zumindest haben.«

»Und? Hängst du am Leben?«

»Natürlich tue ich das. Alle Lebewesen tun das, glaube ich, es sei denn, man redet ihnen etwas anderes ein. Aber nun müssen wir wieder ein wenig still sein. Wir nähern uns bald Gunselmirs Reich und auf diesem Pfad könnten wir Krinne und Spöte über den Weg laufen. In der Regel schlafen sie bei Nacht tief und fest, aber ich möchte sie ungern wecken. Sie sind arg unfreundlich.«

Tulmur und Silia verstummten. Es bedurfte für keinen der beiden viel Phantasie, um zu ahnen, was Krinne und Spöte für Geschöpfe waren. Schweigend und auch ein wenig ängstlich ließen sie sich von Hornel durch die Nacht karren.

*

Ob es das sanfte Schaukeln des Karrens gewesen war, oder einfach nur die Müdigkeit, wussten weder Tulmur noch Silia, als sie bei Tagesanbruch erwachten. Sie lehnten mit den Köpfen aneinander und fühlten sich ausgeruht, wenn man von den Nackenschmerzen einmal absah.

»Guten Morgen«, sagte Hornel. »Ich habe gute und schlechte Nachrichten. Welche wollt ihr zuerst hören.«

»Die Guten«, sagte Silia.

»Die Schlechten«, sagte Tulmur.

Silia sah Tulmur an. »Warum die Schlechten zuerst?« fragte sie. 

»Naja, das ist doch ganz einfach. Wir werden sowieso beide hören. Hören wir die schlechten Nachrichten zuerst, dann können uns die guten wieder aufheitern, wenn sich der Schreck erst einmal gesetzt hat.«

»Aber wenn wir die guten Nachrichten zuerst hören, dann finden wir die schlechten vielleicht gar nicht mehr so schrecklich«, gab Silia zu bedenken.

»Hm«, sagte Tulmur. »Da könnte was dran sein. Andererseits…«

»Krinne und Spöte haben tief und fest geschlafen. Und wir nähern uns dem Wald«, sagte Hornel. »Ich sage das nur, weil ich den Eindruck hatte, dass ihr euch ohnehin nicht einig werden würdet und außerdem finde ich, dass Silia recht hat.«

Tulmur seufzte schwer. »Was soll ich da jetzt noch zu sagen? Nun gut. Die schlechten Nachrichten?«

»Euer Freund Forsik ist uns auf den Fersen und Krinne und Spöte haben ihn ebenfalls verschlafen.«

»Oh, nein«, sagte Silia.

»Das ist noch nicht alles«, fügte Hornel hinzu. »Ich habe das dumme Gefühl, dass dieser Weg in den Wald bewacht wird.«

»Von wem denn?« fragte Tulmur. »Oder, vielleicht sollte ich besser fragen, von was?«

»Elzigiwokro«, sagte Hornel. »Aber jetzt sind wir besser still, damit ich in Ruhe horchen kann.«

Silia war erstaunt, dass sich ihre Umgebung überhaupt nicht verändert hatte, seit sie eingeschlummert waren. Sie fragte sich, wie viele Höhlen und Abzweigungen wohl hinter diesen endlosen Ranken im Verborgenen blieben. Wege in die Tiefen der Welt, die kein Mensch kannte. Womöglich gab es dort noch viele Tore mehr, vor denen Drachen lagen und die Kinder von dieser Nala bewachten. Wer Nala wohl sein mochte? Und warum wurden ihre Kinder von Drachen bewacht? Und vor wem? Silia begann zu dämmern, was für ein fantastischer Ort diese Welt war. Sie hatte eben zum zweiten Mal ihr Dorf verlassen und bereits einen Drachen, Leuchtmulche, lebende Statuen, einen sprechenden Esel mit einem Einhorn-Horn, verzauberte Tiersoldaten und einen mächtigen Zauberer gesehen, und von noch vielen anderen Dingen mehr gehört. In wenigen Tagen hatte sie mehr gesehen und erlebt, als sie sich in ihrem bisherigen Leben hatte ausdenken können. Und doch fühlte sie sich schlecht und bekam das Bild ihres gefesselten Großvaters nicht aus dem Kopf. Auf einmal fühlte sie Tulmurs Hand auf ihrer Schulter.

»Sieh nur«, flüsterte er und zeigte den Weg vor ihnen hinab.

Sie waren um eine letzte Biegung gefahren und die Schlucht hinter sich gelassen. Vor ihnen führte der Weg hinab in einen dichten, grünen Wald. Dicke Nebelschwaden waberten zwischen den Baumwipfeln hervor. Zwischen den Bäumen am Waldrand war nichts als Dunkelheit, die jedes Licht verschlang. Silia erschauerte. Zwar sah das alles auf eine verwunschene Weise sehr hübsch aus, aber der Gedanke dort hineinzumüssen, um ein gemeingefährliches Fellknäuel zu fangen, lies ihr beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Über die Geräusche, die aus dem Wald den Weg herauf schallten, wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken. Als dann noch die ersten Sonnenstrahlen den Weg über die hohen Gipfel der Berge im Osten fanden und den Nebel in blutrot färbten, hätte Silia am liebsten losgeheult. Auch Tulmur sah aus, als hätte er einen mächtig dicken Klos im Hals.

Aber dann erkannte Silia einige der Berggipfel: das Drachenhorn mit seinen unbezwingbaren Steilhängen, der krumme Adlerkopf und der Sonnenwächter, hinter dem jeden Morgen die Sonne als erstes hervorlugte. Der vertraute Anblick gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und sie wusste, dass sie nicht weit von Zuhause sein konnte. Ihre Angst verschwand nicht vollends, aber sie konnte sich beherrschen. Zumindest bis sie den Waldrand erreicht hatten.

»Oha«, sagte Hornel plötzlich. Das Wort aus seinem Munde gefiel Silia nun gar nicht. Und auch, was er danach sagte, gab ihr wenig Zuversicht, das Ende des Tages zu erleben: »Ich habe mich leider nicht verhört. Es ist tatsächlich Elzigiwokro.«

»Wollen wir wissen, was das ist?« fragte Tulmur ängstlich.

»Eigentlich eher nicht, würde ich sagen«, antwortete Hornel wahrheitsgemäß, wenngleich nach einer kurzen Pause des Nachdenkens. »Aber wie ich es auch betrachte, es führt wohl kein Weg dran vorbei.«

Ein lautes Krachen wie von einem fallenden Baum unterbrach ihr Gespräch. Diesem Krachen folgte ein weiteres, dann noch eins und schließlich kippten zwei Bäume vor ihnen zur Seite.

»Muahahaha«, brüllte eine Stimme, wie von einem Chor sehr unbegabter Sänger, und Silia wusste nicht so recht, ob sie sich fürchten oder lachen sollte. Vor ihnen brach das eigenartigste Tier durch das Unterholz, das Silia je gesehen hatte und sie brauchte eine Weile, bis sie alles von diesem Tier gesehen hatte. Es war groß. Sehr groß sogar, mit grauen Beinen, dick wie Baumstämmen, die einen fassförmigen, ebenfalls grauen Körper durch die Gegend trugen. Außerdem zog es einen grünen, dicken, gepanzerten Schwanz hinter sich her, der beim Hin- und Herschwingen kleinere Bäume umriss. Am merkwürdigsten war aber das Vorderteil mit den drei Köpfen. Links sah Silia den Kopf eines weißen Ziegenbocks, auf einem lächerlich kurzen Hals. Daneben, in der Mitte also, gab es einen endlos langen Hals, braun-gelb gefleckt, mit einem Kopf der gleichen Farbe. Aus dem Kopf ragten zwei Hörner mit Bommeln am oberen Ende und das Gesicht erinnerte Silia nur ganz entfernt an eine Mischung aus Pferd und Kuh. Auf der rechten Seite ließ ein Wolfskopf hechelnd seine Zunge heraushängen, der ebenso wie die Ziege viel zu klein für den gewaltigen Körper war. Silia war sich nicht sicher, ob sie das Tier zum Fürchten finden sollte. Allerdings fand sie es zum Fürchten, dass es ein derartiges Tier gab.

»Guten Morgen Elzi«, sagte Hornel.

»Der verlorene Sohn ist heimgekehrt«, sagte der Wolfskopf und fletschte die Zähne.

»Das verheißt nichts Gutes«, meckerte die Ziege kopfschüttelnd.

Das Tier in der Mitte blickte schweigend von oben auf sie herab.  

»Euch beide erkenne ich«, sagte Silia zu Wolf und Ziege, »aber was bist du?«

Der elend lange Hals beugte sich hinab und der Kopf verharrte nur kurz vor Silias Gesicht.

»Wenn ich du wäre, würde ich mich nicht ansprechen, du Würstchen«, sagte Kopf herablassend.

»Mähähähä, Würstchen«, meckerte die Ziege und der Wolf heulte vor Lachen dazu. Der lange Hals entfernte sich wieder nach oben, wo das lange Gesicht noch einmal um Anerkennung für diesen vortrefflichen Witz heischend seinen Nachbarn zunickte. Dann bis das Viech ein paar Blätter vom Baum.

»Das ist eine Giraffe«, sagte Hornel leise zu Silia.

»Ein Affe?« fragte Silia ungläubig. Sie hatte den Esel bei dem Lärm nicht richtig verstanden. Nun wurden das Gemecker und Geheule noch lauter. 

»Ein Affe«, meckerte die Ziege und der Wolf heulte dazu.

Der Giraffenkopf lehnte sich zur Ziege hinab: »Wenn du nicht willst, dass ich dich dem Wolf zum Fraß vorwerfe, dann bist du jetzt besser still.«

Die Ziege verstummte und versuchte, sich noch etwas weiter von ihren Nachbarn zu entfernen, was natürlich nicht ging. Der Wolf hingegen lehnte sich ein wenig vor, sah gierig zur Ziege hinüber und leckte sich das Gebiss. 

»Pfui, du langes Elend. Du solltest dich was schämen«, schrie Silia die Giraffe an. »Deinem eigen Fleisch und Blut vorzuschlagen, sich zu verschlingen. Ihr gehört zusammen, ob euch das passt oder nicht!«

Die Giraffe schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf, als hätte sie Wasser in den Ohren. Der Wolf sah Silia belustigt an, während die Ziege ihren Kopf abwartend auf die Seite legte.

»Ich hoffe sehr, dass ich mir das gerade eingebildet habe«, sagte die Giraffe nach einer ungläubigen Pause. »Sehr!« betonte sie noch einmal.

»Hör bloß auf mir zu drohen, du Scheusal«, rief Silia, die schon immer sehr wütend geworden war, wenn jemand Ziegen schlecht behandelte. »Ich bin schon mit ganz anderen Tieren fertig geworden, als mit dir«, brüllte sie hinterher. Als sie Tulmurs Blick bemerkte, fiel ihr selber ein, dass das nicht stimmte.

»Das ist genug«, sagte die Giraffe kalt. Dann sah es so aus, als wollte Elzi sich umdrehen, wahrscheinlich, um Silia mit dem riesigen Schwanz zu verhauen, aber das Hinterteil bewegte sich sogleich wieder zurück. Dann knickten die Hinterbeine ein und Elzis Körper setzte sich erst einmal auf den Waldboden.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte die Giraffe säuerlich. »Von der Zicke hier bin ich es ja gewohnt, aber du?« Sie sprach offenbar zum Wolf.

»Naja, ich will es mal so sagen«, begann der Wolf. »Mir ist gerade aufgefallen, dass du hier seit geraumer Zeit für ganz schön schlechte Stimmung sorgst.«

»Jawohl«, meckerte die Ziege. »Immer soll er mich fressen, wenn dir etwas nicht passt.«

»Das ist Meuterei«, rief die Giraffe. »Sofort stehen wir auf. Ich befehle es.«

»Du befiehlst es?« sagte der Wolf. »Wie wäre es, wenn ich dir in deinen langen Hals beiße?«

»Du drohst mir?« fragte die Giraffe entsetzt.

»Hört auf damit«, rief Silia dazwischen. »Das führt doch zu nichts. Warum streitet ihr euch denn? Ihr solltet zusammenhalten.«

»Das finde ich auch«, sagte die Ziege.

»Ich unterbreche nur ungern«, sagte Hornel. »Aber unsere Verfolger kommen eben um die letzte Biegung da oben.«

Alle sechs Köpfe blickten den Weg hinauf. Drei Reiter waren am oberen Ende des Weges aufgetaucht.

»Das ist Forsik«, sagte Silia. »Der in der Mitte.«

»Wäret ihr so freundlich, uns einfach durchzulassen?« fragte Hornel höflich. »Streiten könnt ihr euch auch mit denen.«

»Was wollt ihr eigentlich hier?« wollte der Wolf wissen.

»Wir sind gekommen, um den wilden Watz zu fangen«, antwortete Silia.

Giraffe, Wolf und Ziege stimmten ein wildes, nicht enden wollendes Gelächter, Gemecker und Geheul an.

»Ihr wollt den Watz fangen?« fragte die Giraffe nach einer Weile noch immer aus der Puste. 

»Ja«, sagte Silia.

»Unter diesen Umständen könnte ich mir tatsächlich vorstellen, euch passieren zu lassen«, sagte der Wolf. »Aber was ist mit denen da oben?«

»Die wollen uns davon abhalten«, schlug Tulmur vor, was ja auch irgendwie stimmte, wie Silia fand. Sie war froh, dass Tulmur das gesagt hatte. Ihr wäre das sicherlich nicht eingefallen.

Giraffe, Wolf und Ziege steckten ihre Köpfe zusammen und tuschelten eine Weile. Silia blickte über ihre Schulter nach hinten. Forsik und die anderen beiden Soldaten hatten bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt und kamen schnell näher. Die Giraffe sah noch einmal von der Ziege zum Wolf, dann wieder zur Ziege und nickte schließlich.

»Wir lassen euch passieren«, sagten die drei im Chor. 

»Das ist sehr freundlich«, sagte Hornel. »Könntet ihr unsere Verfolger aufhalten?«

»Mit Vergnügen«, grinste der Wolf.

»Vielen Dank«, sagte Hornel und trabte mit Silia und Tulmur auf dem Karren in die Schneise, die Elzi gerissen hatte.

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