Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel 10) Forsik
In den Abendstunden verkündete Hornel, dass er sich ein wenig ausruhen musste.
»Ich bin zwar kein gewöhnlicher Esel«∞ sagte er, »aber zwei Tage und Nächte auf den Beinen und vor einem Karren sind auch mir zuviel. Außerdem haben Spöte und Krinne mir den letzten Nerv geraubt.«
Silia kicherte, als sie an die beiden eigenartigen Tiere, die Kröte mit den Spinnenbeinen und die Spinne mit den Krötenbeinen, zurückdachte. Die beiden waren sich offenbar nicht sicher, wer von ihnen wer war, aber sie waren sehr glücklich, dass der Watz endlich den Wald verlassen hatte. Leider hopsten sie ein gutes Stück des Weges hinter ihnen her, um ihnen das wieder und wieder zu sagen. Wahrscheinlich wären sie immer noch bei ihnen gewesen, hätte Tulmur sie nicht darauf hingewiesen, dass der Wald in der anderen Richtung lag. Daraufhin waren sie quietschend Hals über Kopf aufgebrochen.
Silia und Tulmur war ein Nachtlager ebenfalls recht. Auf eine weitere Nacht auf dem schaukelnden Karren konnten beide verzichten. Tulmur machte Hornel los und dieser faltete augenblicklich seine Beine unter sich zusammen und schlief ein. Silia schlich vorsichtig zur nächsten Biegung, nur um sicher zu gehen, dass dort diesmal niemand war.
Als sie jedoch um die Ecke guckte, sah sie den Schein eines oder mehrerer Feuer, die wiederum hinter der nächsten Ecke brennen mussten.
»Tulmur«, flüsterte sie dem Zauberlehrling zu, bevor sie vorsichtig weiter schlich.
Hätte sie sich umgedreht, so hätte sie sicherlich gesehen, dass Tulmur damit überhaupt nicht einverstanden damit war. Er riss die Augen auf, wedelte mit den Armen, schüttelte den Kopf. Nur drehte Silia sich eben nicht um, weshalb Tulmur ihr wohl oder übel folgen musste.
Er lief ihr so leise er nur konnte hinterher und war fast bei ihr, als sie um die nächste Biegung sah.
»Ich sehe die Soldaten«, flüsterte Silia Tulmur zu. »Und die Gefangenen sehe ich auch. Aber dieser Forsik… den sehe ich nirgendwo.«
»Ich bin hier«, sagte Forsik.
Eine schwere Hand in einem ledernen Handschuh schob sich durch den Rankenteppich und legte sich von hinten auf Silias Schulter. Dann kam der Rest von Forsik hinterher.
»Hab ich dich endlich«, sagte er grimmig. »Und du kommst mir besser nicht zu nahe«, raunzte er Tulmur an. »Das geht dich nichts an. Sieh zu, dass du Land gewinnst, bevor ich’s mir anders überlege.«
Er packte Silia unsanft am Hals und drückte sie in Richtung seines Lagers. Zwar wollte Silia da auch hin, um Großvater zu retten, aber auf gar keinen Fall wollte sie eine Gefangene Forsiks sein. Aber was sollte sie tun? Mit ihm kämpfen kam wohl nicht in Frage. er war groß und sehr kräftig. Außerdem hatte er ein langes, sehr scharf aussehendes Messer in der Hand. Allerdings humpelte er und sein rechtes Auge war zugeschwollen. Sie drehte sich noch einmal um und sah, wie Tulmur richtig finster dreinblickte. Dann nickte Tulmur ihr unmerklich zu, bevor Forsik sie um die nächste Ecke schubste und sie Tulmur nicht mehr sehen konnte.
»Ich weiß ja nicht, wie du das alles überlebt hast, kleine Dame, aber eines solltest du dir merken: Niemand entkommt Forsik. Niemand.«
»Pfft«, sagte Silia.
»Wenn du ein wenig älter wärst, dann müsste ich dich jetzt töten. Weißt du das? Du hast dich deinem König widersetzt. Das ist Hochverrat. Hast du dir das mal überlegt? Hochverrat.«
»Du bist nicht mein König«, sagte Silia
»Aber ich bin im Auftrag des Königs unterwegs.«
»Das kann ja jeder sagen.«
Forsik lachte. »Dir muss ich gar nichts beweisen. Du wirst deinem König in den Minen dienen.« Er lachte, wohl, weil er seinen Reim für witzig hielt.
»Du bist nichts weiter als ein dreckiger Wegelagerer«, sagte Silia.
Forsik schlug ihr mit der flachen Hand in den Nacken. Silia sah Sterne vor ihren Augen und spürte, dass sie Nasenbluten bekam. »Sei lieber ganz vorsichtig wie du mit mir redest. Meine Geduld mit dir ist erschöpft.«
Das erste, was Silia sah, als sie dem Soldatenlager näher kamen, waren die traurigen Augen ihres Großvaters.
*
Tulmur war außer sich vor Wut. Erst dachte er, er wäre wütend auf Silia, aber das war ungerecht. Hätte er das Lager zuerst erspäht, wäre er doch auch hingegangen, um nachzusehen. Als nächstes dachte er, er wäre wütend auf Hornel, weil er sie den gleichen Weg zurückgeführt hatte. Aber das war auch nicht gerecht, weil sie sich alle entschieden hatten, den gleichen Weg zurückzugehen. Es war ja nicht abzusehen, ob und wo sie den Soldaten wieder über den Weg laufen würden. Nein, wenn er es so recht bedachte, war er wütend auf sich, weil er ein kleiner Nichtsnutz war, der Silia nicht vor diesem Grobian beschützen konnte.
»Das gibt’s doch einfach nicht. Zwei Jahre lebst du schon bei Meister Thorbad und du kannst noch immer kein Fitzelchen zaubern«, schimpfte er sich aus.
»Aber du kannst«, hörte er die schläfrige Stimme des Esels.
Tulmur fuhr herum. »Was redest du da? Nichts dergleichen kann ich. Ich habe nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie man zaubert.«
Hornel erhob sich und trottete Tulmur ein paar Schritte entgegen.
»Aber Tulmur«, sagte er, »das ist doch einfach nicht wahr. Du weißt sehr wohl, wie das geht. Du hast es nur noch nie gemerkt, wenn es dir gelungen ist. Du hast Silia das Schlaflied für den Watz singen lassen.«
»Hab ich nicht. Das warst du.«
»Ich habe dir nur die Kraft gegeben, die du dafür brauchtest.«
»Hör auf mich zu veräppeln«, sagte Tulmur gereizt.
»Du musst dich beruhigen«, sagte Hornel mit leicht veränderter Stimme.
»Ich muss mich beruhigen«, wiederholte Tulmur leise. »Du hast recht, Hornel. Ich muss mich beruhigen.« Er atmete einige Male tief durch. »Gut. ich bin ganz ruhig. Was jetzt?«
»Was wünscht du dir am meisten, Tulmur?«
»Ich will Silia retten.«
»Das ist gut, aber taugt nicht für einen Zauber. Wie willst du Silia retten?«
»Am liebsten würde ich in das Lager gehen und sie einfach mitnehmen.«
»Aber sie würden dich entdecken«, sagte Hornel.
»Aber wenn sie mich nicht sehen könnten…«, sagte Tulmur. »Wenn ich unsichtbar wäre…«
»Wünscht du dir unsichtbar zu sein, Tulmur?«
»Ja, das wünsche ich mir sehr«, sagte Tulmur.
»Siehst du?« sagte Hornel. »Das war doch gar nicht so schwer.«
»Wie meinst du das?« fragte Tulmur.
»Ich kann dich nicht mehr sehen«, sagte Hornel.
Tulmur versuchte seine Nasenspitze zu sehen, aber sie war nicht mehr da. Er hob einen Arm in die Höhe, aber den konnte er auch nicht sehen.
»Das ist ja verrückt«, sagte er. »Ich bin unsichtbar.«
»So ist es. Und nun solltest du lieber still sein. Wir bekommen Besuch.«
Tulmur lauschte. In der Tat hörte er Schritte näherkommen. Er lugte um die Ecke und sah Forsik und einen weiteren Soldaten, wie sie sich seinem Lager näherten. Sie schlichen im Schatten der Ranken um die Ecke und blickten verdutzt in das Gesicht eines Esels.
»I-Ah«, sagte Hornel.
»Wo ist der Kerl hin?« fragte Forsiks Begleiter leise.
Forsik legte den Finger an die Lippen und zeigte auf die andere Seite des Karrens. Sein Begleiter machte sich vorsichtig auf den Weg dorthin.
Tulmur konnte es nicht glauben. Forsik hatte direkt vor ihm gestanden und ihn nicht gesehen. Es funktionierte tatsächlich. Das musste er ausnutzen, fand er, und machte sich auf den Weg zum Lager der Soldaten. Dann hielt er inne, als Forsik sprach.
»Wo ist dein Herrchen, Esel? Und warum trägst du diesen bescheuerten Hut? Lass mich mal sehen.«
Tulmur guckte wieder um die Ecke und sah, wie Forsik nach dem Strohhut griff. Das hätte er aber besser nicht getan. Hornel drehte sich auf den Vorderbeinen und hieb Forsik seine Hinterhufe mit voller Wucht in die Rippen. Forsik konnte nicht einmal schreien, sondern ließ nur ein zaghaftes ›Uff‹ hören. Dann flog er durch die Luft und krachte zwischen den Ranken hindurch gegen die Felswand.
Tulmur hörte, wie sich etliche Steine lösten und den atemlosen Forsik unter sich begruben. Dann knöpfte sich Hornel den anderen Soldaten vor. Dieser versuchte zwar, den Karren zwischen sich und den wütenden Esel zu bringen, aber dafür war er zu langsam und Hornel zu aufgebracht. Ein saftiger Tritt beförderte den Soldaten zu seinem Anführer, wo er ächzend unter einer weiteren Gerölllawine begraben wurde.
»Beeil dich«, rief Hornel Tulmur zu, was dieser sich kein zweites Mal sagen ließ.
Er lief so schnell er konnte los, den anderen Soldaten entgegen, die von dem Lärm alarmiert worden waren und nun herbeigeeilt kamen, um nach dem rechten zu sehen. Sie sahen Tulmur nicht. Aber es geschah auch noch etwas, was Tulmur nicht mitbekam.
Der Watz hatte den ganzen Tag friedlich geschlafen. Das sanfte Schunkeln des Karrens hatte ihm süße Träume bereitet, aber nun war es plötzlich sehr laut geworden. Außerdem schaukelte es nicht mehr. Als er die Augen öffnete sprang ein Mann in einer köstlich ausschauenden Kettenrüstung um seinen Käfig wie wild herum. Zweifellos wollte der Mann seinen Appetit anregen, denn er sprang von links nach rechts, auf und ab, und wieder zurück. So war es dem Watz gerade recht, gut durchblutetes Essen mochte er am liebsten. Doch dann tat der Mann einen enormen Sprung davon, um sich hinter irgendwelchen Schlingpflanzen zu verstecken. Es war, als hätte ihm jemand den Teller vor der Nase weggezogen und das machte den Watz wütend. Sehr wütend. Als er darauf eine ganze Gruppe Grimassen-schneidender näherstürmen sah, die ebenfalls um den Käfig zu tanzen begannen, sah der Watz rot. Er war ja an sich ein friedliebendes Tier, aber dieses Spektakel empfand er als nackte Provokation, und biss sich folgerichtig durch die Gitterstäbe, die im Übrigen sehr schmackhaft waren. Die leckeren Ketten regten seinen Appetit noch weiter an und nach einem weiteren Blick auf das tanzende Abendessen ringsumher, gab er sich endgültig seiner unbändigen Fresslust hin.
*
»Ich bin froh, dass du noch lebst, mein Kind«, sagte Großvater, nachdem Forsik sie festgebunden hatte. »Ich wünschte nur, du hättest dir einen anderen Platz dafür erwählt.«
Silia blickte betreten zu Boden. »Ach, Großvater. Ich wollte doch nur gucken, wo das Licht herkam. Ich wollte mich doch gar nicht fangen lassen.«
»Das weiß ich doch«, sagte Großvater lächelnd. »Aber eines ist gewiss: Sie werden das noch bitter bereuen, meine kleine Silia einzusperren.«
»Meinst du?«
»Ich kenne dich. In deinem Herzen bist du frei wie ein Vogel. Und dein Herz kann niemand in Ketten legen.«
Silia musste ein paar Tränen unterdrücken, denn sie wollte nicht, dass Großvater sie weinen sah. Deshalb blickte sie zur Seite und sah, wie Forsik und ein anderer Mann das Lager in Richtung Tulmur und Hornel verließen. Anscheinend hatte sie es sich anders überlegt und wollten sich einen weiteren Gefangenen nicht entgehen lassen.
»Tulmur«, sagte Silia schwach.
»Was ist?« fragte Großvater. »Wer ist Tulmur?«
»Der Zauberlehrling, mit dem ich reise. Er ist sehr nett und tapfer. Aber auch ein bisschen hilflos. Und jetzt wollen sie ihn auch fangen.«
»Das tut mir leid«, sagte Großvater.
»Das ist alles meine Schuld. Warum nur muss ich immer so neugierig sein? Warum konnte ich nicht einfach bei Hornel und Tulmur bleiben?«
»Auch wenn ich dir nicht ganz folgen kann, so weiß ich doch eines«, sagte Großvater. »Ebenso wie du frei bist in deinem Herzen, bist du wissbegierig. Du hast schon immer alles von allen Seiten betrachtet, mit deinen Blicken verspeist. Schäme dich nicht dafür, die Dinge verstehen zu wollen.«
Silia seufzte, als sie plötzlich Hornel schreien hörte. Die darauf folgenden Geräusche konnte sie nicht genau einordnen, aber was auch immer geschah, es sorgte für Unruhe im Lager. Kurz darauf gab es ein schepperndes Geräusch und die meisten Soldaten sprangen auf und eilten in Richtung von Silias Lager. Zurück blieben lediglich zwei Wachen und der große, gepanzerte Mann, den Silia am Fuß der Klippen neben Forsik gesehen hatte. Allerdings stand auch dieser nun gespannt vor dem Eingang seines Zeltes. Seine linke Hand ruhte auf dem Heft seines mächtigen Schwertes, während er seinen Helm unter den rechten Arm geklemmt hatte. Und dann drangen Schreie von Silias Lager herüber.
»Psst«, flüsterte eine Stimme rechts neben ihr. »Silia.«
Sie sah sich um. Großvater saß links von ihr. Rechts war niemand zu sehen.
»Ich bin’s«, flüsterte die Stimme. »Tulmur.«
»Tulmur?« fragte Silia ungläubig. »Wo bist du?«
»Ich bin hier«, sagte Tulmur leise. »Direkt neben dir.«
»Ich kann dich nicht sehen.«
»Ist das nicht großartig?« sagte Tulmur nicht ohne einen Anflug von Stolz in der Stimme. »Ich bind euch jetzt los.«
Silia spürte, wie die Fesseln, die ihre Hände zusammenhielten, gelöst wurden. Dann erging es Großvater ebenso.
»Ich mache weiter. Bewegt euch nicht«, sagte Tulmur.
Silia nickte und lauschte dem Lärm, der von ihrem Lager herüberdrang. Sie wusste nicht genau, wer da gegen wen kämpfte, aber die Schreie, die sie hörte, kamen von Menschen. Da aber außer ihr und Tulmur keine Menschen in ihrem Lager gewesen waren, mussten diese Schreie von Forsiks Soldaten stammen. Wobei sie allmählich den Eindruck gewann, dass Forsik gar nicht der Anführer dieser Leute war, sondern der Panzermann, der gerade jetzt zu ihnen sah.
»Was zum…«, sagte er und ging ein paar Schritte auf sie zu.
Silia drehte sich zu Tulmur, um ihn zu warnen, aber da erkannte sie auch schon das ganze Ausmaß des Schlamassels. Tulmur war nicht mehr unsichtbar, sondern saß ganz fröhlich hinter einem der alten Männer aus Silias Dorf und löste dessen Fesseln.
»Tulmur«, hisste Silia.
Tulmur blickte auf. »Mmh?«
»Ich kann dich sehen.«
Tulmur guckte angestrengt zu Silia. Er verstand sie offenbar nicht.
»Ich… kann… dich… sehen«, formte sie jedes Wort deutlich mit dem Mund. Tulmur legte den Kopf auf die Seite, als ob er nachdachte. Dann zuckte er zusammen, hielt sich die Hand vor die Nase, und zuckte noch heftiger zusammen.
»Was machst du da?« brüllte der Anführer der Soldaten. Die anderen beiden Wachtposten hatten sich zu ihm gesellt, so dass nun niemand mehr dem Kampflärm aus dem anderen Lager lauschte und deswegen auch niemand mitbekam, dass jener Kampflärm mit einem letzten Röcheln des letzten Soldaten verklungen war.
Tulmur war inzwischen aufgesprungen und sah sich wild nach allen Seiten um. Er stellte leider sehr bald fest, dass er sich in einer sehr ungünstigen Ausgangslage für einen erfolgreichen Fluchtversuch befand, wie er da inmitten der Gefangenen stand. Er fand das alles sehr traurig, insbesondere, weil er sich so über den erfolgreichen Zauber gefreut hatte, der nun einfach nicht mehr hielt. Was sollte er jetzt tun? Außer Aufgeben fiel ihm leider nichts ein. Aber das war auch nicht mehr nötig.
»Achtung! Waaaaaatz!« brüllte Hornel, als die kleine Fellkugel dem Soldatenhauptmann ins Kreuz gesprungen kam.
Die Wucht des Knäuels haute den großen Panzermann um, und noch ehe er sich wieder aufgerappelt hatte, hatte der Watz ihm seine Beinschienen samt der Kettenhose vom Leib gerissen. Gierig knusperte der Watz auf dem Metall herum, bevor er es verschluckte. Silia fragte sich beiläufig, wo all die Sachen hinkamen, die der Watz verschluckte, denn im Watz war ja wahrhaftig nicht genug Platz. Sie hatte aber nicht viel Zeit, sich mit der Sache zu beschäftigen, denn der Hauptmann hieb mit seinem Schwert nach dem Watz. Natürlich traf er ihn nicht, denn als die Waffe an der Stelle, wo der Watz eben noch gehockt hatte, die Luft durchschnitt, riss dieser gerade einem der beiden Wachtleute das Kettenhemd vom Leib. Damit war für diese beiden der Dienst in der Armee beendet, dachten sie wohl, als sie sich kurz in die Augen sahen und sich dann aus dem Staub machten.
Allerdings wollte der Hauptmann von Flucht oder dergleichen wohl nichts wissen. Stattdessen hieb er weiter nach dem wilden Watz, der sich nun des Hauptmanns obere Hälfte vornahm. Sorgsam biss er erst die linke, dann die rechte Armschiene ab und verschlang sie. Dann leckte er sich übers Maul und starrte hungrig auf Brustpanzer und Kettenhemd. Der Hauptmann schwang sein Schwert wie eine Sense, aber der Watz blieb davon vollkommen unbeeindruckt, rollte mal hierhin, mal dorthin, bevor zum Sprung ansetzte, und die Panzerplatte auf der Brust des Hauptmanns zerbiss. Das genügte dem Soldaten und auch er ergriff die Flucht. Der Watz saß noch eine Weile knurpselnd am Boden, bis er die letzten Metallreste mit einem lauten Rülpser auf Nimmerwiedersehen verschluckte. Dann suchte sein gieriger Blick nach dem nächsten Gang.
Silia lächelte den Watz herzlich an. Sie verspürte unendliche Dankbarkeit, dass er die Soldaten in die Flucht geschlagen hatte. Als er sie jetzt aus giftigen Äuglein anstarrte, fiel ihr allerdings wieder ein, wozu der kleine Kerl fähig war, zumal Großvater starr vor Angst neben ihr saß. Sie schloss die Augen und hörte eine Melodie in ihrem Kopf. Ehe sie sich’s versah, sang sie auch schon mit.
»Ratz‘, kleiner Watz… «

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