Kibarak und der Erzähler der Nacht (1)

Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner

Kapitel 1 – Mecardir

Dunkelheit lag über Mecardir, als Kibarak erwachte. Er bekam schlecht Luft und fragte sich, woran das wohl liegen mochte. Erst als er den knirschenden Sand zwischen seinen Zähnen spürte, erinnerte er sich an das Spektakel vom vorigen Abend. 

Kibarak war mit seinen Eltern auf der ersten Terrasse des Sonnenberges gewesen, um sich von den Erzählern des Abends die Ereignisse des Tages berichten zu lassen, wie sie es jeden Abend taten. Die Sonne war unterwegs zu ihrem Nachtquartier jenseits der fernen Morgenberge im Westen, wie sie es ebenfalls jeden Abend tat. Aber noch bevor sie sich dort schlafen legte, schienen ihre müden roten Strahlen in Richtung der Abendberge und leuchteten dort auf eine unheilvolle, dunkle Wolke, die sich inmitten der Wüste östlich von Mecardir scheinbar wie aus dem Nichts gebildet hatte. Im Schein der Abendsonne, die ja noch über den Morgenbergen stand, sah die Wolke aus, als würde sie brennen, aber natürlich wusste jeder Bewohner von Mecardir, dass es sich lediglich um einen Sandsturm handelte. 

Diese Sandstürme zogen beinahe regelmäßig alle hundert Tage auf und dauerten für gewöhnlich bis zum Abend des folgenden Tages. Danach lag die Stadt unter einer feinen Sandschicht, was alle außer den Straßenkehrern störte, aber was sollte man dagegen schon tun.

Zumindest wusste Kibarak nun wieder, wieso es zwischen seinen Zähnen knirschte. Er erinnerte sich auch, dass es rege Diskussionen darüber gegeben hatte, ob nun die Berge im Westen Abend- oder Morgenberge hießen, oder eben die im Osten. Es gab so manches Für und Wieder und selbst die anwesenden Erzähler des Abends waren da nicht einer Meinung. Die Morgenberge lägen im Osten, so sagten manche, weil dort die Sonne schließlich auch aufgehe. Andere wiederum waren der Meinung, es habe mit der Stunde zu tun, zu welcher die schneebedeckten Gipfel der Berge im Schein der Sonne rötlich glänzten, und dies sei schließlich bei den Bergen im Westen morgens der Fall, weshalb sie – natürlich – Morgenberge genannt wurden. Wer nun glaubt, bei den Bewohnern von Mecardir handle es sich um ein schlichtes Völkchen, der liegt gar nicht so falsch.

Schließlich wurde es Kibaraks Eltern zu bunt und sie gingen nach Hause, um mit Palmharz gesüßtes Brot zu rösten, wie jeden Abend. Zum Brot gab es etwas Kamelschinken, den Kibaraks Vater mitgebracht hatte, nicht etwa, weil es etwas zu feiern gab, sondern weil er an diesem Abend keine Lust hatte, zum Brot das mit Palmharz gewürzte Palmblattmus zu essen. Kibs Mutter bereitete zwar ein ausgezeichnetes Palmblattmus, aber selbst das köstlichste Essen schreit manchmal nach Abwechslung. Und so hatte Kib an dem Abend darauf verzichtet, seine Zähne mit einer Palmwurzel zu reinigen, damit er möglichst lange den Geschmack des Kamelschinkens im Mund behalten würde. In dieser Nacht hatte er geträumt zu Gast auf einem Festmahl bei einem der Karawanenmeister zu sein.

Während Kib sich vorsichtig Schlaf und Sand aus den Augen rieb, hörte er die schnarrenden Schritte eines Bällchendrehers, der durch den Raum eilte wie ein aufgezogenes Blechspielzeug aus Machterok. Diesen schwarzen Käfern wurde es tagsüber sehr schnell zu warm, weshalb sie sich im Süden der Stadt nur nachts auf die Beine machten, um aus dem Dung der Sickergruben ihre Bällchen zu formen, mit denen sie ihren Nachwuchs fütterten. Diese Vorstellung half Kib so manchen Abend, das Palmblattmus dankbar zu genießen.

Jedenfalls war ihm nun klar, dass es noch vor Sonnenaufgang sein musste, wenngleich die Sonne sich wegen des Sandsturms erst am späten Vormittag zeigen würde. Und in der Tat war es stockfinster, als er die Augen öffnete. Kib blinzelte ein wenig, schloss die Augen, öffnete sie wieder, und nachdem er das mehrere Male getan hatte, konnte er ein bisschen besser sehen. Allerdings gab es da nicht viel: Der schwarze Käfer knatterte gerade um die Ecke und eine kleine Echse saß kopfüber neben der Fensteröffnung über Kibs Schlafstatt. Ansonsten war das kleine Zimmer wie immer, nur eben ein wenig sandiger als sonst. Kib entschied sich aufzustehen, bevor er womöglich vor Langeweile wieder einschlief.

Er reckte und streckte sich, schlüpfte in seine Hose und band sich seinen Lederbeutel um den Bauch. In diesem Beutel bewahrte er die Empfangsquittungen für Waren und Nachrichten auf, die er zwischen den Karawansereien hin- und hertrug, was im Großen und Ganzen der Inhalt seiner Arbeit war. Da aber die letzte Karawane Mecardir vor mehr als einer Woche verlassen hatte, war sein Quittungsbeutel auch seit einer Woche leer. Und nach dem Kamelschinken, den sein Vater gestern spendiert hatte, war nun auch die Familienkasse gebeutelt und es wurde höchste Zeit für einen neuen Auftrag. Sorgfältig knautschte Kib seine Kissen durch und reihte sie um die Palmblattmatte die Wand entlang. Dann warf er sich sein weites Hemd über und schlich aus dem Haus.

In der schmalen Gasse war es still. Niemand war hier um diese Zeit auf den Beinen, denn in Kibs Nachbarschaft lebten hauptsächlich Tuchmacher, Näher und Palmblattflechter wie seine Eltern und für die gab es nun wahrhaftig keinen Grund vor dem späten Vormittag aufzustehen.  Die meisten von ihnen arbeiteten lieber bis spät in die Nacht, wenn es angenehm kühl war, und schliefen dann so lange, bis die Hitze sie weckte. Früher aufzustehen wäre auch sinnlos gewesen, denn erstens waren ja noch keine Kunden auf den Beinen, um Tücher, Hemden oder Hosen zu erwerben, und für einen selber gab es auch nirgendwo etwas zu kaufen, denn die Märkte mit den Frischwaren öffneten ebenfalls erst am späten Nachmittag.

Die einzigen Menschen in Mecardir, die um diese Zeit aufzustehen pflegten, waren die Viehhirten im Norden der Stadt, die Laufburschen, wie Kib einer war, und die Straßenkehrer. Die Viehhirten hatten ihren Beruf in der Regel mit Bedacht gewählt, weil sie auf das Geschwätz anderer Leute gut verzichten konnten und Tiere eben nicht soviel redeten. Da passte dann auch das frühe Aufstehen gut ins Bild. Die Straßenkehrer nahmen sich den heutigen Tag sicher frei, denn wo lag schon der Sinn, die Straßen zu kehren, während der Sturm aus der Wüste mehr Sand herbeischaffte, als man wegzukehren imstande war. Und die Laufburschen? Auch die warteten sicherlich das Ende des Sandsturms ab, denn jeder wusste, dass eine Karawane aus Tsadh, jenseits der Abendberge im Osten, erwartet wurde, und diese, da bestand kein Zweifel, steckte im Sturm fest. Also hatten auch die Laufburschen keinen Grund, heute früh aufzustehen.

Kibarak wusste das natürlich. Aber dennoch trieb es ihn in die kühle, sandige Nacht hinaus, denn er hatte ein Gefühl. Es war ein neues Gefühl, ein Gefühl, das er nicht kannte. So ein Kribbeln, nicht in der Magengegend – das kannte er schon, seit Heraya, die Tochter der Palmblattflechter zwei Häuser weiter, ihn vor zwei Jahren am Brunnen beim Wasserholen geküsst hatte. Eidechsen im Bauch, hatte seine Mutter dieses Gefühl genannt, als er ihr davon erzählt hatte, und dass man dieses Gefühl bekomme, wenn man verliebt sei. Heute war er aber nicht verliebt, denn dieses Kribbeln war ein anderes. Es hatte angefangen mit dem kleinen Finger der rechten Hand und sich von dort den Arm entlang zum Kopf bewegt, wo es zunächst im linken Nasenflügel kitzelte, dann an der rechten Augenbraue zuckte, bis es schließlich in den Schläfen kribbelte. Kib wusste nicht, was das bedeutete, aber er ahnte, dass etwas geschehen würde, etwas ganz Besonderes. Dafür musste er sich nur auf den Westbalkon der zweiten Terrasse des Sonnenberges stellen und warten. Das sagte ihm sein Gefühl zwar nicht, aber ihm fiel einfach kein besserer Ort ein, um auf etwas Besonderes zu warten.

Die Gasse der Tuchmacher befand sich im Südwesten der Stadt, am Fuße des Sonnenberges, und um auf die zweite Terrasse zu gelangen, hatte Kibarak ein gutes Stück Weg vor sich. Also nutzen wir die Zeit und sehen uns diese denkwürdige Stadt einmal näher an.

Mecardir liegt an den Hängen zweier Berge, die eine tiefe Schlucht trennt. Im Norden befindet sich der Quellenberg, ohne dessen Wasser nicht einmal ein Kamel diesen Ort hätte aufsuchen wollen. Der Quellenberg ist üppig bewachsen und weitgehend unbewohnt, sieht man von einigen Palästen der Wohlhabenden und den Zelten der Viehhirten einmal ab. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Zum einen wären da die Seen auf den Terrassen des Quellenberges, wo Obst und Gemüse angebaut werden, was in keiner Wüste selbstverständlich ist. Auf den Terrassen ist also eigentlich kein Platz für Häuser, weswegen dort auch lediglich die Paläste der Familien der Karawanenmeister stehen. Warum das so ist und wer diese Leute sind, dazu später mehr.

An den Hängen des Quellenberges stehen ebenfalls keine Häuser. Dabei wäre dort ausreichend Platz und tatsächlich standen früher auch Häuser dort. Es ist aber nun einmal so, dass es einmal im Jahr in Mecardir regnet, und zwar für drei Tage am Stück. In dieser Zeit treffen die Bewohner der Stadt alle nötigen Vorbereitungen für das große Blumenfest. Denn nach dem Regen sprießen aus den Hängen des Sonnenberges und aus dem scheinbar unfruchtbaren Wüstenboden rings umher Tausende von Blumen in den schillerndsten Farben. Binnen einer Woche unter der unbarmherzigen Wüstensonne verblühen sie dann wieder, aber während dieser Woche ruht die Arbeit in Mecardir. Selbst die Karawanen werden während dieser Zeit nicht abgefertigt, aber so manchen Händler aus fernen Ländern stört das nicht im geringsten, denn das Blumenfest von Mecardir ist eine Reise selbst durch die glühendste Wüste wert. Doch zurück zu den Hängen des Quellenberges.

Während des ersten Regentages kühlt sich die Luft ein wenig ab und unbeschreibliche Düfte wehen die Hänge hinab und niemand in Mecardir könnte sich etwas schöneres vorstellen, als dort an diesen Hängen inmitten dieser Düfte zu wohnen. Nach dem ersten Regentag treten dann die ersten Seen auf den Terrassen über die Ufer und bald schon haben sich die duftenden Hänge des Berges in reißende Wasserfälle und Schlammlawinen verwandelt. Während dieser Zeit sieht der Berg so aus wie ein überkochender Topf mit Deckel.

Eigenartigerweise kann diese Naturgewalt den Bäumen und Sträuchern an den Hängen nichts anhaben. So haben jedenfalls die ersten und letzten Hanghausbauer erfahren, dass man an den Hängen des Quellenberges zwar bauen kann, aber eben nicht für die Ewigkeit. Letzteres beherzigen die Viehhirten, die ihre Ziegen während des Jahres die Hänge hinauf und wieder hinunter treiben, denn sie leben in Zelten. Sobald der erste Regen fällt, bauen sie ihre Zelte ab und ziehen mit ihren Herden zur Ruine des alten Fürstenpalastes im Palmenwald über dem westlichen Ende der Schlucht, welche die beiden Berge trennt. Dort verbringen die Viehhirten von Mecardir das Blumenfest. Nach dem Fest erinnert sich dann ein jeder, dass er andere Menschen nicht gut leiden kann und zieht wieder seines Weges.

Der andere Berg, südlich des Quellenberges, wird Sonnenberg genannt, was wohl daran liegt, dass die Sonne den ganzen Tag auf seine Hänge scheint, während der Quellenberg um die gesamte Mittagszeit herum im Schatten liegt. Auf den Hängen des Sonnenberges befinden sich die meisten Häuser der Stadt. Die Terrassen des Sonnenberges sind dabei kaum bebaut, sondern dienen Händlern und Bauern dazu, ihre Waren feilzubieten. Lediglich Gebäude, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind, stehen hier, wie etwa das Gericht oder die Einwohnerregistratur. Die Hänge zwischen den Terrassen sind voller Häuser und enger Gassen, die ein für Fremde undurchdringliches Labyrinth bilden. Aber weiter als bis zur ersten Terrasse des Sonnenberges wagt sich ohnehin kein Fremder, denn fremd ist Mecardir allen, die nicht in dieser Stadt aufwachsen.

Nun mag so manch andere Stadt dies ebenfalls von sich behaupten, aber es ist doch anders. In den Städten des Ostens, ganz gleich ob Perm, Masurta oder auch Tsadh, findet man sich schnell zurecht, denn wenn sie sich doch in Aussehen und Lage unterscheiden, so denken die Bewohner dieser Städte doch alle recht ähnlich, wenn diese das auch verneinen würden. Aber diese Ähnlichkeit im Denken zeigt sich in der Art, wie sie ihre Städte errichten.

Dass die Einwohner von Mecardir anders sind, ist weithin bekannt. Wie anders sie aber sind, wissen nur wenige, obwohl es viele Belege dafür gibt, wie beispielsweise die Geschichte mit der Schlucht. Die Schlucht, welche die beiden Berge trennt, verläuft wie mit der Schnur gezogen von West nach Ost – oder anders herum, da sind sich nicht einmal die Erzähler des Abends einig. Die steilen Wände der Schlucht sind an der breitesten Stelle sechzig Fuß voneinander entfernt und ragen über dreitausend Fuß in die Höhe.

Zwei Dinge sind hierbei von Bedeutung, um zu begreifen, warum die Bewohner von Mecardir anders sind als die anderer Städte. Erstens kommt es niemandem in den Sinn anzunehmen, dass es sich bei den steilen Wänden der Schlucht um die Südflanke des Quellenberges und die Nordflanke des Sonnenberges handelt. Für die Bewohner ist die Schlucht etwas gänzlich Eigenständiges und liegt nur zufällig zwischen den Bergen. Sollte sich irgendwann mal jemand darüber Gedanken gemacht haben, so wäre ihm vielleicht der zweite Grund in den Sinn gekommen, nämlich dass die Steilwände an gewissen markanten Stellen zusammenpassen würden, und zwar derart, dass man auf die Idee kommen könnte, einstmals wären diese zwei Berge ein einziger gewesen, den man in der Mitte auseinander gerissen hat. Nähert man sich der Stadt aus der Ferne, so wirken die beiden Berge ebenfalls wie ein einziger Berg, aber die Bewohner von Mecardir verlassen ihre Stadt nur selten und jene, die es tun, kehren noch seltener zurück, weshalb kaum ein Einheimischer je die Berge als einen sah. Und von diesen wenigen Einheimischen erzählt man sich Geschichten.

So auch von Hamrid, der einst ins ferne Thangerok – im Westen, hinter den Morgenbergen – aufbrach, um die hohe Kunst der Astrologie zu studieren, weshalb er ohnehin als nicht ganz bei Trost galt. Besagter Hamrid kehrte eines Tages zurück und erzählte viele Dinge, die ihm niemand glauben wollte. Unter diesen Geschichten, die Hamrid zum Besten gab, war eben auch die, dass die beiden Berge Mecardirs einstmals ein einzelner Berg gewesen seien, was man auch sehen könne, wenn man sich der Stadt vom Westen her nähere. Da mancher sich noch an Hamrid erinnerte, bevor er die Stadt verlassen hatte, nahm man sein Gerede zunächst nicht ernst. Das änderte sich als er begann, sich auf der ersten Terrasse des Sonnenberges zu den Erzählern des Abends zu gesellen und abenteuerliche Ideen zu verbreiten. So bezweifelte er eines Tages die Richtigkeit des Kalenders von Mecardir, woraufhin man ihn mit Schimpf und Schande aus der Stadt jagte. Noch heute sagt man in Mecardir über jemanden, der seinen Verstand verloren hat, er habe die Sterne studiert.

Dabei hatte Hamrid eine erstaunliche Entdeckung gemacht, die ebenfalls mit der Beschaffenheit der Schlucht zusammenhängt. Steht man an einem gewissen Tag am Westende der Schlucht, so sieht man die Sonne genau am anderen Ende im Osten aufgehen. Am Abend dieses Tages geht sie dann vom Ostende aus betrachtet genau im Westen, also am anderen Ende der Schlucht, wieder unter. Die Einwohner von Mecardir nennen diesen Tag Neujahr. Danach geht die Sonne jeden Tag ein Stückchen weiter nördlich auf und auch wieder unter, zumindest beinahe neunzig Tage lang. Dann nämlich setzt der Regen ein und man sieht die Sonne drei Tage lang überhaupt nicht. Mit Beginn des Blumenfestes wandern Sonnenauf- und Untergang wieder gen Süden. Schließlich geht die Sonne am einhundertzweiundachtzigsten Tag nach Beginn der Wanderung nach Norden wieder genau im Osten auf und ein neues Jahr beginnt. Kurioserweise wandern Sonnenauf- und Untergang nun bis zum Einsetzen des Regens nach Süden, aber ansonsten ist alles wie im Vorjahr. So kennt man in Mecardir die Jahre der Nordsonne und die Jahre der Südsonne und glaubt man den Erzählern, so ist dies schon immer so gewesen.

Hamrid nun verbreitete die Kunde, dass es keineswegs so etwas wie ein Jahr der Südsonne oder eben ein Jahr der Nordsonne gäbe, sondern dass beide zusammen ein Jahr seien, was in allen anderen Teilen der Welt bekannt sei. Dort hätten die Jahre dreizehn Monde, in Thangerok auch Monate genannt, und demzufolge dreihundertvierundsechzig Tage. Noch am selben Tag traf der Rat von Mecardir zusammen, um Hamrid aus der Stadt zu verbannen. Manch einer soll gar mit Steinen nach dem Verrückten geworfen haben.

Kibarak und die anderen Kinder hatten herzlich gelacht, als sie diese Geschichte kurz vor Kibs vierundzwanzigstem Geburtstag zum ersten Mal hörten. Einer der Erzähler des Tages, die den Kindern der Stadt zwölf Jahre lang alles beibringen, was es über die Welt – Mecardir – zu wissen gibt, berichtete von der Geschichte Hamrids und lachte dabei selber Tränen. Mit vierundzwanzig dürfen die Kinder dann damit beginnen einen Beruf zu erlernen, oder zumindest in verschiedene Tätigkeiten hineinzuschnuppern. Am fünfunddreißigsten Geburtstag schließlich legt ein jedes Kind eine Prüfung vor den Meistern seines Berufs ab und wird damit in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Mit vierzig Jahren schließlich dürfen die Bewohner von Mecardir heiraten.

Wie bereits erwähnt liegt Mecardir inmitten einer Wüste. Unter normalen Umständen würde dies bedeuten, dass sich kaum jemals irgendwer nach Mecardir verirren würde, aber in diesem Fall liegen die Dinge eben anders als normal. Die Wüste ist ringsherum von Bergen eingeschlossen. Im Osten die Abendberge, im Westen die Morgenberge, oder anders, je nachdem. Auch im Norden und im Süden gibt es Berge, die man aber selbst vom Gipfel des Sonnenberges nur an ganz klaren Tagen erahnen kann. Und da der Aufstieg zum Gipfel des Sonnenberges sehr beschwerlich ist und die Tage in der Wüste zwar klar, aber die Sicht doch meist von flimmernder Luft arg getrübt ist, ist nicht bekannt, ob irgendjemand sie je erblickt hat.

Aber die Händler aus dem Süden, die mit ihren Karawanen Waren aus einer Stadt namens Mogaranoë bringen, die am Ufer eines unvorstellbar großen Sees gleichen Namens liegen soll, bezeugen allesamt, dass sich dort in der Tat Berge befinden. Diese Berge sind so hoch, sagen die Händler, dass man sie nicht überqueren kann. Nur eine Stelle gibt es, einen Pass, sagen die Händler, der durch diese unüberwindbaren Zinnen aus Fels führt. Und als wäre all dies nicht schon seltsam genug, so erzählen die Händler aus dem Westen, dem Norden und dem Osten über ihre Berge die gleichen Geschichten.

Und wie es der Zufall will, gibt es hinter allen Bergen Dinge, welche die Händler aus Gegenden hinter anderen Bergen gut gebrauchen können. Dinge, die sie in Mecardir tauschen, denn der Weg durch die Wüste ist weit und unwirtlich und niemand reist gerne ganz hindurch, wenn er auf halbem Wege seine Waren tauschen und danach umkehren kann. Tja, und auf halbem Wege, ganz gleich woher man kommt, liegt nun einmal Mecardir, als wäre es dafür gemacht.

Früher herrschte ein Fürst über die Stadt, aber er ließ die Karawanen miteinander handeln, wie es ihnen beliebte, solange seine Palastküchen nicht zur Ruhe kamen und der Dattelwein ihm über seinen  stolzen Bart auf den noch stolzeren Wanst troff. Doch das ist lange her und außer den Erzählern erinnert sich niemand mehr daran. Heute sind es die Karawanenmeister, welche die Geschicke der Stadt lenken und den Handel zum Wohle aller organisieren:

Im Westen, wo die Karawanen aus dem fernen Thangerok ihre Waren umschlagen, verwalten die erhabene Ayalala und der umsichtige Ibernar den Wohlstand der Stadt. Im Norden wacht der ehrwürdige Farminach über den Handel zwischen Ost und West und nimmt alle zwei Jahre die Karawane aus dem sagenumwobenen Reich der Elfen in Empfang.

Im Osten betreuen die liebreizende Inyabal und der schlaue Oburak den Handel mit Masurta und Tsadh sowie dem Zwergenreich Machterok, während im Süden die ebenso mächtige wie ehrfurchtgebietende Menrika die Geschäfte mit den Zwergen und Menschen von den Ufern des Mogaranoë organisiert.  Diese sechs sind der Rat von Mecardir und ihr Wort ist Gesetz.

Dafür, dass sie so edel und großmütig über die Geschicke der Stadt wachen, ist es ihnen – und nur ihnen – erlaubt, ihre Paläste auf den grünen Terrassen des Quellenberges zu errichten. Meistens gibt jedoch ein Karawanenmeister seine Geschäfte an Sohn oder Tochter weiter, so dass die Zahl der Paläste nicht oft zunimmt.

Gelegentlich geschieht es aber doch, dass ein Spross sich dem Amte nicht gewachsen fühlt. Dann darf die Familie zwar weiterhin im Palast wohnen, aber der Rat wählt einen neuen Karawanenmeister und der darf sich, nachdem er von den anderen in die Geschäfte des Aufsehers über den Handel der Karawanen aus allen Teilen der Welt eingeweiht wurde, einen neuen Palast bauen.

Diese Karawanen aus aller Welt bringen nicht nur Waren nach Mecardir, sondern auch Geschichten aus fernen Ländern. Diese Geschichten sammeln die Erzähler und gegen Abend, kurz vor dem Untergang der Sonne, versammeln sich Tausende und Abertausende auf der gewaltigen ersten Terrasse des Sonnenberges und lauschen den Erzählern des Abends in ihren Zelten, lassen sich die Welt erklären und kehren danach verständnisvoll nickend in ihre Häuser zurück, wo sie sich beim Essen über ihr Glück freuen, in Mecardir, der wunderbarsten Stadt der Welt, leben zu dürfen.

In den frühen Morgenstunden jedoch ist es still auf der ersten Terrasse und so war es auch an jenem Morgen, als Kibarak zwischen den sandigen Zelten der Erzähler entlangschlenderte, um sich so seinen Weg zur Treppe zu bahnen, welche zur zweiten Terrasse hinaufführte.

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