Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel 9) Der wilde Watz
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie uns durchlassen«, sagte Tulmur, nachdem sie ein gutes Stück in den Wald gefahren waren. »Wieso haben sie das getan?«
»Angst«, sagte Hornel.
»Angst? Wovor denn?«
»Alle Kreaturen dieses Waldes haben Angst vorm Watz. Er schläft viel, aber wenn er erwacht ist er meistens sehr hungrig. Sie trauen uns zwar nicht viel zu, aber allein die Möglichkeit, dass wir den Watz von hier fortbringen könnten, hat gereicht. Außerdem hat Silia ihnen sehr geholfen.«
»Ich? Wie denn das?«
»Du hattest keine Angst vor Elzi.«
»Hatte ich wohl.«
»Aber du hast mit ihr gesprochen, als hättest du keine. Vielleicht hat das genügt, um sie daran zu erinnern, dass sie zusammengehören, die drei. Und dass sie eigentlich friedliebende Tiere sind.«
»Friedliebend? Der Wolf? Wölfe sind Räuber.«
»Nanana«, sagte Hornel. »Alle Tiere müssen fressen. So ist das nun einmal.«
»Aber Wölfe fressen Ziegen«, sagte Silia empört.
»Das ist der Lauf der Dinge, Silia. Der Wolf kann da nichts für. Es ist sein Instinkt.«
Hinter sich hörten sie plötzlich Geschrei und dann ein Krachen.
»Was war das?« fragte Silia.
»Dem Geräusch nach zu urteilen würde ich sagen, da ist jemand mit einer Rüstung gegen einen Baum geflogen. Aber wir müssen weiter. Wenn wir Glück haben, dann ist der Watz nicht allzu tief im Wald. Es gibt dort nämlich eine ganze Reihe von Kreaturen, denen ich nicht über den Weg laufen möchte.« Hornel schüttelte sich kurz und sowohl Silia als auch Tulmur wollten für den Augenblick keine weiteren Einzelheiten hören. Ihnen war auch so schon mulmig genug zu Mute.
Sie drangen tiefer in den Wald vor. Silia fand es beruhigend, dass es hier auch normale Tiere gab. Sie sah Vögel, Insekten, Eichhörnchen und eine ganze Menge Gewürm, das auf dem feuchten Waldboden kreuchte und fleuchte. Bei näherem Hinsehen entdeckte sie allerdings, dass die meisten dieser normal aussehenden Tiere, so normal dann doch nicht waren, wie es zunächst den Anschein hatte. Würmer mit Käferköpfen hatte Silia beispielsweise noch nie gesehen, ebensowenig wie Eichhörnchen mit Fangzähnen und Hörnern auf der Stirn, oder Vögel mit behaarten Klauen. Sie hörten noch ein wenig Kampflärm, bevor eine Stimme Rückzug rief. Dann hörten sie Elzi lachen, bevor Stille einkehrte.
»Es ist nicht mehr weit«, sagte Hornel leise.
»Woher weißt du das?« flüsterte Tulmur, aber Silia wusste es plötzlich auch. Von einem Schritt des Esels auf den nächsten waren keine Tiere mehr zu sehen. Kein Vogelgezwitscher, kein Gekrabbel. Nur der Wind in den Wipfeln der Bäume und das Nachgeben des Waldbodens unter den Hufen Hornels und den Rädern des Karrens. Silia hatte zuvor gar nicht bemerkt, wie sehr die Räder quietschten und knarrten. Dann hielt Hornel an und deutete mit dem Kopf nach vorn. Silia und Tulmur kletterten vorsichtig vom Wagen und schlichen sich neben Hornel.
Zwischen den Bäumen hindurch sahen sie eine Lichtung. Keine besonders große Lichtung, aber groß genug, dass selbst jetzt am Vormittag ein Fleckchen von der Sonne beschienen war. Auf diesem Fleckchen lag ein kleines Fellknäuel, das sich mal langsam ausdehnte, dann wieder kleiner wurde und dabei Geräusche wie von einer Säge von sich gab.
Tulmur tippte Silia mit der Hand auf die Schulter, formte mit den Händen ein Quadrat vor ihrem Gesicht und zeigte zum Wagen zurück. Offenbar wollte er den Käfig holen. Silia nickte und sah wieder zum Watz.
Er sah ganz friedlich aus. Silia erinnerte sich an ein anderes Mädchen aus dem Dorf, Tulla. Ihr hatte Großvater aus Ziegenhaar ein kleines Tier – eine Ziege, natürlich – gebastelt, mit dem sie kuscheln konnte, wenn sie nicht einschlafen mochte. Silia fand damals, dass diese kleine Ziege sehr flauschig war, aber der Watz sah noch um ein Vielfaches weicher und kuscheliger aus. Sie musste eine ganze Weile sehr genau hinsehen, bis sie unter dem Fell etwas erkennen konnte. Einen leicht geöffneten Mund, vor dem sich bei jedem Ausatmen ein paar Fransen bewegten. Darüber mussten irgendwo die Augen sein, aber die konnte Silia nicht sehen. Dann stand Tulmur wieder neben ihr und hielt den Käfig im Arm. Er machte irgendwelche Bewegungen mit dem Kopf in Richtung Watz, aber Silia wusste nicht so genau, was er ihr damit sagen wollte und hob die Schultern.
»Wir müssen ihm den Käfig überstülpen«, flüsterte Tulmur so leise er konnte, aber es war nicht leise genug.
Der Watz atmete mit einem Mal unruhiger. Dann öffnete er die Augen. Winzige Äuglein, die von einem Grunzen begleitet größer wurden, und zwischen den weichen Zotteln hindurchlugten. Silia fühlte sich ein wenig an Meister Thorbad erinnert. Noch immer verspürte sie keine Angst, bis Tulmur sich todesmutig mit dem Käfig auf den Watz stürzte.
Der Watz sprang mit einem riesigen Satz zur Seite. Dabei riss er sein Maul auf und entblößte zwei Reihen rasiermesserscharfer Zähne. Wie das möglich war, vermochte Silia nicht zu sagen, aber das Maul wirkte deutlich größer als das Tierchen selbst.
Als wollte der Watz Silias Verdacht bestätigen, sprang er als nächstes gegen einen Baum und biss diesen entzwei. Das hätte ihr genügen müssen, um endlich Angst zu bekommen, aber es gelang ihr einfach nicht, sich zu fürchten.
Dem Watz war ein Baum wohl nicht genug, weshalb er quer über die Lichtung flog und einen weiteren Stamm durchbiss wie eine Karotte. Tulmur hatte sich wieder aufgerappelt und folgte jeder Bewegung des Watzes mit seinem Körper. Den Käfig hielt er dabei vor seiner Brust. Der Watz ließ sich vom Baum fallen und kullerte über die Lichtung, Silia entgegen. Er kam ein paar Schritte vor ihr zum Liegen, öffnete sein Maul und brüllte ihr herzhaft entgegen. Tulmur und den Käfig hatte er wohl vergessen.
Der Zauberlehrling hielt den Käfig während seines Hechtsprungs über die Lichtung an den ausgestreckten Armen vor sich. Deshalb plumpste er natürlich sehr unsanft auf den Waldboden, weil er sich ja nicht mit seinen Armen abstützen konnte.
»Uuuufffff«, machte Tulmur, als die Luft aus seinem Körper gepresst wurde.
»Hmm?« machte der Watz, als sich der Käfig über ihn stülpte. Dann riss er mehrfach sein riesiges Maul auf und brüllte wie am Spieß, bevor er wie ein Besessener über die Lichtung tobte, Tulmur im Schlepptau.
Nun bekam Silia es doch ein wenig mit der Angst zu tun, aber es war hauptsächlich Sorge um Tulmurs Gesundheit. Sie sah zu Hornel, der auch nicht so recht wusste, was er tun sollte.
»Du musst Tulmur helfen, Hornel. Der Watz tut ihm weh.«
Der Esel legte seine Kopf von einer Seite auf die andere und wieder zurück, bis sich seine Augen aufhellten. Dann schloss er die Augen und Silia hörte eine sanfte Melodie in ihrem Kopf, die sie nie gehört hatte. Dazu hörte sie Worte und sie überkam der dringende Wunsch zu singen:
»Ratz‘, kleiner Watz.
Beende deine Hatz.
Geh‘ auf deinen Platz,
Du süßer kleiner Matz,
Du kleiner Schlummerschatz.«
Der Watz stieß noch drei Grunzer aus, schmatzte dann ein wenig und begann wieder zu schnarchen.
Tulmur lag keuchend auf dem Bauch, aber den Käfig hielt er immer noch fest in Händen. Als er merkte, dass der Watz sich nicht mehr bewegte, öffnete er erst ein Auge, dann das andere. Dann blinzelte er ein wenig, bevor er auf die Beine sprang und den Käfig umdrehte, um ihn zuzusperren.
»Silia«, sagte er. »Auf dem Karren liegen ein paar Ketten.«
Silia verstand und eilte zum Karren zurück, um die Ketten zu holen.
Es dauerte nicht lange und sie hatten den Käfig mit den dicken Ketten verschnürt und auf den Karren gebunden.
»Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hat geschlagen«, sagte Tulmur. Silia wusste nicht, was er damit meinte, aber sie sah wohl, dass er am ganzen Leib zitterte, als wäre ihm kalt. »Wie hast du das gemacht?« fragte er Silia, noch immer aus der Puste.
»Ich weiß es auch nicht. Ich habe das Lied in meinem Kopf gehört. Aber ich weiß nicht, wie es da reingekommen ist.«
»Wie ist das nur möglich?« sagte Tulmur. »Ich habe… Nein, so ein Unsinn.«
»Was denn?« fragte Silia.
»Ich habe es mir gewünscht. Ich habe mir gewünscht, dass er wieder einschläft. Ganz doll.«
Aus den Augenwinkeln sah Silia, wie Hornel seine Unterlippe vorschob und ihr die Zunge raussteckte.
»Du hast das gemacht, oder?« fragte sie den Esel.
»Manchmal gehen Wünsche eben in Erfüllung«, sagte Hornel weise. »Aber lasst uns aufbrechen. Ich habe keine guten Erinnerungen an diesen Teil des Waldes.«
*
Elzi war nicht mehr am Rand des Waldes, als sie dort vorbeikamen, aber sie konnten die Stimmen der drei Tiere hören. Offenbar saß Elzi irgendwo im Wald und lachte herzlich über die Begegnung mit den Soldaten. Silia war froh, dass sie endlich aufgehört hatten, sich zu streiten.
Mit jedem Schritt, den Hornel zwischen sie und den Wald brachte, wurden ihre Herzen leichter. Silia und Tulmur warfen noch einen letzten Blick zurück, bevor sie um die Biegung wackelten. Der Wald sah nun viel malerischer aus und längst nicht mehr so bedrohlich. Vielleicht lag es daran, dass der Watz nun nicht mehr dort hauste, vielleicht aber auch, weil sie nicht mehr dorthin mussten, sondern den Wald hinter sich ließen. Dann verschwand er hinter den rankenbewachsenen Felswänden und Silia und Tulmur lächelten sich glücklich zu. Sie hatten Gunselmirs Gruselwald überlebt.

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