Aus dem Archiv bisher unveröffentlichter Texte von Kai-Eric Fitzner
(Kapitel 11) Ein neues Zuhause
»Ich will euch nichts versprechen«, sagte Tulmur zu den alten Männern und Kindern. »Ich werde Meister Thorbad fragen, ob er es euch gestattet, hier zu bleiben.«
Sie alle blickten auf das Tal mit dem imposanten Turm, dessen Schatten wie der einer großen Sonnenuhr gen Norden zeigte. Die Luft war warm, die Wiesen saftig und die Wälder satt und grün.
»Versteht uns nicht falsch«, sagte einer der alten Männer. »Wir sind Euch sehr dankbar, Meister Tulmur. Aber unsere Frauen sind daheim und dort gehören wir auch hin. Sehr gerne nehmen wir Euer Angebot an, uns Proviant zu geben. Aber bleiben können wir nicht.«
Tulmur nickte. »Ich verstehe euch gut.« Er zeigte zu einer der Siedlungen, die an sich um eine Mühle am Fluss gebildet hatte. »Dort wird man euch das nötigste geben. Fragt auch ruhig ein paar der Jäger, ob sie euch begleiten. Sagt ihnen, wir werden sie für ihre Mühen entlohnen. Ich wünsche euch eine gute Reise.«
Freudiges Gemurmel und viele Dankesrufe kamen von den Erretteten und das war Tulmur Lohn genug. Er setzte sich wieder auf den Karren und sah Silia erwartungsvoll an.
»Komm, Großvater«, sagte Silia. Der Esel ist kräftig genug. Er kann uns alle drei ziehen.«
Großvater aber stieg nicht auf den Karren. Stattdessen kniete er sich vor Silia auf den Boden. »Ich kann nicht hier bleiben, Silia.«
»Warum nicht?«
Großvater seufzte. »Was soll denn aus unseren Ziegen werden?«
Silia grübelte. Ihre Ziegen! Die hatte sie schon ganz vergessen. »Oh«, sagte sie. »Ich verstehe. Aber das ist so ungerecht. Hier kann ich lesen lernen, Großvater. Tulmur will es mir beibringen.«
»Das freut mich für dich«, sagte Großvater und Silia sah, wie sein Augen ganz feucht wurden. »Dann heißt es wohl Abschied nehmen.«
Silia wurde halb starr vor Schreck. Sie spürte, dass sie jeden Moment losheulen wollte, aber das wollte sie nicht. Nicht nach all dem, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte. »Ich lass dich nicht alleine gehen, Großvater«, sagte sie und schluckte schwer.
»Oh, Silia«, sagte Großvater. »Du gutes, liebes Kind. Vielleicht finden wir bei uns jemanden, der des Lesens kundig ist.« Er nahm sie in den Arm und Silia konnte die Tränen kaum noch zurückhalten. Dann vernahm sie ein Räuspern.
»Ich mische mich da ja nur ungern ein«, sagte Tulmur. »Aber so geht das nicht. Ich habe Silia gekauft. Ihr könnt sie nicht einfach mitnehmen.«
Großvater sah Tulmur verdutzt an. »Was willst du damit sagen?«
»Silia gehört Meister Thorbad. Solange er sie nicht aus seinen Diensten entlassen hat, kann sie nicht mit Euch gehen.«
Großvater war ratlos. »Kann man da denn gar nichts machen?«
Tulmur grinste von einem Ohr zum anderen. »Nun, vielleicht doch«, sagte er.
*
»Silia. Tu‘ mir einen Gefallen. Erzähle Meister Thorbad nichts von dem Tor mit dem Drachen. Bitte«, sagte Tulmur, während Silia Hornel vom Karren abschirrte.
»Aber warum denn nicht?«
»Wenn er davon erfährt, dann schickt er uns gewiss dorthin, um eine der Statuen zu fangen. Wenn nicht gar den Drachen selbst. Bitte, sag ihm nichts. Ich flehe dich an.«
»Aber willst du denn gar nicht wissen, was hinter dieser Tür ist?«
»Doch. Eben. Genau das will ich auch wissen. Wenn ich aber eine der Statuen oder den Drachen fangen soll, dann werden wir es nie erfahren.«
»Oh«, sagte Silia. »Das wäre schade.«
»Ich bin froh, dass du das genauso siehst. Ich hole jetzt einen stärkeren Käfig für den Watz. Dieses Flickwerk könnte sogar ich zerbeißen, glaube ich.«
Tulmur schlurfte von dannen und Silia überkam ganz plötzlich das dringende Gefühl, Hornel in den Arm zu nehmen und ganz fest zu drücken.
»Hoppla«, sagte der Esel. »Was ist denn nun?«
»Ach, nichts besonderes«, sagte Silia. »Ich bin nur so glücklich. Und ich will dir danken.«
»Mir?« fragte Hornel erstaunt. »Wofür?«
»Einfach dafür, dass du mir so ein lieber Reisebegleiter warst.« Sie gab ihm einen Kuss zwischen die Augen, bevor sie den Karren ablud.
Hornel hingegen senkte den Kopf und ein erfahrener Eselkenner hätte sicherlich bemerkt, dass er ein wenig rot wurde. Aber da auch Tulmur kein Eselkenner war, bemerkte er es eben nicht, als er mit dem Käfig zurückkam.
*
»Findest du es eigentlich richtig, den kleinen Watz einzusperren, Tulmur?«
Sie stiegen die große Wendeltreppe hinauf, um Meister Thorbad von den Ereignissen auf ihrer Reise zu unterrichten.
»Ich weiß es nicht und ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht zu treffen habe. Einerseits hast du ja auch gesehen, wozu diese kleine Kreatur fähig ist«, sagte Tulmur. »Andererseits…«
Silia nickte. »Ich weiß, was du meinst. Er kann ja nichts dafür, dass er so ist.«
»Genau.«
Sie schwiegen ein ganzes Stockwerk lang.
»Was wird eigentlich aus dem guten Hornel?«
Tulmur kniff die Augen zusammen. »Ich habe auch schon darüber nachgedacht.«
»Und?«
»Ein Geschöpf wie Hornel lässt sich nicht einsperren. Das beste wird sein, wir lassen ihn ziehen, wohin er will.«
Silia lachte. »Dann hast du dein Geld ja für nichts und wieder nichts ausgegeben.«
»Das sehe ich anders«, grinste Tulmur zurück.
Sie gingen zu Meister Thorbads Studierzimmertür, vor der die graue Katze sie maunzend erwartete. Die Tür öffnete sich wie von Geisterhand und Meister Thorbads brummende Stimme begrüßte sie.
»Tretet näher«, sagte er.
*
»Warum habt ihr ihm nicht einfach einen Ledersack über den Kopf gestülpt, ihr Tölpel? Leder mag er doch nun überhaupt nicht«, sagte Meister Thorbad, nachdem sie ihre Erzählung beendet hatten, wobei sie die Rolle Hornels auf die eines Karren-ziehenden Esels reduzierten. Ihn eingesperrt zu sehen hätten sie beide nicht übers Herz gebracht.
»Aber…«, wollte Silia protestieren, aber Tulmur fuhrt ihr über den Mund.
»Das war dumm von mir, Meister«, sagte er.
»Nein, Tulmur. Es war dumm von dir, mich vor eurer Abreise nicht nach dem Buch zu fragen. Du musst dich gewissenhafter vorbereiten.«
»Ja, Meister.«
»Nun gut. Reden wir nicht mehr davon. Ich bin dennoch sehr zufrieden, auch wenn ihr mir den wahrhaft wertvollsten Fund verschweigt.«
Silia wurde blass, während Tulmur betreten zu Boden sah.
»Kein Grund zur Sorge. Ich werde keine Kreatur einsperren, die des Zauberns mächtig ist. Und ganz sicher kein Einhorn. Aber eines schreibt ihr beiden euch hinter die Löffel. Lügt mich nie wieder an.«
Den letzten Satz sagte er ganz ruhig, aber für einen Moment glaubte Silia, ein blaues Flackern hinter seinem Augenbrauenvorhang gesehen zu haben.
»Glaubt ihr denn wirklich, ich hätte euch ohne den Esel dorthin geschickt? Haltet ihr mich denn wirklich für so herzlos? Tulmur, Tulmur. Wie lange bist du denn schon bei mir?«
»Zwei Jahre, Meister«, sagte Tulmur und schämte sich sehr.
»Zwei Jahre«, wiederholte Meister Thorbad. »Habe ich dir in diesen zwei Jahren Anlass zur Klage gegeben? Ich glaube nicht. Habe ich dich jemals belogen? Naja, woher solltest du das wissen? Zwei Jahre«, sagte Meister Thorbad und schüttelte sanft den Kopf. Silia hatte überhaupt keine Ahnung, was nun folgen würde, aber sie bereitete sich innerlich darauf vor, gleich in eine Kröte verwandelt zu werden, weil sie doch Thorbad wegen der Sache mit den Kindern von Nala belogen hatten. Aber dann sprach Thorbad weiter: »Und nun hast du zum ersten Mal… gezaubert. Endlich«, sagte Meister Thorbad. »Deine Ausbildung kann beginnen. Und deine ebenfalls«, richtete er nun das Wort an Silia. »Ja, du wirst lesen lernen, Silia. Damit du verstehen lernst. Du hast mehr Fragen in dir, als selbst ich dir beantworten könnte.« Meister Thorbad griff nach seiner Pfeife un begann, Tabak hineinzustopfen. »Ihr könnt gehen«, sagte er nach einer gewichtigen Pause.
Silia und Thorbad waren schon in der Tür, als der mächtige Zauberer noch einmal das Wort ergriff. »Und was die Kinder von Nala betrifft: Ihr werdet ihnen einen Besuch abstatten, wenn sie erwacht sind. Vorher wünsche ich nichts mehr darüber zu hören.«
Dann schloss sich die Tür und schob sie auf den Flur.
»Er hat es gewusst?« fragte Silia.
Tulmur hob die Schultern. »Lass uns essen. Ich bin hungrig.«
*
»Armer, kleiner Watz«, sagte Silia wie immer zum Abschied, bevor sie ihm sein Schlaflied sang. Und wie immer schloss er zufrieden grunzend die Augen.
Er tat ihr sehr leid, aber sie verstand die Notwendigkeit, ihn einzusperren. Aber trotzdem war sie ungeheuer wütend auf den garstigen Gunselmir, der all diese armen Kreaturen erschaffen hatte.
Sie stieg die Treppe empor, die aus dem Verlies nach oben führte und trat neben dem Kuhstall ins Freie. Sorgsam verriegelte sie die Tür. Hornel stand auf der Wiese und graste bei den Pferden, mit denen er sich prächtig verstand. Er hatte Thorbad ganz offiziell um Bleiberecht ersucht, was der alte Zauberer ihm nur zu gerne gewährte. Zudem versprach er dem Einhornesel Schutz vor den rachsüchtigen Einhörnern.
Gerade wollte sie sich unter ihren Baum setzen, um weiterzulesen, als sie das Gemecker hörte. Aufgeregt lief sie um den Turm herum, wo Tulmur sie bereits erwartete und ins Tal hinunter zeigte. »Ich schätze, unser neuer Haushofmeister hat es endlich geschafft«, sagte er.
Großvater war noch ein ganzes Stück entfernt und die meisten der Ziegen waren noch bei ihm. Aber ein paar der Zicklein hatten Silia schon von weitem erkannt und rannten ihr entgegen. Als sie sie erreicht hatten, hüpften sie aufgeregt an ihr auf und ab, bis die erste von ihnen schließlich Tulmur erblickte und einen Meckerton ausstieß, der die Übrigen zum Schweigen brachte. Es folgte ein Moment der Stille, als die Vorhut der Ziegen ihre Blicke auf Tulmur heftete. Dann meckerten alle los und es bestand auch für den im Umgang mit Ziegen wenig geübten Beobachter kein Zweifel, dass sie ihn auslachten.
»Ziegen!« sagte Tulmur. »Was habe ich mir nur dabei gedacht? Siehst du, Silia? Sie können mich nicht ausstehen.«
»Aber Tulmur«, lachte Silia. »Hast du noch immer nicht begriffen, warum sie dich ausgelacht haben? Es ist wegen deines Bartes. Sie halten dich für einen von ihnen.«
Tulmur strich sich durch sein Bärtchen. »Und warum lachen sie mich dann aus?«
»Weil du kein Fell hast«, sagte Silia, bevor sie freudestrahlend den Hügel hinab rannte, Großvater entgegen.
– ENDE –

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